Naturschutzgipfel: Showdown im Hirabari-Hain

Aus Nagoya berichtet Christian Schwägerl

Auf dem Uno-Gipfel in Nagoya ringen die Staaten um mehr Naturschutz - und nur wenige Kilometer entfernt wird einer der letzten grünen Flecken der Hafenmetropole abgeholzt. Aktivisten protestieren lautstark - und bescheren japanischen Politikern peinliche Momente.

Nagoya: Kettensägen im Sotoyama Fotos
Christian Schwägerl

Knorrige Eichen säumen den Weg, Kakifrüchte, Guaven und Quitten hängen an den Bäumen. Schulkinder haben Töpfe mit Reispflanzen aufgestellt und planen, zwei alte Reisfelder wieder zu bewirtschaften. Unter dem Bambus lugt die gräuliche Silberdrachenpflanze hervor. "Hier drüben leben Schildkröten", sagt Hiromi Yamashita, die als Umweltwissenschaftlerin an der Universität von Nagoya arbeitet. "Und die kleinen Fische da im Tümpel sind Schmerlen."

Es ist kaum zu glauben, dass es eine solche grüne Insel in der japanischen Hafen- und Wirtschaftsmetropole noch gibt. Die 2,2 Millionen Einwohner von Nagoya kennen ihre Stadt eher als Betonwüste. Doch im Stadtteil Hirabari ist auf zehn Hektar Fläche erhalten geblieben, was Japaner "Satoyama" nennen - ein Gebiet, in dem Mensch und Natur in Harmonie zusammenleben. Die Anwohner träumen davon, diese Vielfalt von Tieren und Pflanzen zu erhalten sowie die Stadtkinder damit vertraut zu machen, wie ihre Lebensmittel entstehen.

"Satoyama" ist auch der Name der wichtigsten Initiative, die Japans Regierung auf dem Uno-Naturschutzgipfel in Nagoya vorgestellt hat. Noch bis Freitagabend tagen die Vertreter der Staaten, nur wenige Kilometer entfernt vom Hirabari-Hain. Japans Ministerpräsident Naoto Kan und sein Umweltminister Ryu Matsumoto haben den Delegierten aus aller Welt vorgeschlagen, künftig nicht nur Wildnisgebiete zu schützen, sondern auch vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften, wie sie unter anderem das alte Japan geprägt haben. Erst vergangene Woche hat die Regierung ihre Satoyama-Initiative mit großem Aplomb vorgestellt und viel Lob dafür erhalten.

Doch ausgerechnet das Hirabari-Gebiet schadet dem guten Eindruck, den Japan als Gastgeber der Uno-Konferenz bisher gemacht hat.

Von Harmonie ist hier an diesem Morgen nichts zu spüren: Der Hain ist Schauplatz eines Showdowns. Bauarbeiter bahnen sich an einem Häuflein Umweltschützern vorbei den Weg an den Waldrand. Eine Aktivistin wird später sagen, sie sei mit einer Motorsäge bedroht worden. Zwei Männer, die mit ihrem aalglatt-aggressiven Auftreten sofort in einem japanischen Actionfilm mitwirken könnten, postieren sich zum Schutz der Bauarbeiten. Die Sägen werden angeworfen, ein Baum fällt. Die Polizei fährt vor.

Neue Apartments für eine schrumpfende Stadt

Während im Konferenzzentrum gerade ein Umweltminister nach dem anderen an das Gewissen der Menschheit appelliert, greift der Bautrupp in Hirabari eine der wenigen grünen Inseln der Stadt an. Hier sollen neue Apartments entstehen - obwohl die Stadtbevölkerung mittelfristig schrumpft.

Anwohner und Umweltschützer sind wütend - und nutzen den Kontrast zur Gipfelrhetorik weidlich aus. "Wir brauchen dieses Gebiet, damit wir uns erholen können, ohne gleich aus der Stadt hinausfahren zu müssen", sagt Umweltwissenschaftlerin Yamashita. "Es kann doch nicht sein, dass unsere Regierung der Welt Harmonie predigt und das hier zulässt", sagt Hiroaki Somiya, pensionierter Professor und Anführer der Initiative zum Schutz des Hirabari-Satoyama. Eine Gruppe von Aktivisten macht Fotos von den gefällten Bäumen und fährt damit direkt zur Uno-Konferenz.

