Neue Kohlekraftwerke 300 Milliarden Tonnen CO2 nicht mehr zu verhindern

Kann der Klimawandel noch auf ein erträgliches Maß begrenzt werden? Eine neue Studie weckt erhebliche Zweifel. Sie beziffert, welche Treibhausgas-Emissionen allein durch neu gebaute Kohlekraftwerke bereits geplant sind. Die Mengen sind enorm.

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Die Erderwärmung, das betonen Forscher und Umweltschützer immer wieder, kann noch auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten begrenzt werden - sofern die Menschheit entschlossen ihren Kohlendioxid-Ausstoß senkt. Doch dass der Klimawandel noch unter der Schwelle bleibt, unterhalb der die Folgen gemeinhin als noch beherrschbar gelten, erscheint zunehmend unwahrscheinlich, und nicht nur, weil die aktuellen Emissionen von Rekord zu Rekord eilen.

Besonders problematisch ist der massive Ausbau der Stromproduktion durch Kohle. Er lässt nicht nur den jetzigen Ausstoß steigen, sondern wird das auf Jahrzehnte hinaus tun - schon weil die Kraftwerke lange Laufzeiten haben. Jetzt haben Wissenschaftler von der University of California in Irvine und der Princeton University beziffert, wie groß diese bereits geplanten Emissionen sind. Ihre Zahlen, die sie jetzt im Fachblatt "Environmental Research Letters" veröffentlicht haben, klingen wenig beruhigend:

  • Die neu gebauten Kohlemeiler werden bei einer Laufzeit von 40 Jahren insgesamt 307 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Allerdings ist die Unsicherheit der Prognose hoch: Bestenfalls könnte die Menge nur 192, schlimmstenfalls 439 Milliarden Tonnen betragen.
  • Allein die Kohlemeiler, die im Jahr 2012 gebaut wurden, werden über 40 Jahre insgesamt 19 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Zum Vergleich: Die Emissionen aller existierenden Kohlekraftwerke lag 2012 bei 14 Milliarden Tonnen.
  • Zwischen 2010 und 2012 stieg die globale Kapazität von Kohlekraftwerken im Jahresdurchschnitt um 89 Gigawatt. Das sind 23 Gigawatt mehr als in der Zeit von 2000 bis 2009 und 56 Gigawatt mehr als zwischen 1990 und 1999.

Wenn das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht werden soll, darf bis zum Jahr 2100 nur noch eine bestimmte Menge an CO2 in die Atmosphäre gelangen. Doch allein die vorgesehenen Emissionen aus der Verstromung fossiler Brennstoffe werden große Teile dieses Budgets auffressen, wie die Studienautoren Steven Davis und Robert Socolow vorrechnen. In China, dem weltweit größten CO2-Emittenten, liege der Anteil bei einer 40-jährigen Laufzeit der neuen Meiler bei 53 Prozent, in Indien bei 41 und in den USA bei 21 Prozent. Andere große Treibhausgas-Produzenten - etwa der Verkehrssektor oder die Landwirtschaft - sind in dieser Berechnung noch gar nicht berücksichtigt. Ebenfalls nicht eingerechnet sind die nach 2012 errichteten Kraftwerke.

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Grafiken: Das Comeback der Kohle
Besserung ist nicht in Sicht, wie Davis und Socolow betonen: "Trotz der internationalen Bemühungen um eine Senkung der CO2-Emissionen sind die Ausstoß-Festlegungen im globalen Stromsektor in keinem einzigen Jahr seit 1950 gesunken", schreiben die Forscher. Im Gegenteil: Sie seien zwischen 2000 und 2012 im Jahresmittel sogar um vier Prozent gestiegen.

Diese zukünftigen, bereits feststehenden Emissionen würden in den Klimaschutz-Verhandlungen viel zu wenig berücksichtigt, meint Socolow: "Wir fliegen ein Flugzeug, dem ein wichtiges Instrument im Cockpit fehlt", so der Forscher. Derzeit gebe es nur ein Instrument, das die aktuellen Emissionen anzeige - nicht aber die der Zukunft.

