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Neue Prognose: Meeresspiegel legt trotz Klimaschutz stark zu

Selbst wenn sich die Welt sofort auf ernsthafte Klimaschutzziele verständigen würde, stiege der Meeresspiegel noch jahrzehntelang weiter. Das zeigt eine neue Langzeitprognose. Eine weitere Studie sieht US-Metropolen wie New York und Boston überdurchschnittlich stark von Hochwasserlagen betroffen.

Welle vor Kapstadt (im August 2011): "Weniger Zeit sich anzupassen" Zur Großansicht
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Welle vor Kapstadt (im August 2011): "Weniger Zeit sich anzupassen"

Berlin - Der Anstieg des Meeresspiegels gilt als eine besonders dramatische Begleiterscheinung des Klimawandels. Schließlich leben weltweit viele hundert Millionen Menschen in küstennahen Gebieten. Betroffen von steigenden Pegeln wären neben vielen armen Staaten auch wichtige wirtschaftliche Zentren, etwa in Asien und Nordamerika.

Allerdings ist es für Wissenschaftler noch immer extrem schwierig, genaue Prognosen zum Meeresspiegelanstieg vorzulegen - zumal der längst nicht überall rund um die Welt gleich stark ausfällt. Der Weltklimarat hat in seinem letzten Bericht nur die wärmebedingte Volumenausdehnung des Ozeanwassers berücksichtigt. Ein Plus von einem Meter bis zum Jahr 2300 ist auf diese Weise zu befürchten. An Versuchen, das Ergebnis zu präzisieren, hat es seither nicht gemangelt - doch die Spannbreite der Schätzungen variiert dramatisch.

Ein Team um Michiel Schaeffer vom privaten Forschungsinstitut Climate Analytics in Berlin versucht sich im Fachmagazin "Nature Climate Change" nun auch an einer Vorhersage bis ins Jahr 2300. Zum Einsatz kommt dabei eine semi-empirische Methode. Das heißt, es werden nicht in erster Linie die physikalischen Prozesse modelliert, die zum Anstieg des Wassers führen, das Abschmelzen des Eises in Grönland und der Antarktis zum Beispiel. Stattdessen geht das Modell unter Verwendung bisheriger Beobachtungsdaten davon aus, dass die Pegel ungefähr proportional zur Größenordnung der Erderwärmung klettern.

Weil die Forscher naturgemäß nicht wissen, wie stark die Temperatur in den kommenden Jahrzehnten steigen wird, arbeiten sie mit verschiedenen Szenarien. Dabei zeigt sich: Selbst bei einer auf zwei Grad Celsius begrenzten globalen Erwärmung muss weltweit mit einem erheblichen Meeresspiegel-Anstieg gerechnet werden. Bis zum Jahr 2100 würden in diesem Szenario im Schnitt 80 Zentimeter dazukommen. Bis zum Jahr 2300 wären es zwischen anderthalb und vier Meter; der wahrscheinlichste Wert läge bei einem Plus von 2,7 Metern.

Die Forscher haben auch ausgerechnet, was bei ambitionierteren Klimazielen passieren würde: Bei einem Stopp jeglicher CO2-Emissionen im Jahr 2016 würden die Pegel bis mindestens 2050 mit zunehmendem Tempo ansteigen und sich dann erst langsam beruhigen. Wenn es gelänge, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, würde der Meeresspiegel der Studie zufolge bis zum Jahr 2300 um etwa 1,5 Meter ansteigen.

Das Problem: Ein Klimaschutzziel von nur 1,5 Grad mehr als vor der industriellen Revolution ist nach Ansicht vieler Klimaforscher kaum zu schaffen. Für realistischer halten viele eine Erwärmung um zwei bis drei Grad. Der "Climate Action Tracker", an dem Studienleiter Scheffler ebenfalls mitarbeitet, geht bei den aktuellen Klimaschutzzusagen der Weltgemeinschaft gar von einem Plus von 3,5 Grad bis zum Jahr 2100 aus.

"Heutige Emissionen bestimmen Meeresspiegel für Jahrhunderte"

Eine Temperaturzunahme in dieser Größenordnung würde der neuen Studie zufolge massive Folgen für den Meeresspiegel haben. Stiegen die weltweiten Temperaturen um drei Grad, so wäre nach Ansicht der Autoren bis zum Jahr 2300 mit einem Meeresspiegelanstieg von durchschnittlich 3,5 Metern zu rechnen.

