Neonikotinoide Das Verbot ist richtig, retten wird es die Bienen nicht

Die EU-Agrarminister haben den Einsatz von drei Insektengiften auf Feldern verboten, weil diese Bienen schädigen können. Das ist konsequent, kann das Hauptproblem aber nicht lösen.

Demonstranten am 26. April in Berlin
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Demonstranten am 26. April in Berlin

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Mit dem Bienensterben ist das so eine Sache. Global betrachtet existiert es gar nicht - zumindest nicht in Bezug auf die Westliche Honigbiene. Glaubt man den Schätzungen der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) ist die Zahl der Bienenstöcke zwischen 1961 und 2016 von ungefähr 50 auf gut 90 Millionen gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass es in China und Indien deutlich mehr Bienen gibt als vor 55 Jahren.

In Europa und Nordamerika, wo die Tiere neben ihrer wichtigen Rolle fürs Ökosystem auch in der Landwirtschaft dringend als Bestäuber für Obst und Früchte benötigt werden, ist die Zahl der Bienenstöcke im Vergleich zu 1961 dagegen gesunken. In Deutschland fiel sie von knapp zwei auf 0,7 Millionen, also auf fast ein Drittel. Hinzu kommt das allgemeine Insektensterben, von dem auch Wildbienen betroffen sind.

Ursachen des Bienensterbens unklar

Verantwortlich für den langfristigen Rückgang von Wild- und Honigbienen machen Umweltschützer und Forscher unter anderem drei Wirkstoffe, die Nutzpflanzen vor Insekten schützen sollen: die Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Sie können die Orientierungsfähigkeit der Tiere einschränken, sie lähmen oder sogar töten.

Nachdem die EU den Einsatz bereits 2013 eingeschränkt hatte, wurden die Stoffe nun im Freiland verboten. Das ist folgerichtig und ein Sieg für die Bienen - aber nur ein kleiner.

Experten gehen zwar davon aus, dass Landwirte zum Schutz vor Insekten nun vermehrt auf das Neonikotinoid Thiacloprid zurückgreifen werden. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) ist es deutlich unproblematischer für Bienen als die drei nun verbotenen Mittel. Allerdings führen Experten das Bienensterben auf viele sehr unterschiedliche Faktoren zurück, deren Zusammenwirken kaum verstanden ist. Wie groß die Rolle der umstrittenen Neonikotinoide ist, weiß niemand genau.

So liegt die Zahl der Bienenvölker in Europa heute zwar unter dem Wert von 1961, seit 2009 steigt sie aber wieder - obwohl die EU den Einsatz der umstrittenen Mittel damals noch nicht eingeschränkt hatte. Für Wildbienen gibt es kaum verlässliche Zahlen, da ihr Bestand nicht systematisch erfasst wird. Unter welchen Umständen ihre Zahl ab- oder zunimmt, lässt sich daher im Einzelnen schwer nachvollziehen. Forscher gehen insgesamt aber von einem Wildbienenschwund aus. "Die Belege für die Ursachen der Verluste sind lückenhaft und unvollständig", schreiben Forscherin einer Übersichtsstudie von 2015 im Hinblick auf Wildbienen.

Parasiten machen Bienen zu schaffen

Ein paar Einflussfaktoren auf den Bestand verschiedener Bienenarten liegen jedoch auf der Hand: So ist laut dem deutschen Bienenmonitoring etwa die Varroamilbe maßgeblich für den Tod von Honigbienen in Deutschland verantwortlich. Der Parasit ist gerade mal 1,7 Millimeter klein und ernährt sich vom Blut der Bienen. Er ist daran beteiligt, dass in den Wintern der Jahre 2009 bis 2016 zwischen 4,5 und 15 Prozent der Bienenvölker verloren gingen.

In Italien bereitet sich zudem der Kleine Beutenkäfer aus. Dieser Parasit ist bei Imkern gefürchtet, weil er ganze Völker in kurzer Zeit vernichten kann. In Italien werden befallene Honigbienenbestände verbrannt. Der Schädling stammt ursprünglich aus Afrika. Von allein kann er nicht über die Alpen nach Deutschland gelangen. Im März 2018 warnten deutsche Imkerverbände vor dem Import von Bienenvölkern aus dem Ausland. Auch die aus Asien stammende Varroamilbe wurde vor vier Jahrzehnten nach Europa eingeschleppt.

Lebensräume gehen verloren

Sicher sind sich Experten auch, dass schwindender Lebensraum Honig- und Wildbienen zusetzt. Bienen benötigen über die Saison hinweg Nektar von unterschiedlichen Pflanzen, wilde Bienen Löcher in Ästen oder Höhlen im Boden, wo sie ungestört Nester bauen können. Landwirtschaftliche Flächen taugen dafür kaum.

"In Großbritannien gingen im 20. Jahrhundert beispielsweise 97 Prozent der blütenreichen Graslandschaften verloren", heißt es in der Übersichtsstudie von 2015. Zusätzlich schränken versiegelte Flächen wie Straßen und das Wachstum von Städten den Lebensraum der Tiere ein.

