Neue Arten: Unbekannte Lebewesen verstauben in Museen

Von Thomas Wagner-Nagy

Entdeckungsreise ins Museum: In Schubladen und Gläsern liegen massenweise Tiere und Pflanzen, die wissenschaftlich nicht eingeordnet sind. Arten sterben aus, bevor Forscher sie erkennen.

Überraschende Entdeckungen: Artenvielfalt im Museum Fotos
DPA

Hamburg - Biologen träumen davon, unbekannte Lebewesen zu entdecken. Fehlt das Budget für Regenwald- oder Tiefsee-Expeditionen, empfehlen sich Streifzüge durch Naturkundemuseen, wie die Studie einer französischen Forschergruppe nahelegt. Das Team um Benoît Fontaine vom Pariser Naturkundemuseum hat ermittelt, dass neue Arten als Präparate jahrzehntelang in Museen oder anderen Archiven verweilen, bevor sie wissenschaftlich beschrieben und somit als eigene Art anerkannt werden.

Fontaine und seine Kollegen hatten aus den knapp 17.000 neu beschriebenen Arten im Jahr 2007 eine Stichprobe von 600 Arten aus dem Reich der Tiere, Pflanzen und Pilze untersucht. Im Durchschnitt vergingen beinahe 21 Jahre vom Fund bis zur wissenschaftlichen Beschreibung einer Art, berichten die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

206 Jahre im Museum

Es zeigte sich, dass Pflanzen mehr als 30 Jahre aufbewahrt werden, bis sie erfasst sind. Arten hingegen, deren Verwandte im Fokus wissenschaftlicher Arbeiten stehen, werden gewöhnlich deutlich schneller beschrieben. Wissenschaftler widmen sich außerdem eher Lebewesen, von denen nur wenige Exemplare gefunden wurden.

Doch auch seltene Funde können lange herumliegen: Tropidolaemus laticinctus, eine Giftschlange auf der indonesischen Insel Sulawesi, verstaubte ganze 206 Jahre lang in einem Museum, bevor sie 2007 von deutschen Forschern als eigene Art beschrieben wurde. "Die Schlange war zwischenzeitlich sogar in Zeitschriften abgebildet", sagt Fontaine, "aber erst als Wissenschaftler die systematische Einordnung der Schlangen generalüberholt hatten, wurde klar, dass es sich um eine eigene Art handelt."

Auch eine Flughunde-Art auf Samoa, die in der aktuellen Studie nicht vorkommt, wurde erst spät erfasst. Zu spät: Als das einzige im Jahr 1856 auf Samoa gefundene Exemplar 2009 der neuen Art Pteropus allenorum zugeordnet wurde, war sie bereits ausgestorben.

Es fehlen Experten

Dass auch Ausstellungsstücke bekannter Arten Geheimnisse offenbaren können, zeigt ein Beispiel aus Deutschland: Auf der trockenen Haut von Kakadus, die in der zoologischen Staatssammlung München gelagert waren, fanden polnische Biologen 2007 gleich drei neue Arten von Federmilben. Die Parasiten hatten im Jahr 1900, zum Zeitpunkt des Fundes, auf der Haut und den Federn der Vögel gehaust.

Dass Arten erst mit einigem zeitlichen Abstand beschrieben werden, ist laut Fontaine jedoch die Regel. "Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass neue Arten gleich an ihrem Fundort als solche erkannt werden", sagt Fontaine. Meist wüssten die Feldforscher nicht um ihre Neuentdeckung. Stattdessen würden gesammelte Arten in Museen und Herbarien archiviert, wodurch diese Lagerstätten als Reservoire für neue Arten dienten.

Hauptgrund für die verspäteten Beschreibungen ist laut den französischen Wissenschaftlern der Mangel an Taxonomen, also Experten zur systematischen Einordnung neuer Arten. "Auf hundert Taxonomen für Wirbeltiere kommen etwa zehn Fachleute für Pflanzen und gerade einmal ein Experte für wirbellose Tiere", erklärt Fontaine. So seien ihm selbst weltweit nur etwa 15 Wissenschaftler bekannt, die sich mit der systematischen Einordnung von Quallen beschäftigen.