Wenig später versammeln sich Umweltschützer aus ganz Japan unweit der Ministerversammlung, um für den Erhalt von Hirabari zu demonstrieren. Sie haben sich mit Farnen, Zweigen und Blumen geschmückt - was sie aussehen lässt, als kämen sie gerade von einem Ikebana-Kurs oder wollten im zweiten Teil des Öko-Fantasyfilms "Avatar" mitwirken. "Gebt der Natur ihren Raum", skandieren sie und schrecken damit erstmals in den zwei Wochen Konferenzphase das Sicherheitspersonal auf.

Die Versammelten berichten von ähnlichen Attacken auf Satoyama-Gebiete im ganzen Land. Nahe der Stadt Toyota, nicht weit hinter der Stadtgrenze von Nagoya, will der gleichnamige Autokonzern demnächst einige Hundert Hektar Wald in einer Satoyama-Landschaft roden - ausgerechnet, um eine Teststrecke für Öko-Autos zu bauen. Die Liste der seltenen Tiere und Pflanzen, die durch dieses Projekt bedroht sind, ist lang.

Peinliche Momente für den Bürgermeister

Entsprechend zerknirscht zeigt sich an diesem Tag Takashi Kawamura, der joviale und populäre Bürgermeister von Nagoya. Gerade kommt er aus dem Plenum der Uno-Versammlung, wo er über die Bedeutung von Biodiversität für Städte geredet hat, als Umweltschützer ihn mit ihren Baum-ab-Fotos aus dem Hirabari-Gebiet konfrontieren. "Das ist ungeheuer peinlich, nicht nur für Nagoya, sondern für ganz Japan", sagt Kawamura. Die Nationalregierung müsse etwas tun. Wenn es nach ihm ginge, würde das Hirabari-Gebiet sofort unter Schutz gestellt: "Doch die Baufirmen haben es vor meiner Amtszeit erworben, und nun müssten wir es von ihnen zurückkaufen."

Die Firmen hätten umgerechnet mehr als 20 Millionen Euro für das Gebiet gefordert, die Stadt könne aber nur 16 Millionen Euro aufbringen. "Ich habe versucht, das fehlende Geld von reichen Leuten in Nagoya einzusammeln, aber es gab kaum Resonanz", sagt der Bürgermeister und rollt mit den Augen. Ihm seien zurzeit die Hände gebunden, aber er bemühe sich weiter, bevor es zu spät sei.

Die Sache ist Kawamura besonders unangenehm, weil er pünktlich zur Uno-Konferenz eine ausgefeilte "Biodiversitäts-Strategie" für Nagoya hat erarbeiten lassen, um die ihn viele europäische Städte beneiden dürften. Auf 120 Seiten wird vorbildlich dargestellt, wie sich die Landschaft in und um Nagoya über die Jahrhunderte verändert hat, welche Lebensräume und Arten es gibt und was getan werden kann, damit aus der betongrauen Hafenstadt eine grüne Metropole wird. "Ich möchte die Bäche aus ihren Korsetten befreien, hängende Gärten anlegen und die Straßen begrünen", sagt Kawamura. "Wir brauchen wieder mehr frische Luft zum Atmen und mehr Erholungsfläche für unsere Bürger."

In früheren Jahren haben die Einwohner von Nagoya bereits Umweltbewusstsein bewiesen und verhindert, dass ein Wattgebiet im Hafen, das Wasservögel nutzen, in eine Müllkippe verwandelt wurde. Sie machten bei einer strengen Mülldiät mit und ließen die Wattfläche zum internationalen Schutzgebiet erklären. Mit dem Satoyama von Hirabari scheint die Sache nun schwieriger zu sein.

