Katastrophen Geoforscher warnen vor neuen Erdbeben in Nepal

Was passierte beim schweren Erdbeben in Nepal am 25. April? Forscher haben die Ereignisse mit nie gekannter Präzision registriert und präsentieren jetzt ihre Ergebnisse. Für Teile Nepals haben sie sehr unangenehme Nachrichten.

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Als Jean-Philippe Avouac am 25. April dieses Jahres auf sein Handy sah, musste er das Schlimmste befürchten. Eine Nachricht des US-Geoforschungszentrum USGS hatte den Wissenschaftler aufgeschreckt: Die Region um die nepalesische Hauptstadt Kathmandu war um 11.56 Uhr Ortszeit von einem Erdbeben erschüttert worden. Und zwar von einem Exemplar der Stärke 7,8 auf der Richterskala.

"Ich befürchtete, dass es nach einem Beben dieser Größenordnung 300.000 oder 400.000 Tote geben könnte", sagt der Forscher, der an der University of Cambridge und dem California Institute of Technology arbeitet. Doch tatsächlich lag die Opferzahl deutlich niedriger.

Nach aktuellen Schätzungen verloren bei dem Beben rund 10.000 Menschen ihr Leben. Das ist eine bedrückend hohe Zahl, zumal hinter jedem einzelnen Opfer ein Schicksal steht, trauernde Familie und Freunde. Und doch: Gemessen an dem, was Forscher wie Jean-Philippe Avouac zunächst befürchtet hatten, war die Sache noch vergleichsweise glimpflich abgegangen - so zynisch das klingen mag. "Das war ein verhältnismäßig kleines Erdbeben", sagt Avouac.

Zusammen mit Kollegen erklärt der Forscher nun in zwei parallel veröffentlichten Fachartikeln in "Nature Geoscience" und "Science", welche Mechanismen dafür verantwortlich waren - und welche Gefahren gerade dem Westen Nepals noch drohen. Denn dort steht ein großes Beben noch aus.

Verantwortlich für das hohe Erdbebenrisiko am Rand des höchsten Gebirges der Welt ist der Mechanismus, der auch für dessen Existenz sorgt: Durch eine Kollision in Zeitlupe, aber mit unvorstellbarer Wucht wird der Himalaya aufgetürmt. Schon seit etwa 50 Millionen Jahren drückt die Indische gegen die Eurasische Erdplatte - und kommt etwa vier Zentimeter pro Jahr nach Norden voran. In der Summe macht das bis jetzt 2000 Kilometer. Durch den Druck hebt sich der Himalaya im Schnitt um bis zu einen Zentimeter pro Jahr, etwa fünfmal so schnell wie zum Beispiel die Alpen.

Sechs GPS-Stationen in der Umgebung

In Ost-West-Richtung am Fuß des Himalayas ist ein komplexes geologisches Störungssystem entstanden: In einem 200 Kilometer breiten Streifen liegen hier mehrere Haupt- und Nebenverwerfungen. Die Geoforscher sprechen von einer "diffusen Plattengrenze". Dort knirscht es im Erdreich, und zwar gewaltig. Die Region gilt als eine der seismisch aktivsten Gegenden des Planeten.

In geringer Tiefe - das Zentrum im aktuellen Fall lag in nur zehn Kilometern Tiefe - können immer wieder Starkbeben entstehen. Allein aus der Gegend um Kathmandu ist aus den vergangenen Jahrhunderten ein halbes Dutzend schwere Erdstöße überliefert - in den Jahren 1255, 1344, 1408, 1681, 1833 und 1934. Seit dem 25. April steht auch das Jahr 2015 in dieser Liste.

Dieses Mal wurden die Erdstöße präziser vermessen als je zuvor. "Es ist das erste Mal, dass wir die Effekte so gut beobachten können", sagt Forscher Avouac. Allein sechs GPS-Stationen in unmittelbarerer Umgebung, 60 bis 230 Kilometer vom Zentrum der Erschütterungen entfernt, zeichneten die Bewegungen der Erde auf, routinemäßig fünfmal pro Sekunde. Auch Radarsatelliten wie der europäische "Sentinel-1A" oder der japanische "Alos-2" lieferten wertvolle Daten.

In ihren beiden Artikeln beschreiben die Forscher, was sie bei der Auswertung gelernt haben. Unter anderem konnten sie nachvollziehen, dass sich die aufgestaute Spannung zwischen den beiden Erdplatten zunächst 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu abbaute - und die Erschütterungen dann 140 Kilometer weit nach Osten wanderten. Mit einer Geschwindigkeit von knapp drei Kilometern in der Sekunde. Je nach Messstation dauerten die Erdstöße zwischen 20 und 40 Sekunden.

Die Bodenbewegungen in Kathmandu seien vergleichsweise gering ausgefallen, berichten die Wissenschaftler. Vor allem niedrigere Gebäude, also der Großteil der Bebauung, hätten das Beben recht gut überstanden - auch weil die Erdstöße relativ sanft begonnen hätten. Nur etwa jedes hundertste Gebäude sei beim aktuellen Beben zerstört worden - im Gegensatz zu jedem Fünften beim Beben von 1934. Schwerer habe es hohe Gebäude wie den 60 Meter hohen Dharahara-Turm getroffen, der auch bei dem früheren Beben eingestürzt war.

Durch das aktuelle Beben haben sich allerdings nur in einem Teil der Verwerfungszone die existierenden Spannungen gelöst - weil nicht die gesamte Indische Erdplatte nach vorn geschnellt ist, sondern nur ein Teil. Vor allem der Westen Nepals muss sich weiter vor einem extrem schweren Beben fürchten, warnen die Wissenschaftler. Es geht um einen 800 Kilometer breiten Streifen. Hier hat es seit dem Jahr 1505 keine größeren Erdstöße gegeben. Die Erschütterungen damals hätten aber, so beschreibt es Jean-Philippe Avouac, womöglich eine Stärke von mehr als 8,5 auf der Richterskala gehabt: "Die Beben in dieser Region sind seltener, aber stärker." Das Gebiet dieser Erdbebenlücke müsse daher besonders aufmerksam überwacht werden.



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