Entscheidend an der neuen Studie sind aber nur in zweiter Linie die genauen Zahlen. Wichtig ist aus Sicht der Forscher der fundamentale Zusammenhang: "Weil die Eis- und Wassermassen der Welt sehr langsam auf die globale Erwärmung reagieren, bestimmen unsere heutigen Emissionen den Meeresspiegel noch für die kommenden Jahrhunderte", sagt Erstautor Schaeffer. Man müsse noch lange Zeit mit steigenden Wasserpegeln an den Küsten rechnen

Die neuen Ergebnisse zeigen auch, dass sich auch das Tempo des Pegelanstiegs mit höheren Temperaturen beschleunigen wird. "Die Menschen an den Küsten haben weniger Zeit sich anzupassen, wenn der Meeresspiegel schneller ansteigt", sagt Co-Autor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Die möglichen Folgen eines relativ schnellen Anstiegs wären erheblich, warnt Rahmstorf. "Für New York City zum Beispiel wurde gezeigt, dass ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter die Häufigkeit schwerer Überflutungen von einmal pro Jahrhundert auf einmal alle drei Jahre steigern könnte." Auch niedrig liegende Länder und Regionen mit ausgedehnten Flussdeltas wie in Bangladesch sowie kleine Inselstaaten wären aus Sicht des Forschers wohl erheblich betroffen.

Dass die dicht besiedelte Ostküste der USA besonders vom Meeresspiegelanstieg gefährdet ist, zeigt eine zeitgleich in "Nature Climate Change" erschienene Studie. Forscher um Abby Sallenger vom Geologischen Dienst der USA (USGS) hatten dafür Wasserstandsmeldungen aus der Zeit zwischen 1950 und 1979 sowie 1980 und 2009 ausgewertet. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Pegel in dem betroffenen 1000 Kilometer langen Küstenabschnitt, der auch New York und Washington umfasst, drei- bis viermal schneller und stärker ansteigen als im weltweiten Durchschnitt.

chs/dapd/AFP

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1. kindliche naivität
mephisto1997 24.06.2012
Zitat von sysopDPASelbst wenn sich die Welt sofort auf ernsthafte Klimaschutzziele verständigen würde, stiege der Meeresspiegel noch jahrzehntelang weiter. Das zeigt eine neue Langzeitprognose. Eine weitere Studie sieht US-Metropolen wie New York und Boston überdurchschnittlich stark von Hochwasserlagen betroffen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,840679,00.html
es ist einfach unglaublich naiv, anzunehmen, dass durch ein paar prozent weniger CO2-ausstoß und energieeffizient arbeitende kühlschränke sowas wie das steigen des meeresspiegels aufgehalten werden könnte, wenn der dies denn wollte. egal, ob menschengemacht oder nicht, die dinge, die da im gange sind, lassen sich nicht aufhalten. und wahrscheinlich ließen sie sich auch nicht aufhalten, wenn sofort sämtliche abluft von der erde verschwinden würden und keine kuh mehr einen pups lassen würde. die klugen köpfe sollen sich lieber hoch konzentriert an intelligente lösungen z. b. für küstenschutz in besonders gefährdeten regionen machen, als dass mit irgendwelchen ohnehin irrationalen zahlenspielen den menschen dieser erde ein schlechtes gewissen gemacht wird, wenn sie ein modernes kohlekraftwerk bauen, um sich mit energie zu versorgen.
2.
texas_star 24.06.2012
Zitat von mephisto1997es ist einfach unglaublich naiv, anzunehmen, dass durch ein paar prozent weniger CO2-ausstoß und energieeffizient arbeitende kühlschränke sowas wie das steigen des meeresspiegels aufgehalten werden könnte, wenn der dies denn wollte. egal, ob menschengemacht oder nicht, die dinge, die da im gange sind, lassen sich nicht aufhalten. und wahrscheinlich ließen sie sich auch nicht aufhalten, wenn sofort sämtliche abluft von der erde verschwinden würden und keine kuh mehr einen pups lassen würde. die klugen köpfe sollen sich lieber hoch konzentriert an intelligente lösungen z. b. für küstenschutz in besonders gefährdeten regionen machen, als dass mit irgendwelchen ohnehin irrationalen zahlenspielen den menschen dieser erde ein schlechtes gewissen gemacht wird, wenn sie ein modernes kohlekraftwerk bauen, um sich mit energie zu versorgen.
es ist einfacher die naechste klimasau durchs dorf zu treiben. sorry, aber vorhersagen fuer den meerespiegel bis zum jahr 2300 (!!!) muss man jetzt nicht unbedingt ernstnehmen. ich wuerde gerne mal die vorhersagen anno 1720 bezueglich unserer heutigen zeit (klima etc) hoeren....
3. .
Rubeanus 24.06.2012
Und das berichtete Spiegel Online über Stefan Rahmstorf: ---Zitat--- Eklat um Klimaberater der Bundesregierung Der bekannte Klimaforscher und Regierungsberater Stefan Rahmstorf wurde wegen einer Blog-Attacke gegen eine Journalistin verurteilt - er hat nach Meinung des Gerichts Unwahres behauptet. [...] ---Zitatende--- Verurteilter Forscher: Eklat um Klimaberater der Bundesregierung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/verurteilter-forscher-eklat-um-klimaberater-der-bundesregierung-a-796623.html)
4. optional
abikus 24.06.2012
CO2 absorbiert bestimmte Wellenlängen des Sonnenlichtes. Die Absorptionsanteil in der Atmosphäre beträgt seit 1988 über 90%. Selbst wenn sich der CO2-Anteil vervierfacht wird es lediglich auf ca. 95% steigen. Um allein zu verdoppeln den CO2-Anteil müßten wir alle bekannten Ölreserven verbrennen und hoffen, dass die Pflanzen das zusätzliche CO2 nicht zu schnell wieder aufnehmen. Klima heißt Veränderung und unsere Erdtemperatur wird von der Sonne und der Erdumlaufbahn gesteuert. Klimaschutz ist irrsinnig Umweltschutz dagegen sinnvoll.
5. Alles und sein Gegenteil
ir² 24.06.2012
Latif: Deutschland wird in Zukunft nur noch milde Winter sehen Rahmstorf: Je wärmer die Welt, desto kälter die Winter Diese Sekte prognostiziert alles und sein gegenteil, und egal wie es dann kommt kann man sich immer auf eine richtige Prognose berufen. Nicht zu verstehen dass die Medien hier mitspielen. Die scheinen sich eher als Mitkämpfer gegen den Klimawandel zu sehen, als denn ihre Arbeit als Journalisten zu tun; kritisch nachfragen!!
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Klimabasar: Wie hoch steigt das Meer?

