Die Untersuchungen über die Folgen des Klimawandels könnten inzwischen ganze Bibliotheken füllen: Wie er die Artenvielfalt in unterschiedlichen Weltregionen beeinflusst, wie groß die Gefahr der Überflutung von Küstengebieten ist, wie schnell die polaren Eiskappen dahinschmelzen - all das wird von Tausenden Forschern seit Jahren erkundet.
"Aber bisher wurde nur sehr wenig Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was unsere Reaktionen auf den Klimawandel dem Planeten antun könnten", meint Will Turner von der Umweltorganisation Conservation International. Gemeinsam mit Forschern der amerikanischen Princeton University hat Turner im Fachblatt "Conservation Letters" eine Studie über die potentiellen Folgen der menschlichen Reaktionen auf Klimafolgen veröffentlicht - und sie klingt alles andere als beruhigend.
Ein Fünftel der heute noch existierenden tropischen Wälder liegen demnach im Umkreis von 50 Kilometern um menschliche Siedlungen, die unter Wasser gesetzt werden könnten, sollten die Meeresspiegel um einen Meter steigen. Ein solcher Pegelanstieg ist nach Ansicht von Klimaforschern durchaus im Bereich des Möglichen, sollte die Welt ihren Kohlendioxid-Ausstoß nicht schnell in den Griff bekommen - und danach sieht es derzeit nicht aus.
Die Wälder in der Nähe von Siedlungen wären attraktive Quellen von Brennholz, Baumaterial, Nahrung und anderen wichtigen Ressourcen, warnen Turner und seine Kollegen. Dass eine klimabedingte Wanderung hin zu diesen Vorkommen keine positiven Folgen für die tropischen Wälder hätte, liegt auf der Hand. Auch befänden sich die Lebensräume zahlreicher bedrohter Tierarten in dem 50-Kilometer-Umkreis.
Negative Folgen alternativer Energien
Auch der Ausbau der Nutzung regenerativer Energien muss der Umwelt nicht immer gut tun, betonen die Wissenschaftler. Der Bau von Dämmen zur Nutzung der Wasserkraft etwa könne schwere Schäden in den Süßwasser-Ökosystemen nach sich ziehen, ganz zu schweigen von der Überflutung ganzer Täler. Auch die falsche Vorstellung, dass Biosprit die Treibhausgas-Emissionen senke, werde noch immer als Grund vorgeschoben, große Regenwald-Gebiete abzuholzen und etwa für den Zuckerrohr-Anbau zu nutzen.
Historische Beispiele hätten gezeigt, welche Folgen menschliche Wanderungsbewegungen haben können, so die Forscher. So sei es gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts in Burkina Faso zu klimabedingter Migration gekommen. Das habe zu einem 13-prozentigen Rückgang der Waldbedeckung geführt, weil neue Ackerflächen benötigt worden seien. In Ghana wiederum habe die Dezimierung der Fischvorkommen zu einer verstärkten Jagd auf Affen geführt.
Ein weiteres Beispiel sei der Tsunami in Südasien, der 2004 mehrere Hunderttausend Menschen das Leben kostete. Zwar hatte der Tsunami selbst nichts mit dem Klimawandel zu tun. "Aber viele der Reaktionen, die er in Gang gesetzt hat, sind vergleichbar mit denen auf extreme Wetterereignisse", meint Turner. Die tropischen Wälder, etwa in der Region Aceh, hätten durch die anschließende Suche nach Baumaterialien und durch die schlechte Wahl neuer Gebäude-Standorte schwere Schäden genommen.
"Das kann uns eine Lehre sein", so Turner. "Wenn wir uns nicht das ganze Bild, sondern nur kleine Teile anschauen, könnten wir mit unserer Reaktion der Artenvielfalt und den Ökosystemen mehr Schaden anrichten als der Klimawandel selbst."
mbe
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