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Neue Klimastudie: Südpol wird seit 50 Jahren wärmer

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Nun ist es amtlich: Auch in der Antarktis wird es wärmer, und zwar überall. Das zeigt eine neue Studie, die auf Messdaten der vergangenen 50 Jahre basiert. Ironischerweise befördert ausgerechnet der Kampf gegen das Ozonloch die Erwärmung noch zusätzlich.

Klimaforscher, die sich auf die Antarktis konzentrierten, hatten es immer schwerer als ihre Kollegen, die das Nordpol-Klima untersuchten. Während die Schmelze in der Arktis unbestritten dramatisch voranschreitet, war die Entwicklung in der Antarktis bislang weniger eindeutig. Hier wurden nur punktuell steigende Temperaturen gemessen, manche Gegenden kühlten sogar ab, auch in der Tiefsee sinken die Temperaturwerte.

Eine neue Studie von Wissenschaftlern um Eric Steig von der University of Washington in Seattle zeigt nun erstmals: Die Klimaerwärmung trifft die Antarktis überall und nicht nur in Randbereichen. Bisher hatten Untersuchungen vor allem einen Temperaturanstieg auf der westlichen Antarktischen Halbinsel belegt, einer 800 Kilometer langen Landzunge, die in Richtung Südamerika zeigt.

Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature" schreiben, steigen die Temperaturen am Südpol - und das schon seit einem halben Jahrhundert. Die Westantarktis habe sich in den vergangenen 50 Jahren pro Dekade im Schnitt um 0,17 Grad Celsius erwärmt, plus/minus 0,06 Grad. Im Osten fiel die Erwärmung etwas geringer aus: pro Dekade 0,10 Grad Celsius, plus/minus 0,07 Grad. "Im Winter und Frühling war die Erwärmung besonders stark", sagte Eric Steig in einer Pressekonferenz. Bisher waren viele Wissenschaftler davon ausgegangen, dass die Temperatur in der Ostantarktis sogar sinkt.

Die klimatischen Unterschiede zwischen West- und Ostteil erklären die Forscher mit der riesigen geografischen Ausbreitung der Antarktis. Zudem unterscheide sich die Höhe beider Hälften um mehr als tausend Meter.

Satellitendaten kombiniert mit Wetterstationen

Für ihre Analyse werteten die Forscher Satellitendaten und Messungen von 42 Wetterstationen aus, die überwiegend an den Küstenregionen gelegen waren, und von 65 automatischen Stationen aus dem antarktischen Inland. Die Daten reichten zurück bis ins Jahr 1957. Was die Studie hauptsächlich von früheren abhebe, sei laut Steig die Kombination der Daten. In vielen Untersuchungen waren keine Satellitendaten berücksichtigt worden.

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Das Fazit der Forscher: Ohne die steigenden Konzentrationen von CO2 sei solch ein Erwärmungstrend nicht zu erklären. Dies habe auch schon eine Studie vom Oktober vergangenen Jahres gezeigt, die in "Nature Geoscience" veröffentlicht wurde. "Wir glauben aber auch", so Steig, "dass die Veränderung des Ozonloches einer der Faktoren der Antarktis-Erwärmung ist."

Nach Ansicht Steigs kann der Kampf gegen das Ozonloch die Erwärmung jedoch ironischerweise sogar noch beschleunigen: Ozon wirkt in der Stratosphäre. Es absorbiert die UV-Strahlung der Sonne, dadurch heizt sich die Luft in einer Höhe von zehn bis 20 Kilometern Höhe auf. Dies wiederum schwächt das Temperaturgefälle der Luft ab und verändert die Zirkulationsmuster der polaren Winde. "Die Folge ist, dass weniger kalte Westwinde über das Innere der Antarktis ziehen", erklärt Drew Shindell vom Nasa Goddard Institute in New York und Co-Autor der Studie den Effekt.

Nachdem Anfang der neunziger Jahre die für die Ausweitung des Lochs verantwortlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) verboten wurden, könne "das Loch bis Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein", meint Steig. Wenn das passiere, werde sich die gesamte Antarktis endültig "im Gleichschritt mit der restlichen Welt erwärmen".

Wilkins-Eisschelf steht vor dem Abbruch

Wie die Wissenschaftler in "Nature" schreiben, ist die Höhe der antarktischen Erwärmung vergleichbar mit der Erwärmung der gesamten südlichen Erdhalbkugel. Das Abschmelzen der gigantischen Eismassen der Antarktis - laut Schätzungen von Wissenschaftlern aus dem Jahr 2000 sind es etwa 25 Millionen Kubikkilometer - würde gravierende Folgen haben: Die Meeresspiegel würden um 57 Meter ansteigen.

Wie viel Antarktis-Eis tatsächlich schon geschmolzen ist und noch schmelzen wird, können die Forscher nicht sagen. Die Gründe für das Abbrechen verschiedener Eisschelfe in den vergangenen Jahrzehnten sei nach Ansicht Steigs nun aber offensichtlich.

In den vergangenen 50 Jahren sind neun Schelfeis-Flächen in der Antarktis abgebrochen oder geschrumpft. Oft geschieht dies plötzlich, wie bei Larsen A im Jahr 1995 oder Larson B 2002. Insgesamt sind 25.000 Quadratkilometer Eisfläche - etwa die Größe von Mecklenburg-Vorpommern - verlorengegangen. Entsprechend haben sich die Umrisse des südlichsten Kontinents geändert. Und nun steht auch das riesige Wilkins-Schelfeis in der Antarktis kurz vor dem Abbruch, wie der britische Forscher David Vaughan berichtete (siehe Video). Die Region hatte früher eine Fläche von etwa 16.000 Quadratkilometern, was etwa der Größe Schleswig-Holsteins entspricht.

Stefan Rahmstorf, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kommentierte die Studie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: Sie zeige, "dass die leichte Abkühlung der Antarktis ein räumlich und zeitlich beschränktes Phänomen ist, verursacht wahrscheinlich durch das Ozonloch". Über die vergangenen 50 Jahre und die Antarktis als Ganzes gebe es hingegen eine Erwärmung so wie im Rest der Welt, und sie sei "konsistent mit der globalen Erwärmung", so Rahmstorf.

mit Material von AFP und Reuters

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