Meeresspiegel-Anstieg um sechs Meter?
Daten früherer Warmzeiten lassen nichts Gutes erwarten, wie Meereskundler um Anton Eisenhauer vom Leibniz-Institut für Meereskunde IFM-Geomar vor zwei Jahren in einer Studie gezeigt zu haben meinen: Tropische Riffe, die heute sechs Meter über dem Meer lägen, hätten vor 125.000 Jahren im Wasser gestanden, das Meer müsse demnach mehr als sechs Meter höher gestanden haben - damals war es etwa so warm, wie Klimaprognosen es für dieses Jahrhundert noch erwarten lassen. Womöglich hätten rasant abtauende Grönland-Gletscher den Meeresspiegel seinerzeit so stark steigen lassen, meint Eisenhauer. Forscher fürchten, dass das nun wieder passieren könnte.
Steigen Temperatur und Meeresspiegel im Gleichschritt?

Die Wissenschaftler sind im Dilemma: Sie haben zwar Grund zur Befürchtung, die Eisschmelze könnte sich dramatisch beschleunigen. Doch beweisen ließe sich der Trend erst nach Jahrzehnten. Und so fahnden Forscher nach Möglichkeiten, mit Klimadaten der Vergangenheit Aussagen über die Zukunft zu treffen. Mit sogenannten "semi-empirischen" Methoden suchen sie nach Zusammenhängen zwischen Lufttemperatur und Meeresspiegel. Auf Grundlage globaler Temperaturdaten seit 1880 kamen Martin Vermeer von der Helsinki University of Technology und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu dem Ergebnis, dass der globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um knapp 1,90 Meter steigen könnte.

Inwieweit solche Studien Eingang in den neuen Uno-Klimareport finden, müssen nun die 18 Mitglieder des Gremiums entscheiden - die neuen Ergebnisse könnten die Uno-Meeresspiegel-Prognose in ganz neue Höhen treiben. Viele Forscher hegen Bedenken: "Die semi-empirischen Modelle wurden noch nicht überprüft", sagt etwa Neil White vom CSIRO-Institut. Es sei unklar, ob den Gleichungen überhaupt reale Vorgänge in der Natur zugrunde lägen. "Unter manchen Bedingungen haben sich die Methoden bereits als nicht funktionstüchtig erwiesen", sagt White skeptisch.

Wo der Meeresspiegel steigt - und wo er fällt

Erschwert werden die Prognosen auch dadurch, dass die Pegel global nicht gleichmäßig anschwellen. "In manchen Regionen steigt der Meeresspiegel doppelt so schnell wie im Durchschnitt", berichtet Claus Böning vom IFM-Geomar. "Woanders sinken die Pegel sogar, zum Beispiel an Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean." Verantwortlich für die Unterschiede seien vor allem Meeresströmungen, die sich rhythmisch verschöben, berichtete Böning zusammen mit Franziska Schwarzkopf vom IFM-Geomar im Juni im Fachblatt "Geophysical Research Letters".

Koralleninseln wie die Malediven wachsen sogar, wie neue Kartierungen zeigen - entgegen der vielen Untergangsprognosen. "Der ganze Hype geht komplett an der Wirklichkeit vorbei", sagte eine Arbeiterin auf den Malediven jüngst einer Reporterin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Von versinkender Landschaft sei vor Ort nichts zu bemerken.

Was passiert an Nordsee und Ostsee?
An vielen anderen Küsten ist das anders. Die Ostsee etwa schwelle in den vergangenen Jahren beschleunigt an, sagt Birgit Hünicke vom GKSS-Forschungszentrum. Der Fall der Nordsee jedoch ist komplizierter: Zwar haben Forscher um Thomas Wahl von der Universität Siegen seit den siebziger Jahren auch dort ein beschleunigtes Ansteigen der Pegel registriert, wie sie im Fachblatt "Ocean Dynamics" schreiben. "Solche Phasen gab es aber auch in den Jahrzehnten zuvor", sagt Wahl. Die weitere Entwicklung sei also offen.
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Riesige Eismassen: Grönlands Gletscher


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