Dazu leistet auch jeder einzelne Hobbygärtner seinen Beitrag: Perfekt gepflegter englischer Rasen hat Bienen nichts zu bieten. Eine Blumenwiese oder eine große Auswahl blühender Pflanzen im Beet können dagegen wilde Bienen und Honigbienen anlocken. Bienenfreunde können sich auch ein Bienenhotel in den Garten stellen (hier erklärt der Naturschutzbund Deutschland, wie das geht).

Kleinere Felder, mehr Wildbienen

Aber auch die Landwirtschaft müsste sich - abgesehen vom Verzicht auf die umstrittenen Neonikotinoide - verändern, etwa indem Landwirte auf Feldern häufiger Grünstreifen stehen lassen. So zeigte eine Studie im Februar 2018, dass rund um kleine Felder mehr Wildbienen zu finden sind. "Kleinere Felder führen zu mehr Feldrändern", erklärt Forscherin Annika Hass von der Universität Göttingen damals. Die Ränder böten den Bestäubern Nistplätze und dienten ihnen als Orientierungshilfe.

Wachsen dort blühende Pflanzen, könnte das den Bienen ebenfalls helfen. Manche Forscher vermuten, dass die einseitige Ernährung in Monokulturen die Insekten anfälliger für Parasiten werden lässt. Das ist allerdings schlecht untersucht. Diskutiert wird auch, inwiefern Klimaveränderungen, die Konkurrenz verschiedener Bienenarten um die in manchen Regionen geringe Blütenvielfalt und mehrmalige Umzüge von Honigbienenstöcken auf neue Felder den Bestand beeinflussen.

Manches davon spielt möglicherweise eine geringere Rolle als bislang vermutet, anderes eine größere. Fest steht aber: Das Verbot der Neonikotinoide ist nur ein Beitrag, um Bienen das Leben leichter zu machen.

insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
ardbeg17 27.04.2018
1. Danke!
Danke an den Spiegel, dass er auch solche seriösen Beiträge veröffentlicht. Julia Merlot und Nina Weber bilden einen wohltuenden und Hoffnung machenden Gegenpol zu der kurzsichtigen Hysterie, die uns sonst oft begegnet.
allessuper 27.04.2018
2. Erstaunlich,
wie "vorsichtig" hier Fakten als Hypothesen vorgetragen werden: "Manche Forscher vermuten, dass die einseitige Ernährung in Monokulturen die Insekten anfälliger für Parasiten werden lässt. Das ist allerdings schlecht untersucht. " Fakt ist, wie in allen anderen Bereichen, die unser Leben betreffen, dass die meisten Studien ausgerechnet von den Verursachern selbst in Auftrag gegeben werden - um genau von deren Verantwortung abzulenken und mit den zu erwartenden Ergebnissen. Dies gilt für Pharma-, Agrar,- Automobilindustrie wie für einige andere Bereiche, die Lobbyisten beschäftigen. Je mehr Studien produziert werden, desto mehr wirkt das Ganze glaubhaft. Ist aber nicht. Geld für umfassende Grundlagenforschung gibt es von der Seite, die dafür zuständig ist, nämlich vom Staat - kaum noch. Allein der gesunde Menschenverstand, der in Jahrtausenden und aufgrund von Erfahrung enstanden ist, besagt uns das. Da braucht es eigentlich "Forschung" gar nicht. Wissen ist Erfahrung. Alles andere ist Information. Einstein glaube ich. Wie krank muß eine Gattung sein, um die eigene Lebensgrundlage zu vernichten - und dann von Hand zu bestäuben, oder, noch perverser, Roboter und K.I. einzusetzen, um zu bestäuben. Der Mensch, die Jakobskrönung...
andreas_stöber 27.04.2018
3. @2
Also auf der einen Seite beschweren Sie sich, dass es keine Studien dazu gibt weil "die Industrie" die nur erstellen würden und der Staat nichts macht und im zweiten Teil Ihres Kommentars sagen Sie, dass es sowas eh nicht bedarf, da das ja gesunder Menschenverstand ist und Erfahrung (welche? Ihre?) sowieso über Wissen steht. Menschmensch. Ich bin froh, dass dieser Artikel sachlich und unhysterisch das Thema behandelt und auch umstrittene Studien als solches deklariert und nicht blind raushaut, um die eigene Argumentation zu festigen.
schlauchschelle 27.04.2018
4. Würden die Landwirte
die Seitengrünstreifen der Felder sich selbst überlassen mit aller Kamille, Ackerwinden, Kornblumen, Klatschmohn etc. und diese nicht, wie in meiner Region, alle 14 Tage bis auf 3mm niedermähen, hätten die Bienen bzw. Insekten ausreichend Lebensraum & Nahrung. Ich habe in meinem Garten 2 Bienenhotels hängen, welche sehr gut besucht sind, zudem lasse ich allen Klee, Löwenzahn, Akelei etc. blühen und entferne diese nur vor dem Aussamen. Der rasen wird nur so alle 2-3 Wochen gemäht (was meinem streng akkuraten nachbarn garnicht gefällt). Das hilft den Bienen auch weiter...
queisser 27.04.2018
5. Es gibt kein Bienensterben
Es gibt ein Imkersterben in Westeuropa. Dazu darf sich jeder mal selber schlau machen. Auch ruhig mal nicht nur bei den üblichen Naturschutzverbänden nachfragen, sondern auch mal bei den Imkerverbänden.
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