Natur und Ästhetik Die Suche nach der Quelle aller Schönheit

3. Teil: Die anziehende Fülle des Lebens


Es könnte vorläufig folgender Devise gehorchen: Schönheit ist die Selbsttransparenz der Lebendigkeit, das sprachlose Sichtbarwerden ihres Grundcharakters - Kreativität, Gefühl, Übermut, Sympathie, Schmerz und Liebe - in allen Formen auf einer Skala vom vollkommen unbewusst Körperlichen bis zum total künstlich Geistigen. Diese Idee der Schönheit besagt, dass wir in ihr Wahrheit über das Leben vernehmen, dass wir diese aber nicht wissenschaftlich erfahren, als Erklärung, sondern poetisch, als Gefühl. Wir wissen es doch längst: Jedes lebensvolle Gesicht ist schön. Und jedes Wesen, und sei es noch oder gerade so bizarr wie Haeckels Medusen, vermag darum anzuziehen: weil es - gerade unbewusst! - Leben in Fülle hat. Dies war Haeckels intuitive Erkenntnis, mit der er die Subversion seiner eigenen darwinistischen Thesen betrieb. Haeckel war ja gerade von dieser überwältigenden Manifestation des Vitalen, von seiner Ausdrucksfähigkeit gebannt. Man denke an des jungen Forschers Nächte vor seinem improvisierten Labortisch in italienischen Hotels, an dem er immer tiefer in die Welt unbekannter Formen hinabtauchte.

Es ist ja nicht so, dass diese Fülle heute keinen mehr interessierte. Ganz im Gegenteil. Nur den Hütern der offiziellen Wahrheit, den Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren, ist sie suspekt, denn sie wirft alles, was sie gelernt haben, über den Haufen. Sie ist schön, und sie ist real.

Aber die Abstimmung mit den Füßen zeigt: Natur ist eine tragende Säule unserer Alltagskultur geworden. Tier- und Landschaftsfilme füllen Fernsehprogramme zur besten Sendezeit. Der grüne Rand ums Haus, Zimmerpflanzen, sogar das Blumenmuster auf Tellern und Tapeten holen Vegetatives ins nächste Lebensumfeld. Im kleinsten Apartment ist Platz für Hund, Fisch oder Ziervogel. Und in den Ferien gilt: bloß weg, in "unberührte" Länder.

Natur, so scheint es, ist dem Menschen ein elementares Bedürfnis - und das offensichtlich in dem Maß mehr, wie das Reservoir erlebbarer unberührter Landschaft schrumpft. Wir hängen an Tieren und Pflanzen wie an einer Nabelschnur. Denn in seinem Leib ist der Mensch selbst Natur. Unser innerer Kern ist körperlich, organisch und unserem rationalen Denken letztlich entzogen. Das Zentrum dieses Mysteriums bildet das Schöne.

Nur die Erfahrung des Schönen lotet das Volumen möglicher Erfahrungen aus - ohne Worte, aber doch auf eigene Art höchst rational: Die Vernunft des Schönen nämlich entspringt den organischen Gesetzen, denen das menschliche Leben ebenso unterliegt wie das der Tiere und Pflanzen. Die elementarsten Möglichkeiten, das Wunder des Aufblühens und die Verzweiflung des Zerfalls, ragen mit ihren Wurzeln ins Dunkel unserer Psyche hinein, die uns darum verborgen ist, weil sie vom Auf und Ab unseres Körpers regiert wird. In diesem Sinn ist die vegetative Welt um uns mit der Psyche in uns identisch. Ihr hält die Natur einen stummen Spiegel vor. Sie drückt vor mir aus, was in mir ist.

Die Natur offenbart ihr Geheimnis nicht dem Argument und nicht der biochemischen Analyse. Sie zeigt es - als Geste und als Gestalt, als Eindruck von Licht und Wärme, von Dunkel und Verfall, von Härte und Dauer, von Wachstum und Wiederkehr. Wir können den letzten Sinn, der uns nebelhaft bleibt, dennoch erfassen, weil wir dazugehören. In der Koralle, im stiebenden Fischschwarm stecken ebenso viele Schichten des Erlebens wie in mir selbst, wenn ich meine Ausdauer vernehme, meine Wehmut. Das ist eine Objektivität, die sich nie auf den Nenner einer Zahl reduzieren lassen wird. Und doch ist sie es, die wir alle, alle Lebewesen, verstehen. Es ist der poetische Kern des Kosmos, der sich auf diese Weise einen Ausdruck bahnt.