Kohle auf dem Weg zum wichtigsten Energieträger

Hätte man ein solches Instrument früher schon gehabt, so die Wissenschaftler, hätte man etwa das rasante Wachstum der Kohlenutzung in China besser berücksichtigen können. Chinas Kohle-Stromproduktion ist größer als die gesamte Elektrizitätsgewinnung der 25 europäischen OECD-Staaten aus Wind, Solar und Biomasse, hieß es kürzlich im aktuellen Kohlemarktbericht der Internationalen Energieagentur IEA. "Da geht heute im Schnitt etwa jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb", sagt Carlos Fernández Alvarez, Hauptautor des Berichts. Und China habe gerade erst richtig damit begonnen, Kohle in relativ preiswertes synthetisches Öl und Gas umzuwandeln.

Allerdings spielt die Kohle nicht nur in China eine wichtige Rolle. Auch Deutschland wird nach Einschätzung der Bundesnetzagentur auf Kohlekraftwerke in naher Zukunft nicht verzichten können. "Ich bin überzeugt, dass der Ruf, der aus vielen Ecken erschallt, nach einem baldigen Ausstieg aus der Kohleverstromung mit seriöser Energiepolitik nicht viel zu tun hat", sagte der Präsident der Behörde, Jochen Homann, am Mittwoch auf einer Energiekonferenz in Berlin. Er verwies darauf, dass bis Ende 2022 die restlichen Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden. Der Strom müsse woanders herkommen. Mit Wind- und Solarenergie allein sei dies nicht zu machen. Ihre Produktion schwanke, konventionelle Anlagen würden daher weiter gebraucht.

So prophezeit die IEA, dass Kohle bis Ende des Jahrzehnts Erdöl als wichtigsten Energieträger der Menschheit ablösen wird. "Wir sind weit davon entfernt, das Problem des Klimawandels zu lösen, und investieren massiv in Technologien, die das Problem verschlimmern", erklärt Davis. "Weltweit haben wir im letzten Jahrzehnt mehr Kohlekraftwerke gebaut als in irgendeinem früheren Jahrzehnt, und die Schließung älterer Anlagen hält mit dieser Expansion nicht Schritt."

