Negative Auslese Fischerei lässt Fische schrumpfen

Die intensive Fischerei könnte nicht nur dazu führen, dass die Meere schon bald buchstäblich leer sind. Forscher haben noch eine weitere Gefahr erkannt: Nicht nur die Menge der Fische sinkt dramatisch - sondern auch ihre Größe.


Immer größere Fangflotten rücken aus und ziehen immer gewaltigere Netze hinter sich her, die selbst in entlegenen Winkeln der Ozeane tonnenweise Fisch erbeuten. Wissenschaftler warnen schon seit einiger Zeit vor den gefährlichen Folgen dieses Treibens. Die Welternährungsorganisation FAO etwa prognostiziert, dass in freier Wildbahn aufgewachsene Speisefische schon in den nächsten Jahrzehnten aus den Meeren verschwunden sein könnten. Manche Wissenschaftler vergleichen die Folgen des menschlichen Handelns inzwischen gar mit den fünf großen Massensterben der Erdgeschichte.

Fische aus der Ostsee: Manche Bestände - etwa die des Kabeljaus vor Kanada - sind bereits zusammengebrochen.
DDP

Fische aus der Ostsee: Manche Bestände - etwa die des Kabeljaus vor Kanada - sind bereits zusammengebrochen.

Jetzt beobachten Forscher noch eine weitere Folge der Überfischung: Sie reduziert demnach nicht nur den Bestand von Meeresfischen, sondern auch deren Körpergröße und Fortpflanzungsfähigkeit. Weil immer kleinere und weniger fruchtbare Fische überlebten, könnten sich die Populationen nur deutlich langsamer erholen als bislang angenommen, schreibt ein Team um Chrisian Jorgensen von der Universität im norwegischen Bergen im Fachblatt "Science" (Bd. 318, S. 1247).

Kleinere und jüngere Fische produzieren weniger Eier als größere und reifere. Die durch die massive Fischerei ausgelöste Entwicklung sei möglicherweise bereits unumkehrbar, sagte Ulf Dieckmann vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) im österreichischen Laxenburg, einer der Autoren der Studie. Um die Folgen von 40 Jahren Überfischung rückgängig zu machen, seien für die Erholung bis zu 250 Jahre nötig.

Als Beispiel nannte Dieckmann die Kabeljau-Bestände vor Neufundland, die vor 15 Jahren zusammengebrochen sind und sich bis heute kaum regenerieren konnten. Die gleiche Art sei jetzt auch in den Gewässern vor Norwegen und Russland in Gefahr. "Einfach weniger fischen", lautet einer von Dieckmanns Vorschlägen. Es würde auch helfen, Netze mit größeren Maschen zu verwenden, damit kleinere Fische durchschlüpfen könnten. Bei einigen Arten, die sich an bestimmten Orten zur Fortpflanzung aufhielten, wäre es sinnvoll, diese Gebiete vor der Fischerei zu schützen.

Umkehrung des Darwin-Prinzips

Die selektive Fischerei wirke als Evolutionsfaktor bei stark befischten Fischarten wesentlich stärker und schneller als bisher gedacht, so die Forscher. Die Wirtschaft schade sich damit selbst: Überlebende Fische würden genetisch bedingt früher geschlechtsreif und blieben kleiner, weil sie früher als zuvor viel Energie in die Fortpflanzung investierten müssten.

"Die Frage ist nicht, ob Fischereidruck die Evolution der Arten beeinflusst, sondern wie schnell", sagte Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökolgie und Binnenfischerei, der ebenfalls an der "Science"-Studie beteiligt war. Die Art der Befischung von Süß- und Salzwasserfischen wirke wie eine Zucht durch Auslese - "allerdings mit unbeabsichtigten Züchtungsergebnissen".

Die kommerzielle Fischerei sei für viele Arten weltweit zur Todesursache Nummer eins geworden. "Wir brauchen einen evolutionsbiologischen Ansatz für das Fischereimanagement", so Arlinghaus. Das von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, entdeckte Prinzip vom Überleben der Stärksten gelte für viele Fischarten inzwischen umgekehrt: Nicht die Starken, sondern die Kleinen und Schwachen überlebten eher.

mbe/rtr



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.