Was in Haeckels Bildern mitschwingt, was sie auch heute noch anrührend macht, ist nicht ihre stammesgeschichtliche Präzision. Es ist diese Ergriffenheit, es ist die Möglichkeit, in der Freude ohne Worte zu uns selbst zu kommen. Eine Zeitgenossin Haeckels, die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, brachte diese Einsicht wie wenige zum Ausdruck, als sie - ebenfalls bereits anachronistisch - in einem Brief notierte: "Man kann doch die Blättchen und Blütenköpfchen nicht sehen, ohne zu wissen: Man ist ihnen verwandt. Der Frühling sagt es so laut, dass auch wir Frühlinge sind. Denn dies ist der Grund unseres Entzückens an ihm."



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
the_flying_horse, 13.07.2008
1. Relativ
Schönheit ist relativ. Ich glaube nicht, das die Natur irgendetwas aus rein ästhetischen Gründen hervorgebracht hat; wenn überhaupt, ist Schönheit Mittel zum Zweck: Feinde ablenken/abschrecken oder Beute machen. Nur der mensch empfindet etwas als schön, und das ist auch von Region zu Region auf diesem Planeten anders - also muss erst einmal die Frage gestellt bzw. geklärt werden: was ist überhaupt Schönheit?
cottbus1 13.07.2008
2. Hier eine weniger negative Sicht
"Wenn es aber weder eine Natur gibt noch einen Menschen, dann ist auch die Idee der objektiven Schönheit gestorben." Hmm, ist das so? Würde es nicht reichen, den Menschen allein aus dieser Gleichung zu entfernen?! Schönheit ist doch ein Emfinden, wie Kant sagt ein "Spiel der Vermögen", und ich bin mir sicher, dass es dem Baum am Vermögen des Verstandes mit hoher Wahrscheinlichkeit mangelt (beim Tier bin ich mir nicht so sicher)! "In einem Kraftakt versuchte Haeckel beide Kräfte noch einmal zusammenzuspannen, das unerbittliche Naturgesetz und die unergründliche Naturgestalt." So soll ich dies also verstehen, dass es der Natur Gesetz ist, die Schönheit inne zu haben? Ja warum streiten wir uns denn dann immernoch über dies und das Naurphänomen bezüglich seiner Schönheit? Diese These steht gegen meiner Überzeugung des freien Willens! Nicht die "Natur" hat entschieden was schön ist, das ist immernoch allein meiner eigenen Meinung unterwürfig. Ich streite mich ja auch nicht mir der Natur darüber, ob sie nun schön sein will, sondern immernoch mit anderen Menschen. Und das Streiten über Schönheit ist nach Kant etwas streng logisches, da diesbezüglich im Menschen selbst die Überzeugung einer objektiven Wahrheit ruht welche es zu finden gilt. Und wenn ich nun anhand des Sonnenuntergangs sprachlos bin, so möge ich dies als schön emfinden! Und wenn ich nun anhand des Hurricans und dessen Auswirkungen sprachlos bin, so möge ich dies nicht als schön emfinden! Der Sinn zur Ästhetik ist allein dem Menschen vorbehalten! "Die Epoche, in der sich der Mensch zuerst als vereinzeltes Subjekt feierte,..." Nach Aristoteles ist jede menschliche Leistung, die in die Umwelt eingreift Kunst (nicht gleich Kunstwerk!). Die Natur selbst trägt die Quelle der Bewegung in sich selbst. Und so trifft dies natürlich auch auf den Menschen zu. Der Mensch hat nun einmal die Fähigkeit erworben, zu gestalten, aktiv zu verändern! Und das tut der Mensch doch auch heute noch. Er lernt aus seiner Vergangeheit, wenn er es will und er den Zugang zu Wissen hat. Und dann versucht er die Dinge besser zu gestalten. Staatsterror ist in Europa nach objektiven Maßstäben verschwunden. Technik hat dem Menschen so viel Gutes ermöglicht und natürlich auch im gleichen Maße Gegenteiliges. Und ob es "die Vernunft des Schönen" vermag, diese Waage zum positiven umschwenken zu lassen bezweifle ich. Was die Menschheit bei dieser negativen Sicht der Dinge (Technik, Wissenschaft, Forschung) retten kann ist meines Erachtens allein die Idee der christlichen Nächstenliebe (ich bin nicht religiös!!!). Das Schöne lenkt unseren Blick nur zur sehr vom nicht Schönen ab! Deswegen geben wir unser Geld lieber für Museen aus, als es zu spenden. Nunja, ich für meinen Teil werd gleich noch inne Kneipe gehn und mit Freundin über Ästhetik diskutieren, weil wir Mittwoch ne Prüfung schreiben. Ein Kommilitone des Studiengangs "Kultur und Technik" grüßt den Autor:)