mbe/dpa/Reuters



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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
günterjoachim 27.08.2014
1. Interessiert niemanden...
Wen interessieren solche Studien noch? Niemand garantiert die Angemessenheit der zugrundeliegenden Modelle. Niemand garantiert vor allem daß irgendwelche vorbeugenden Maßnahmen tatsächlich die prognostizierte Wirkung haben werden.
itigelov 27.08.2014
2. Kohle
ZITAT: "So prophezeit die IEA, dass Kohle bis Ende des Jahrzehnts Erdöl als wichtigsten Energieträger der Menschheit ablösen wird." Das ist für mich nicht neu. Mit Kohle hat es begonnen und mit Kohle wird es enden, das sogenannte Industriezeitalter nach gängigem Verständnis. Der Artikel als Ganzes selbst scheint allerdings eine Intention zu transportieren, die "subtil" in eher beiläufig scheinenden Bemerkungen verpackt ist: "Ohne Atomstrom sind wir verloren!" Eine altbekannte Masche. Denn Pessimismus ist so oder so angebracht, wenn die Weltbevölkerung weiter wächst - und das wird sie. Länder wie China bewerkstelligen ihren beschleunigten wirtschaftlichen Aufstieg mit Kohle, weil das nur mit diesem billigen und relativ einfach zu beschaffenden Energieträger geht. Aber China, auch wenn es noch die Hälfte der Weltkohleproduktion verbraucht, ist längst auf die verstärkte Nutzung anspruchsvollerer und zukunftsträchtiger Technologien eingeschwenkt. Das eigentliche Problem ist, dass endliche nukleare und fossile Energieträger bald nicht mehr für alle Menschen reichen werden und bevor der durch die Nutzung mitverursachte Klimawandel und die damit verursachte Umweltverschmutzung bedrohlich im globalen Maßstab werden, haben wir noch weit größere Probleme. Weil "wir" an Dogmen wie Wachstum in allen Bereichen festhalten.
laurismauris 27.08.2014
3. Seriöse Energiepolitik?
Natürlich würde ein Ausstieg aus Atomenergie und Kohleverstromung ein Umdenken voraussetzen. Aber die Lobbyisten der Energiekonzerne wollen dieses Denken nicht. Ein Beispiel: Die Subventionen für die deutschen Atomkraftwerke addierten sich bisher auf 304 Milliarden Euro. Der Rückbau der Kraftwerke ist da noch nicht eingerechnet. Würde die gleiche Größenordnung an Privathaushalte und kleine Betriebe für erneuerbare Energien samt Speichersystem bereit gestellt werden, bräuchte es kein einziges neues Kohlekraftwerk. Wenn jeder Haushalt mit vier Personen täglich zwischen 5 und 10 kWh verbraucht, genügt an mindestens 330 Tagen im Jahr eine 5 bis 8 kWp- PV-Anlage auf dem Dach um den Eigenverbrauch des Tages zu decken. Für die Nutzung des Verbrauchs in der Nacht genügt ein Lithium-Akkumulator mit einer Speicherkapazität von max. 10 kWh. Und selbst an den wenigen Tagen mit Schnee auf dem Dach wäre dann eben der Bezug über Gaskraftwerke oder Windkraftanlagen notwendig. Die Subvention für diese PV- und Batterielösung sollte nicht mit Einspeisevergütungen geködert werden, sondern durch eine direkte Subvention für die Akkumulatoren. Wer hier noch Zweifel hat, darf sich gerne an mich wenden. Wir nutzen eine solche Lösung und sind zu 95% über das ganze Jahr gerechnet autark. Im Sommer kaufen wir 1% zu, weil die Konzerne darauf bestanden, dass kein Watt von der Batterie aus ins Netz gespeist werden darf und wir so einen kleinen Puffer nutzen müssen, bis zu dem eher hundert Watt bezogen werden, bevor auch nur ein Watt aus der Batterie ans Netz geht. Ansonsten wären wir an mehr als 330 Tagen autark. Die Vergütung für die Einspeisung ist für uns übrigens irrelevant, weil wir eher daran denken andere Verbraucher mit Eigenstrom zu versorgen (Wassererwärmung, Elektroauto), als die Netze zu belasten. Im Ergebnis brauchen wir also keine neuen Kraftwerke, keine neuen Leitungen und ebenfalls keine Einspeisevergütung. Lohnt sich das Nachdenken?
maikhansen 27.08.2014
4. Und selbst in Deutschland
einem der reichsten Laender der Welt wird immer noch darueber diskutiert ob und wie weit der Preis fuer Strom steigen darf. Alle die sich beschweren sollten sich ueberlegen was es ihnen wert ist, saubere Luft zu atmen bzw. ihre Nachkomenn atmen zu lassen. Gleiches gilt fuer die notorischen Querulanten, die sich gegen den Netzausbau stellen, weil sie befuerchten ihr Grundstueck wuerde weniger wert. Was ist wichtiger, die Interessen des Einzelnen oder der Gemeinschaft?
Palmdale 27.08.2014
5. Die Kehrseite der Energiewende
Tja, diese Entwicklung war vorhersehbar, aber in saftgrüne Ökofantasien passen keine Dinge wie Grundlast, Mittel und Spitzenlast. Das können ohne massive Speichertechnologien die regenerativen Energien (noch) nicht leisten. Wobei selbst dann weiterhin die Herstellung des Speichers an sich mit in die Gleichung einbezogen werden müsste (was man sich gerne bei Elektroautos vorlügt). Weg von Atom, hin zum schleichenden Tod der Erde durch CO2...
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