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Naturkatastrophe: Warum das deutsche Tsunami-Warnsystem nicht helfen konnte

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Aufregung um das deutsche Tsunami-Warnsystem: Angeblich versagte es, als Riesenwellen am Montag Hunderte Menschen in Indonesien in den Tod rissen. Doch Dokumente zeigen, dass die Technik nichts mit der Tragödie zu tun hatte. Tödliche Fehler wurden anderswo gemacht.

Riesenwellen: Tsunamis überrollen indonesische Inseln Fotos
GITEWS / A. Rudloff

Hamburg - Nach den tödlichen Tsunamis in Indonesien am Montag ist ein Streit über das örtliche Tsunami-Warnsystem entbrannt, das vor allem von deutschen Ingenieuren errichtet wurde.

Auf der Inselkette Mentawai wurden bislang 343 Leichen gefunden, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzes des Provinz Westsumatra mitteilte. 338 Menschen würden noch vermisst. Die Rettungskräfte befürchten, dass sie von der Flutwelle ins Meer gerissen worden sind. Nach einem schweren Seebeben der Stärke 7,8 vor der Westküste der Insel Sumatra am Montagabend (Ortszeit) waren Tsunamis von bis zu acht Metern Höhe über die Inseln gerollt. Sie rissen nach Angaben lokaler Medien mehr als 25.000 Häuser fort.

Nun wird über ein mögliches Versagen des Alarmsystems spekuliert. 45 Millionen Euro hat Deutschland in die Anlage gesteckt; das Geld stammte vor allem aus dem Hilfsfonds der Tsunami-Katastrophe von 2004. Am Montag seien Warnbojen, die gefährliche Wellen auf dem Meer erkennen sollen, stumm geblieben, klagt ein indonesischer Meeresforscher laut einem Bericht der britischen BBC. Die 300.000 Euro teuren Geräte vor der Küste der Katastrophenregion seien kaputt. Zudem hätten keine Sirenen Alarm geschlagen, berichten Anwohner, so dass die Tsunamis überraschend gekommen seien.

Doch die Kritik am Warnsystem erscheint größtenteils unberechtigt. Versagt haben offenbar die lokalen Behörden - das zeigen Dokumente indonesischer Behörden, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Sie belegen, dass das Tsunami-Warnsystem im Wesentlichen funktioniert hat. Schon um 21.47 Uhr, knapp fünf Minuten, nachdem das Seebeben von Seismometern registriert worden war, gab das Warnzentrum in Jakarta Tsunami-Alarm.

Er wurde nach 39 Minuten aufgehoben, als die Tsunamis an der Küste Sumatras angekommen waren. "In der Stadt Padang waren sie nur noch 23 Zentimeter hoch", sagt Jörn Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam. Erdbebensensoren und Warnzentrum waren in den vergangenen fünf Jahren unter seiner Leitung installiert worden.

Problem der Letzten Meile

Die Warner waren diesmal auf verlorenem Posten, weil die Wellen schon wenige Minuten nach dem Seebeben auf die Mentawai-Inseln krachten - der Bebenherd lag in Küstennähe. "So schnell kann keine Warnung übermittelt werden", sagt Peter Koltermann, langjähriger Leiter der Tsunami-Abteilung der Unesco.

Warum aber blieben die Sirenen die ganze Nacht stumm, wie Anwohner klagen? Das Weiterleiten der Warnung, die sogenannte Letzte Meile, gilt generell als Schwachpunkt von Tsunami-Warnsystemen. Aus diesem Grund hatten Sozialforscher das Konzept des deutschen Alarmsystems bemängelt: Es habe der Letzten Meile zu wenig Beachtung geschenkt.