misr35 13.07.2008
3. Quelle aller Schönheit
Zunächst möchte ich mich einmal bedanken für diesen hervorragenden Artikel. In meiner Schulzeit, am Tulla Real Gymnasium ( ca. 1955 )in Mannheim wurden uns im Biologie Unterricht, sozusagen als AG, diese Formenvielfalt in der Natur an Bildern von Haeckel zugänglich gemacht. Diese Einsichten und deren Folgen haben im wesentlichen mein späteres Leben stark beeinflußt. Die in dieser Form dargestellte Natur hat (einige von )uns so angeregt , wie man durch Tuschezeichnungen solch detailierte , (beautiful) Bilder darstellen konnte, dass dies uns die Augen für die Schönheit und den Respekt der Pflanzen und Tiere öffnete. Auch in unseren Hausarbeiten versuchten wir so nah als möglich, mit viel Geduld dieser Perfektion nahezukommen. Ich weiß nicht ob es solche Anregungen der Lehrer heute noch gibt?. In jedem Falle , war diese Art des Unterrichtes bald auch in unserem Engagement bei anderen Fächern, Geographie, Musik, Zeichenunterricht, Physik , Chemie und Gemeinschaftkunde, wo bildliche Darstellungen gefragt waren und man sich deshalb mit dem Thema intensiv befassen musste von den anderen Fachlehrern anerkannt. Natürlich haben dann diese Erfolgserlebnisse uns auch für die Schule begeistert, wir waren begeisterte Schüler, wenn es auch manchmal doch eine schlechte Note gab.. Gibt es das heute noch?. G. Fuetterer
pu_king81, 13.07.2008
4. Der Umkehrschluss stimmt wohl eher:
Aesthetik hat einen Sinn fuer Schoepfung. MfG pu
phillip.k 13.07.2008
5. Altes und Neues
Zitat von misr35Zunächst möchte ich mich einmal bedanken für diesen hervorragenden Artikel. In meiner Schulzeit, am Tulla Real Gymnasium ( ca. 1955 )in Mannheim wurden uns im Biologie Unterricht, sozusagen als AG, diese Formenvielfalt in der Natur an Bildern von Haeckel zugänglich gemacht. Diese Einsichten und deren Folgen haben im wesentlichen mein späteres Leben stark beeinflußt. Die in dieser Form dargestellte Natur hat (einige von )uns so angeregt , wie man durch Tuschezeichnungen solch detailierte , (beautiful) Bilder darstellen konnte, dass dies uns die Augen für die Schönheit und den Respekt der Pflanzen und Tiere öffnete. Auch in unseren Hausarbeiten versuchten wir so nah als möglich, mit viel Geduld dieser Perfektion nahezukommen. Ich weiß nicht ob es solche Anregungen der Lehrer heute noch gibt?. In jedem Falle , war diese Art des Unterrichtes bald auch in unserem Engagement bei anderen Fächern, Geographie, Musik, Zeichenunterricht, Physik , Chemie und Gemeinschaftkunde, wo bildliche Darstellungen gefragt waren und man sich deshalb mit dem Thema intensiv befassen musste von den anderen Fachlehrern anerkannt. Natürlich haben dann diese Erfolgserlebnisse uns auch für die Schule begeistert, wir waren begeisterte Schüler, wenn es auch manchmal doch eine schlechte Note gab.. Gibt es das heute noch?. G. Fuetterer
Nein, bei uns zumindest nicht in dieser Form. Wir haben - was natürliche Ästhetik angeht - beigebracht bekommen (Bio-Leistungskurs - Genetik), dass die DNS ein hochkomplexer Algorithmus ist. In der Mathematik und Informationsverarbeitung erfuhren wir, dass es zur Entwicklung von Algorithmen einer Menge Grips und Konzentration bedarf. Und in der Evoulotionsbiologie hat man uns dann erklärt, dass - sinngemäß, so durch die Hintertür - Gläubige dumm sind. Natürlich wollte ich bzw. gehörte ich zu den "Klugen", bis es während des Studiums dann BING gemacht hat.
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