Nashörner Blutige Schlacht ums Horn

Auf dem Schwarzmarkt ist das Horn eines Rhinos wertvoller als Gold. Hauptabnehmer sind China und Vietnam, doch auch in Deutschland tauchen vereinzelt Exponate auf. Durch die Jagd ist der Bestand der seltenen Tiere wieder bedroht.

Von "National Geographic"-Autor Peter Gwin

Brent Stirton

Gideon Van Deventer kennt die Stelle genau, die ein 19,5-Gramm-Geschoss treffen muss, damit es in das Gehirn eindringt und das Nashorn zu Fall bringt: 15 Zentimeter hinter dem Auge und fünf Zentimeter vor dem Ohr. Er ermittelt den Punkt am eigenen Kopf und tippt mit seinem schwieligen Zeigefinger auf eine Stelle hinter dem Wangenknochen. "Genau hier muss man sie treffen. Ihr Gehirn ist winzig", sagt er. "

Meine Einweisung in die Wilderei findet im Gefängnis Kroonstad statt, etwa zwei Autostunden südlich von Johannesburg. Der 42-jährige Van Deventer möchte Deon genannt werden. Als "Lehrer" ist er besonders qualifiziert: Nach eigener Aussage hat er 22 Nashörner erlegt. Das macht ihn in Südafrika und vermutlich weltweit zum "erfolgreichsten" verurteilten Nashornwilderer.

Im Jahr 2005 fragte ihn sein Bruder Andre, der für den Safariveranstalter Gert Saaiman arbeitete, ob er an der Jagd auf ein Nashorn interessiert sei. Deon hatte das noch nie gemacht, aber er lernte schnell. Bei der Fährtensuche muss man zuerst herausfinden, wo sie ihr Geschäft verrichten, erzählt er. Breitmaulnashorn-Bullen trampeln in ihrem eigenen Mist herum, um ihren Geruch zu verbreiten und ihr Revier zu markieren. Dadurch sind sie leicht aufzuspüren.

Gemeinsam reisten die Brüder durch Südafrika und jagten Nashörner in Nationalparks und privaten Schutzgebieten. Dank erfolgreicher Zuchtprojekte gab es reichlich Tiere, deren Bewachung nachlässig oder leicht zu umgehen war. Nach dem Abschuss der Tiere gaben sie die Hörner zum Verkauf weiter. "Aber ich habe wenig verdient", sagt er. Sein Bruder und er sowie zwei weitere Männer teilten sich knapp 9000 Euro für zwei Hörner, die zusammen sechs Kilo wogen. Die Unzufriedenheit mit seinem Anteil führte schließlich zu Deons Verhaftung. Er hatte ein Nashorn allein erlegt und wurde beim Versuch es zu verkaufen erwischt.

Luxus-Nahrungsergänzungsmittel Horn - zur Vorbeugung gegen Kater

Egal wie versiert Deon van Deventer als Fährtensucher auch ist, in Vietnam würde er vergebens nach Nashörnern suchen. Java-Nashörner lebten dort einst zahlreich in den Wäldern und Flussauen, doch im Jahr 2010 erlegten Wilderer das letzte Nashorn im Land. Dennoch herrscht in Vietnam kein Mangel an Rhinozeros-Horn. Während sich der Schwarzhandel mit den Hörnern früher auf Märkte in China, Taiwan, Südkorea, Japan und im Jemen konzentrierte, liegt der Schwerpunkt heute in Vietnam.

Um herauszufinden, wie weit der Gebrauch des Horns in Vietnam verbreitet ist, bereise ich das Land mit einer Frau, die ich hier Frau Thien nenne. Bei einer Mammografie wurde in ihrer rechten Brust ein Fleck entdeckt, eine Ultraschalluntersuchung zeigte einen besorgniserregenden Schatten auf einem Eierstock. Die attraktive und optimistische 52-Jährige plant eine Behandlung mit moderner Medizin, will aber trotzdem auch traditionelle Heiler konsultieren.

Ich frage sie, ob sie wirklich an die Heilkraft von Rhinozeros-Horn glaube. "Ich weiß es nicht", gibt sie achselzuckend zurück. "Aber wenn man sonst vielleicht früher sterben muss, kann ein Versuch nicht schaden." Unsere Reise führt uns von Krebskrankenhäusern und traditionellen Behandlungsorten in Hanoi und Saigon zu Heilkräutergeschäften, Boutiquen für exotische Tierfelle und Wohnhäusern in Kleinstädten. Wo immer wir auch nachsehen, überall finden wir Rhinozeros-Hörner.