Dabei hätten Taxonomen sicher reichlich zu tun: Nach vorsichtigen Schätzungen ist gerade einmal ein Fünftel der auf der Erde vermuteten Arten wissenschaftlich beschrieben.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
forscher Forscher 20.11.2012
Das ist zwar alles sehr schade, aber welcher Biologiestudent will denn heute noch Taxonome werden? Es gibt wesentlich interessantere Fragestellungen als das Entdecken von neuen Arten. Andererseits: Durch neue Sequenzierungstechnologien wird das alles viel moderner werden. Dieses Jahr kommt ein Gerät auf den Markt, das das menschliche Genom über Nacht komplett sequenzieren kann. Es wird darauf hinauslaufen, dass man in sehr naher Zukunft alles, was man findet, egal ob in der Natur, im Museum, in Bernstein oder sonstwo einfach sequenziert und es automatisch in einen Stammbaum eingliedern kann. Da braucht man auch keine echten, klassischen Taxonomen mehr für.
2. Taxonomen will keiner bezahlen
strixaluco 20.11.2012
...Weil das unter Biologen nun einmal gerade nicht in Mode ist. Deswegen geht niemand das Risiko ein, sich eine umfangreiche Artenkenntnis zuzulegen - denn vom Studienbeginn bis zu einem gewissen Expertentum dauert es in diesem Bereich zehn Jahre oder mehr. Wenig anspruchsvoll ist die Sache auch nicht gerade. Die übliche Projektfinanziereung ist für Biodiversitätsexperten eine Katastrophe, denn Artenvielfalt ist, egal in welchem Bereich, eine Lebensaufgabe und kein 3-Jahres-Trip. Es gibt mittlwereile reichlich Biologen, die als Biochemiker dilettieren (Biochemie können richtige Biochemiker nun mal auch besser) und nicht einmal mehr gängige Kulturpflanzen oder die Vögel im häuslichen Garten auseinanderhalten können. Vorsicht Falle! So manche Labortätigkeit wird nur von Studenten und Doktoranden gemacht, weil das billiger ist als ein Roboter, der das auch könnte. Man lernt nur nichts dabei, wofür man hätte studieren müssen, und konkurriert dann am Arbeitmarkt im Zweifelsfall mit Leuten, die eine bessere praktische Ausbildung haben.
3. Altertümliche Idee
Holbirn 20.11.2012
Die Idee erscheint ein wenig absurd, es sei Wissenschaft, wenn man nur genug Spezies zwischen zwei Papierblättern versammelt. Sicherlich hat diese Haltung in der Anfangsphase der Biologie viel weiter geholfen, heute dagegen ist eine weitere gefundene Spezies wie ein weiterer gefundener Planet in der Galaxis: Überaus gewöhnlich, zigmillionenfach vorhanden.
4. Irrtum!
strixaluco 20.11.2012
Die Natur ist vielfältig vernetzt und funktioniert oft als Großes Ganzes - in dem jede noch so kleine Komponente ihre eigene Rolle hat. Es ist wichtig, diese Komponenten zu kennen, denn sie spielen auch wichtige Rollen für unsere Ernährung und Gesundheit. Was die Sammelleidenschaft betrifft, hat sie sich gerade vom Pressen auf die Gene verlagert, der "Tiefgang" hat aber nicht überall zugebnommen. Das Problem ist, das immer weniger Biologen wirklich wissen, wie und wo die Arten leben, von denen sie Sequenzen zu Gesicht bekommen. Erstens - ohne Erfahrung findet man Arten gar nicht. Zweitens - nur mit den Genen etwas anfangen zu wollen, funktioniert auch nicht gut. Stellen Sie sich vor, jemand gäbe Ihnen die Konstruktionszeichnung für einen modernen Computerprozessor und sie müssten sagen, was das Ding macht. Das ist ganz schön schwierig, wenn man es nicht beim Arbeiten beobachten kann! - Und das kann man, biologische Arten betreffend, nur, wenn man sie lebendig beobachtet.
5.
dr_phil 20.11.2012
Zitat von forscher ForscherDas ist zwar alles sehr schade, aber welcher Biologiestudent will denn heute noch Taxonome werden? Es gibt wesentlich interessantere Fragestellungen als das Entdecken von neuen Arten. Andererseits: Durch neue Sequenzierungstechnologien wird das alles viel moderner werden. Dieses Jahr kommt ein Gerät auf den Markt, das das menschliche Genom über Nacht komplett sequenzieren kann. Es wird darauf hinauslaufen, dass man in sehr naher Zukunft alles, was man findet, egal ob in der Natur, im Museum, in Bernstein oder sonstwo einfach sequenziert und es automatisch in einen Stammbaum eingliedern kann. Da braucht man auch keine echten, klassischen Taxonomen mehr für.
Das kann man so nicht stehen lassen. Zum einen ist es zwar nett, dass es ein solches Gerät eventuell gibt, man braucht aber auch das Geld um die eigentliche Sequenzierung zu machen. Und die automatische Eingliederung geht eben auch nicht ohne Taxonomen denn die bringen den Sachverstand mit um Einschätzen zu ob die Einordnung richtig ist oder nicht ein Sequenzierfehler vorliegt, um einschätzen zu können es sich um eine Art oder nur differenzierte Population handelt etc etc. Zudem brauchen wir das Wissen der Taxonomen um überhaupt andere Forschung betreiben zu können. Ökologie, Naturschutz, Klimaforschung etc. würde ohne das Grundlagenwissen das Taxonomen aufgebaut haben überahupt nicht funktionieren.
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