Fakt ist: Das Übermitteln des Alarms fällt nicht in den Bereich der Warnsystemingenieure. Es ist eine hoheitliche Aufgabe der indonesischen Behörden. Gleichwohl haben deutsche Entwicklungshelfer in den vergangenen Jahren großen Aufwand betrieben, um wenigstens an drei Orten des Landes exemplarisch die Voraussetzungen für die Weiterleitung eines Tsunami-Alarms zu schaffen. Allerdings fehlte oftmals das Verständnis für deutsche Standards. Kabel wurden nicht entsprechend der Anleitung im Boden vergraben, sondern über Palmen gehängt. Bis die Alarmübermittlung in jedem Dorf funktioniere, werde es "noch Jahre dauern", sagt Harald Spahn von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit.

Warnung vor dem nächsten Tsunami

Dennoch rätseln Experten, warum die Inselbewohner von den Tsunamis am Montag überrascht wurden - schließlich hatte sich das extrem starke Beben unweit der Küste ereignet. Die Anwohner hätten durch das Ruckeln eigentlich gewarnt sein müssen. Möglicherweise müssten in der Region verstärkt Tsunami-Übungen abgehalten werden, um den Leuten die Gefahr klarzumachen, meint Koltermann. Anwohner berichteten in lokalen Medien, sie hätten das Rumpeln der Erde nicht bemerkt, weil starker Regen sie in die Häuser getrieben hätte. Nach der ersten Welle seien dann viele auf Anhöhen geflüchtet. "Die Toten sind vor allem Leute, die der zweiten Welle nicht entkamen", sagt ein Anwohner der Zeitung "Jakarta Post".

An versagenden Bojen lag das nicht. Zwar bestätigen Uno-Experten SPIEGEL ONLINE, dass mindestens ein Exemplar in der Nähe der Katastrophenregion beschädigt ist. Das Problem aber ist alt: Die meisten Tsunami-Warnbojen im Indischen Ozean sind regelmäßig außer Betrieb. Eine deutsche Boje etwa hatte sich aufgrund starken Algenbewuchses losgerissen. Eine andere wurde von Fischern abgeschnitten. Indien hatte zeitweilig gar fünf seiner sechs Warnbojen verloren. Piraten sollen sie geklaut, zerlegt und die Teile auf Märkten verkauft haben.

Die Bedeutung der Bojen für das gesamte Tsunami-Warnsystem ist nicht besonders groß. Sie dienen lediglich der Überprüfung, ob ein Seebeben tatsächlich eine Welle ausgelöst hat. Bei starken Erschütterungen wie der vom Montag besteht in jedem Fall höchste Alarmstufe. "In solch einem Fall braucht man die Bojendaten gar nicht", sagt Koltermann. Dann gelte nur eines: Küstenbewohner müssten wissen, dass der Meeresboden stark gebebt hat. Warum die Information am Montag bei vielen nicht ankam, müsse nun geklärt werden.