Eines Abends besuchen Frau Thien und ich in Hanoi ein Café am Seeufer. Sie erklärt dem Besitzer ihre Lage. Er zieht ein etwa seifengroßes, bernsteinfarbenes Hornstück und eine Keramikschale hervor, auf die ein Nashorn gezeichnet ist. Er gießt etwas Wasser in die Schale, deren Boden rau wie Sandpapier ist, und verreibt das Horn mit einer kreisenden Bewegung. Nach einigen Minuten entsteht ein beißender Geruch, und das Wasser färbt sich milchig weiß. Der Cafébesitzer erklärt, dass er das Horn als Nahrungsergänzungsmittel und zur Vorbeugung gegen Kater gekauft habe. 180 Gramm hätten ihn mehr als 14.000 Euro gekostet.

Vier Monate nach meinem Treffen mit Deon wird er aus dem Gefängnis Kroonstad entlassen. Er hat der Polizei mitgeteilt, dass er nicht gegen seine Komplizen aussagen werde. Später wird die Anklage gegen den Safariveranstalter Gert Saaiman fallengelassen. Unterdessen erlegen Wilderer vier Breitmaulnashörner auf John Humes Farm. Frau Thiens Ärzte stellen fest, dass die Schatten auf Brust und Eierstöcken Zysten sind. Sie behandelt sie mit einer Mischung aus westlicher und asiatischer Medizin, darunter auch Rhino-Horn.

Die ungekürzte Fassung dieses Textes stammt aus National Geographic Deutschland, Ausgabe März 2012, www.nationalgeographic.de . Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/rhinos.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 03.03.2012
1.
Zitat von sysopBrent StirtonAuf dem Schwarzmarkt ist das Horn eines Rhinos wertvoller als Gold. Hauptabnehmer sind China und Vietnam, doch auch in Deutschland tauchen vereinzelt Exponate auf. Durch die Jagd ist der Bestand der seltenen Tiere wieder bedroht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,818816,00.html
Die Einfalt mancher Menschen ist halt grenzenlos. Zu Pulver zerrieben lässt sich das Zeug nicht mehr von Klauen, Hufen oder Haaren beliebiger Provenienz unterscheiden. Die sogenannte Traditionelle Chinesische Medizin ist doch auch bei hiesigen Einfaltspinseln ein großer Renner. Wer diese propagiert, sollte nicht über Menschen urteilen, die sich bei einem unheilbaren Leiden an den vermeintlichen Strohhalm Rhino klammern.
osterkatze 03.03.2012
2. Harte Strafen!
Da hier schlimmster Raubbau gegen die Natur begangen wird und die Tiere auf martialischste Art getötet werden, sollte man die Bestrafung entsprechend der für Mord - angepasst an das jeweilige Land - einführen.
Dumme Fragen 03.03.2012
3. Hmm
Zitat von taglöhnerDie Einfalt mancher Menschen ist halt grenzenlos. Zu Pulver zerrieben lässt sich das Zeug nicht mehr von Klauen, Hufen oder Haaren beliebiger Provenienz unterscheiden. Die sogenannte Traditionelle Chinesische Medizin ist doch auch bei hiesigen Einfaltspinseln ein großer Renner. Wer diese propagiert, sollte nicht über Menschen urteilen, die sich bei einem unheilbaren Leiden an den vermeintlichen Strohhalm Rhino klammern.
Man sollte den "Markt" mit entsprechenden Plagiaten überschwemmen!
taglöhner 03.03.2012
4. Narco-Marketing
Zitat von osterkatzeDa hier schlimmster Raubbau gegen die Natur begangen wird und die Tiere auf martialischste Art getötet werden, sollte man die Bestrafung entsprechend der für Mord - angepasst an das jeweilige Land - einführen.
"Modernere" Wilderer gehen bereits mit dem Betäubungsgewehr auf Beutezug. Sozusagen nachhaltiges Rohstoffmanagment. Vielleicht ein PR-Gag um westliche TCM-Anhänger zu besänftigen. Solange die Nachfrage besteht wird keine Strafe reichen. Der Profit ist groß genug, um sein Leben dafür zu riskieren. Entscheidend wird sich nur etwas ändern, wenn beim Kunden Glauben durch Bildung ersetzt wird. Versuchen Sie das mal bei uns mit "Alternativmedizin"-Anhängern, dann können Sie abschätzen wie groß diese Aufgabe ist. Bis dahin wird man jedes einzelne Tier Tag und Nacht bewachen müssen, oder Ihm das Horn absägen, um es zu schützen.
taglöhner 03.03.2012
5. Kaviar
Zitat von Dumme FragenMan sollte den "Markt" mit entsprechenden Plagiaten überschwemmen!
Das ist er bereits. Falsches Bling-Bling ändert aber leider auch am Goldwert so wenig wie Verschnitt am Kokspreis. Echtes bekommen Sie natürlich hier auch nur mit Zertifikat.
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