Hamburg - Biologen träumen davon, unbekannte Lebewesen zu entdecken. Fehlt das Budget für Regenwald- oder Tiefsee-Expeditionen, empfehlen sich Streifzüge durch Naturkundemuseen, wie die Studie einer französischen Forschergruppe nahelegt. Das Team um Benoît Fontaine vom Pariser Naturkundemuseum hat ermittelt, dass neue Arten als Präparate jahrzehntelang in Museen oder anderen Archiven verweilen, bevor sie wissenschaftlich beschrieben und somit als eigene Art anerkannt werden.
Fontaine und seine Kollegen hatten aus den knapp 17.000 neu beschriebenen Arten im Jahr 2007 eine Stichprobe von 600 Arten aus dem Reich der Tiere, Pflanzen und Pilze untersucht. Im Durchschnitt vergingen beinahe 21 Jahre vom Fund bis zur wissenschaftlichen Beschreibung einer Art, berichten die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".
206 Jahre im Museum
Es zeigte sich, dass Pflanzen mehr als 30 Jahre aufbewahrt werden, bis sie erfasst sind. Arten hingegen, deren Verwandte im Fokus wissenschaftlicher Arbeiten stehen, werden gewöhnlich deutlich schneller beschrieben. Wissenschaftler widmen sich außerdem eher Lebewesen, von denen nur wenige Exemplare gefunden wurden.
Doch auch seltene Funde können lange herumliegen: Tropidolaemus laticinctus, eine Giftschlange auf der indonesischen Insel Sulawesi, verstaubte ganze 206 Jahre lang in einem Museum, bevor sie 2007 von deutschen Forschern als eigene Art beschrieben wurde. "Die Schlange war zwischenzeitlich sogar in Zeitschriften abgebildet", sagt Fontaine, "aber erst als Wissenschaftler die systematische Einordnung der Schlangen generalüberholt hatten, wurde klar, dass es sich um eine eigene Art handelt."
Auch eine Flughunde-Art auf Samoa, die in der aktuellen Studie nicht vorkommt, wurde erst spät erfasst. Zu spät: Als das einzige im Jahr 1856 auf Samoa gefundene Exemplar 2009 der neuen Art Pteropus allenorum zugeordnet wurde, war sie bereits ausgestorben.
Es fehlen Experten
Dass auch Ausstellungsstücke bekannter Arten Geheimnisse offenbaren können, zeigt ein Beispiel aus Deutschland: Auf der trockenen Haut von Kakadus, die in der zoologischen Staatssammlung München gelagert waren, fanden polnische Biologen 2007 gleich drei neue Arten von Federmilben. Die Parasiten hatten im Jahr 1900, zum Zeitpunkt des Fundes, auf der Haut und den Federn der Vögel gehaust.
Dass Arten erst mit einigem zeitlichen Abstand beschrieben werden, ist laut Fontaine jedoch die Regel. "Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass neue Arten gleich an ihrem Fundort als solche erkannt werden", sagt Fontaine. Meist wüssten die Feldforscher nicht um ihre Neuentdeckung. Stattdessen würden gesammelte Arten in Museen und Herbarien archiviert, wodurch diese Lagerstätten als Reservoire für neue Arten dienten.
Hauptgrund für die verspäteten Beschreibungen ist laut den französischen Wissenschaftlern der Mangel an Taxonomen, also Experten zur systematischen Einordnung neuer Arten. "Auf hundert Taxonomen für Wirbeltiere kommen etwa zehn Fachleute für Pflanzen und gerade einmal ein Experte für wirbellose Tiere", erklärt Fontaine. So seien ihm selbst weltweit nur etwa 15 Wissenschaftler bekannt, die sich mit der systematischen Einordnung von Quallen beschäftigen.
Dabei hätten Taxonomen sicher reichlich zu tun: Nach vorsichtigen Schätzungen ist gerade einmal ein Fünftel der auf der Erde vermuteten Arten wissenschaftlich beschrieben.
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