Unterdessen warnen Seismologen vor weiteren Tsunamis: Studien des Seismologen Kerry Sieh vom Earth Observatory of Singapore und seinen Kollegen zeigen, dass sich die Beben vor Sumatra wie fallende Dominosteine verhalten - ein Beben löst das nächste aus. Bald stehe ein noch stärkerer Schlag als jener vom Montag bevor, sagt Sieh: Vor der Insel Siberut vor Sumatra drohe ein Beben der Stärke 8,8 - gewaltige Tsunamis könnten die Folge sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Man wird sich doch noch ärgern dürfen!
AKI CHIBA 28.10.2010
Am Grundtenor des Artikels gibt es wohl nichts zu deuteln. Modernste Technik -also Fortschritt- in die Verantwortung eines theokratischen Staates zu geben, ist allerdings gewagt. Man braucht sich nicht wundern, wenn Undank der Lohn ist. In Zukunft sollte jeden zweiten Küstenkilometer ein Minarett aufgestellt werden. Der Muezzin macht das dann! Allahu Akbar.
2. Last Mile
Lagenorhynchus 28.10.2010
Zitat von sysopAufregung um das deutsche Tsunami-Warnsystem: Angeblich versagte es, als Riesenwellen am Montag Hunderte Menschen in Indonesien in*den Tod rissen. Doch*Dokumente zeigen, dass die Technik*nichts mit der Tragödie zu tun hatte. Tödliche Fehler wurden anderswo gemacht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,725882,00.html
Die ewigen und hier nachweislich unbegründeten Schuldverweise an spendable Länder sind schon peinlich und sollen von einem Versagen der indonesischen Verwaltung ablenken oder um mehr Gelder barmen. Bei einem Erdbeben in Küstennähe ist Alarm zu geben, das können die Indonesier entweder auch ohne Tsunamibojen oder grundsätzlich nicht. Was aber nicht minder peinlich ist, ist die Vorstellung, ein Frühwarnsystem in einer solchen Region mit Erdkabeln zu regeln. Wer baut sowas? Meine Güte, das schreit zum Himmel. Was die Dörfer brauchen, sind solargespeiste, autarke Funkstationen, die per Satellit funktionieren. An einem Emfang geostationärer Satelliten sollte es unter dem Äquator keinen Mangel haben. Je nach Beschaffenheit der Region mit Relaystationen regeln, die per Satellit ausgelöst und auf Funktionstüchtigkeit geprüft werden und die dann regional billigere ebenfalls autarke Alarmeinheiten anfunken, die ebenfalls regelmäßig per Funk ihre Funktionsfähigkeit und Unversehrtheit mitteilen. Alles machbar. Aber es war eben Tsunami-Geld da und das musste halt weg. Und die Indonesier wollten eben auch lokal Aufträge vergeben. Form follows function, corruption follows funds.
3. Realitätsferne
Der Kazzar, 28.10.2010
Es gibt auch andere Informationen und Dokumente, die dem Spiegel-Schluss widersprechen, und dies lange bevor der Fall genau so eingetreten ist, wie an der deutschen Technik-Konzeption bemängelt. sowohl in Japan als auch in USA sprechen die Experten eine andere Sprache als "unsere". Ich würde sagen, die deutsche Ingenieurskunst ist wieder einmal an der mangelhaften Anpassung an die Wirklichkeit gescheitert. Und: die letzte Meile gehört zwingend fest verankert in die technologische Realisierung. Sonst ist sie mehr als nutzlos, dann ist sie gefährlicher als als ihr Weglassen.
4. Realitätsferne
Der Kazzar, 28.10.2010
Es gibt auch andere Informationen und Dokumente, die dem Spiegel-Schluss widersprechen, und dies lange bevor der Fall genau so eingetreten ist, wie an der deutschen Technik-Konzeption bemängelt. sowohl in Japan als auch in USA sprechen die Experten eine andere Sprache als "unsere". Ich würde sagen, die deutsche Ingenieurskunst ist wieder einmal an der mangelhaften Anpassung an die Wirklichkeit gescheitert. Und: die letzte Meile gehört zwingend fest verankert in die technologische Realisierung. Sonst ist sie mehr als nutzlos, dann ist sie gefährlicher als als ihr Weglassen.
5. Soso...
Gani, 29.10.2010
Zitat von Der KazzarEs gibt auch andere Informationen und Dokumente, die dem Spiegel-Schluss widersprechen, und dies lange bevor der Fall genau so eingetreten ist, wie an der deutschen Technik-Konzeption bemängelt. sowohl in Japan als auch in USA sprechen die Experten eine andere Sprache als "unsere". Ich würde sagen, die deutsche Ingenieurskunst ist wieder einmal an der mangelhaften Anpassung an die Wirklichkeit gescheitert. Und: die letzte Meile gehört zwingend fest verankert in die technologische Realisierung. Sonst ist sie mehr als nutzlos, dann ist sie gefährlicher als als ihr Weglassen.
Dann pack doch diese dokumente mal auf den tisch.
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