Beinahe ironisch wirkt es, dass erst im vergangenen Jahr in der Nähe des botanischen Gartens ein Satoyama-Gebiet angelegt wurde, vollständig mit Reisfeldern, Bambushain, Eichenwäldchen und Obstgarten - während nun eines der letzten erhaltenen Originale im Stadtgebiet zu verschwinden droht. "Wir wollen die frühere Harmonie mit der Natur in unsere Stadt zurückholen", sagt Bürgermeister Kawamura. Zumindest im grünen Hain von Hirabari sieht es danach aber derzeit nicht aus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Regenwälder unter den Schutz des Weltkulturerbes stellen
klaus.heuer 29.10.2010
Regenwälder unter den sofortigen Schutz des Weltkulturerbes stellen Die größte Gefahr ist, dass wir unsere Ökosysteme an einen Punkt bringen, wo sie nicht mehr die Dienstleistungen bereitstellen können, die für uns selbstverständlich geworden sind: fruchtbare Böden, Bestäubung durch Bienen, saubere Luft und die Fähigkeit der Pflanzen, CO2 zu binden... Anmerkung: Aller von der Natur kostenlos zur Verfügung gestellten Ressourcen stehen der Menschheit nur so lange zur Verfügung, wie sie sich selbständig erneuern können. Dieser Erneuerungsprozess bestimmt entscheidend die Überlebensfähigkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen und ist von lebenswichtiger Bedeutung. Die größten Lungen unserer Erde sind die tropischen Regenwälder. Sie sind gleichzeitig die Oasen für die artenreichsten Tier- und Pflanzengesellschaften und sichern zusammen mit den Sauerstoffreserven der Weltmeere unser Überleben. Umso verachtenswerter ist das gnadenlose Abbrennen und Roden großflächiger Regenwaldflächen mit dem Ziel, in relativ kurzer Zeit Monokultur-Plantagen als Anbauflächen für die Rinderzucht oder Pflanzen zur Herstellung von Kraftstoffen anzulegen und damit für immer den Regenwald und seinen immens wichtigen Nutzen zu vernichten. Um dieser maßlosen Vernichtung Einhalt zu gebieten, ist es dringend erforderlich, alle Regenwälder unter den sofortigen Schutz des Weltkulturerbes zu stellen, andernfalls kann sich die Menschheit beizeiten nach einem anderen Planeten umschauen, auf dem es sich leben lässt.
2. Umweltschutz ist nicht möglich
elbröwer 29.10.2010
Man sollte sich die Erde als Raumschiff vorstellen, in dem genau festgelegt ist wieviel Anteile Sauerstoff, Stickstoff oder welche Luftfeuchtigkeit zu herrschen hat. In diesem Raumschiff ist alles perfekt aufeinander abgestimmt. Aber irgenjemand verbrennt darin Autoreifen und Öllappen und schert sich den Teufel um den Lebensraum um Mensch und Tier da nur der Profit zählt. Das ist der weltweite Kapitalismus.
3. Nicht Kapitalismus allein, ungezügelter nicht-nachhaltiger Kapitalismus
Koda 29.10.2010
Zitat von elbröwerMan sollte sich die Erde als Raumschiff vorstellen, in dem genau festgelegt ist wieviel Anteile Sauerstoff, Stickstoff oder welche Luftfeuchtigkeit zu herrschen hat. In diesem Raumschiff ist alles perfekt aufeinander abgestimmt. Aber irgenjemand verbrennt darin Autoreifen und Öllappen und schert sich den Teufel um den Lebensraum um Mensch und Tier da nur der Profit zählt. Das ist der weltweite Kapitalismus.
Denn im Grunde bedeutet Kapitalismus zunächst einmal nur, das man mit eigenen Mitteln oder Besitztiteln Geschäfte zum eigenen Gewinn machen kann. Ungezügelt wird daraus ein Kampf, in dem der bedeutend Stärkere den oder die Schwächeren gnadenlos an die Wand bügeln kann: nur mal den Vergleich zwischen Discountern und alteigesessenen Einlhändlern machen, die es vor dreißig Jahren noch in größerer Zahl gab. Hier ist es wohl auch so: zu einer Zeit, als es niemanden interessierte, hat sich eine Baufirma dieses Stück Land gekauft. Zu einem -anscheinend für das Ölkobewußtsein der Bevölkerung -ungünstigen Zeitpunkt wird sich an die Verwirklichung der Pläne gemacht. Hatte man die Bevölkerung vorher miteinbezogen? Vielleicht bisher nicht notwendig in Japan. Irgendwie erinnert mich das ein wenig an Stuttgart 21.
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