Neue Schätzung Indiens CO2-Ausstoß steigt rasant

Der Treibhausgas-Ausstoß Indiens wird in den nächsten Jahren voraussichtlich massiv steigen. Die Regierung des Landes geht davon aus, dass sich die Pro-Kopf-Emissionen bis zum Jahr 2030 nahezu verdreifachen werden.

Indisches Kraftwerk (in Dadri, März 2007): "Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir alle irgendwann unsere Emissionen senken müssen."
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Indisches Kraftwerk (in Dadri, März 2007): "Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir alle irgendwann unsere Emissionen senken müssen."


Neu-Delhi - Die düsteren Prognosen der Klimaforscher scheinen sich zu bewahrheiten: Wirtschaftswachstum und steigende Treibhausgas-Emissionen lassen sich anscheinend nicht voneinander trennen - zumindest nicht in den Schwellenländern. Ein neuer Bericht legt nahe, dass Indien in den kommenden Jahren seine CO2-Emissionen massiv steigern wird. Laut einem Bericht der Regierung in Neu-Delhi könnte der Ausstoß an dem klimaschädlichen Treibhausgas bis zum Jahr 2031 auf einen Wert zwischen 4,0 und 7,1 Milliarden Tonnen klettern. Der statistische Pro-Kopf-Ausstoß eines jeden Inders werde vermutlich von geschätzten 2,1 Tonnen im Jahr 2020 auf 3,5 Tonnen im Jahr 2030 steigen.

2006 lag der Pro-Kopf-Ausstoß in Indien bei rund einer Tonne CO2 pro Jahr, wie das Carbon Dioxide Information Analysis Center (CDIAC) der US-Regierung schätzt. Zwar rangiere der jetzt für das Jahr 2030 prognostizierte Wert von 3,5 Tonnen immer noch weit unter dem von westlichen Industriestaaten: Der durchschnittliche Deutsche verursacht pro Jahr etwa zehn Tonnen CO2-Emissionen, in den USA liegt der Pro-Kopf-Ausstoß gar bei 20 Tonnen. Dennoch ist die Entwicklung gefährlich, da in Indien fast 1,2 Milliarden Menschen leben - Tendenz stark steigend. Sollte der Pro-Kopf-Ausstoß tatsächlich auf 3,5 Tonnen steigen, würde Indien vermutlich zum dritt- oder gar zweitgrößten CO2-Emittenten der Welt aufsteigen.

Derzeit belegt China mit jährlichen Emissionen von 6,1 Milliarden Tonnen im Jahr 2006 Rang eins vor den USA (5,7 Milliarden Tonnen) und Russland (1,6 Milliarden). Die gesamte Europäische Union kam laut den Zahlen des CDIAC auf 3,9 Milliarden Tonnen.

In den internationalen Klimaverhandlungen zeigte sich Indien bisher wenig kompromissbereit: Das Land will sich nicht auf verbindliche Emissionsreduktionen festlegen - und verweist auf die moralische Schuld der Industriestaaten: "Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir alle irgendwann unsere Emissionen senken müssen", argumentierte etwa indische Sonderbeauftragte für den Klimaschutz, Shyam Saran im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - und stellte sofort klar, dass das bei seinem Land erst später möglich sei als bei den klassischen Industriestaaten, schließlich habe der indische Entwicklungsprozess viel später angefangen.

Neuer Bericht belegt dramatische Folgen

Bei den Vorverhandlungen zum Klimagipfel der Vereinten Nationen, der im Dezember in Kopenhagen stattfindet, hat Indien bereits viel Druck gemacht, um Unterstützung für klimaschonende Technologieentwicklung und Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu erhalten. Da dürften die düsteren Prognosen sogar noch Argumentationshilfe liefern - ob gewollt oder ungewollt, sei dahingestellt.

Denn ohne Zweifel wird der Klimawandel gerade in Asien dramatische Veränderungen mit sich bringen, die auch Indien massiv treffen werden. Eine am Mittwoch vorgestellte Studie der Asiatischen Entwicklungsbank ADB belegt das eindrücklich. Demnach sind in den kommenden Jahren durch die Umweltveränderungen in Asien 1,6 Milliarden Menschen - fast ein Viertel der Weltbevölkerung - von Hungersnöten bedroht.

Wenn die derzeitigen Klimatrends, Erwärmung der Atmosphäre und ausbleibende Regenfälle, sich bis 2050 fortsetzen, würde die Maisernte in Südasien um 17 Prozent einbrechen. Die Ertrag von Weizen würde um 12 Prozent und der von Reis um 10 Prozent sinken. "Südasien ist beim Klimawandel besonders anfällig, und dies hat ernsthafte Folgen für die Landwirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit", warnte Kunio Senga, ADB-Südasien-Direktor. Besonders gefährdet durch klimabedingte Überschwemmungen oder Dürren seien Afghanistan, Bangladesch, Nepal und Indien.

China, der weltgrößte CO2-Produzent, hat bisher eine ähnliche Strategie wie Indien verfolgt und konkrete Klimaschutzziele abgelehnt. Doch das scheint sich nun zu ändern. So hat eine staatliche chinesische Denkfabrik ein Konzept vorgelegt, das ab dem Jahr 2030 einen sinkenden CO2-Aussoß des Landes vorsieht. Sollte China diese Ziele erreichen, könnte es seine Emissionen bis 2050 wieder auf den Stand von 2005 oder darunter verringern.

Wie realistisch dieses Szenario ist, steht auf einem anderen Blatt. Ein internationales Forscherteam hatte im Frühjahr eine Analyse vorgelegt, wonach Chinas CO2-Ausstoß bis 2030 um 80 Prozent in die Höhe schießen wird- selbst wenn dort ab sofort für neue Kohlekraftwerke die CO2-Abtrennungs- und -speichertechnik CCS eingeführt werden würde.

chs/Reuters/dpa



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