Neue Strategie Europäer steigen in das Rennen um die Arktis ein

Nun will auch die Europäische Union von den Schätzen der tauenden Arktis profitieren. Die EU-Kommission hat dazu ein neues Strategiepapier vorgelegt. Darin will man alles auf einmal: Umweltschutz, Zugriff auf die Öl- und Gasvorkommen - und mehr politischen Einfluss.

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Eis vor Grönland (Ammassalik Island, Juli 2007): "Einzigartige Region"
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Eis vor Grönland (Ammassalik Island, Juli 2007): "Einzigartige Region"


Lange Zeit hatte sich so gut wie niemand in Brüssel mit der Arktis befasst. "Kein Thema", war bei Hintergrundgesprächen aus der EU-Kommission zu hören. Selbst als der russische Polarforscher Arthur Tschilingarow und seine Mannen im vergangenen Sommer mit zwei Mini-U-Booten eine russische Fahne am Nordpol deponierte, sah sich niemand am EU-Sitz zu einem offiziellen Statement genötigt. Das Motto hieß: "Wir halten uns zurück." Vom Herzen Flanderns aus war der Pol einfach zu weit entfernt - und die ohnehin oft unglücklich agierende EU-Diplomatie mühte sich gleichzeitig an anderen Schauplätzen: auf dem Balkan, in Nahost, in Russland. Allenfalls politische Splittergruppen wie der Westnordische Rat, der die geopolitischen Fliegengewichte Island, Färoer und Grönland vereinigt, forderten die EU dazu auf, sich in Zukunft mehr um die Arktis zu kümmern.

Gut ein Jahr später hat sich die Lage nun grundlegend geändert. Die Europäer orientieren sich nach Norden, um dort in einer "einzigartigen Region mit strategischer Wichtigkeit" die eigenen Interessen offensiv zu vertreten. Erste Grundzüge der künftigen Arktispolitik der Union finden sich in einem am Donnerstag von der EU-Kommission veröffentlichten Papier. "Die Arktis ist eine einzigartige und verwundbare Region in Europas unmittelbarer Nachbarschaft", sagte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero Waldner zur Vorstellung des Berichts. "Ihre künftige Entwicklung wird sich über Generationen erheblich auf das Leben der Bürger Europas auswirken."

Die Ausgangslage ist klar: Die Arktis erwärmt sich durch den Klimawandel weit stärker als der Rest der Erde, dadurch wird der Zugang zu dort liegenden Ressourcen leichter, neue Schifffahrtsrouten tun sich auf. Die Europäer wollen diese Möglichkeiten nutzen. Selbstverständlich können sie dafür im Gegensatz zu den direkten Arktisanrainern keine Gebietsforderungen im Norden stellen - und müssen ihre Ziele auf politischem Weg erreichen. Das Kommissionspapier nennt drei zukünftige Schwerpunkte der europäischen Politik:

  • Schutz und Erhalt der Arktis und ihrer Bevölkerung
  • Nachhaltige Ressourcenausbeutung
  • Verbesserung der multilateralen Herrschaft über die Arktis

Die Europäer haben allerdings ein entscheidendes Problem: Einerseits formulieren sie, eine "klare Priorität für den Schutz der arktischen Umwelt", andererseits interessieren sie sich für die arktischen Ressourcen, allen voran Öl und Gas. Die arktischen Vorkommen, so heißt es in der Strategie, könnten dabei helfen, die Versorgung Europas besser abzusichern - immerhin sollen fast ein Viertel aller noch nicht entdeckten Öl- und Gasvorkommen der Welt in der Arktis liegen.

"Es ist wichtig, dass Europa neben dem Schutz der Arktis als Lebensraum auch die Wirtschaftspotentiale dieses Gebiets anerkennt", lobt Jochen Homann, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium den EU-Vorstoß. "Die Arktis mit ihren gewaltigen Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie Bodenschätzen kann einen zentralen Beitrag zur Energieversorgungssicherheit für Europa liefern."

Doch der Zielkonflikt zwischen Ökologie und Ökonomie bleibt; ihn müssen die Europäer nun lösen. Für die langwierigen Diskussionen darüber ist es ohne Frage ein Nachteil, dass die EU erst so spät ihren Blick nach Norden gewandt hat. Vielleicht war auch gekränkte Eitelkeit ein Grund für das lang anhaltende Desinteresse der Union: Der Arktisanlieger Grönland hatte den Staatenclub im Jahr 1985 verlassen - als bisher einziger Staat überhaupt. Damals ging es um die Fischereirechte; die Grönländer wollten sich nicht von den Flotten der anderen europäischen Staaten ihre Küstenmeere leerfischen lassen. In der neuen Strategie schlägt die EU nun vor, ohne ein gemeinsames Regime der Anrainerstaaten zur Pflege der Bestände dürfe kein Fischfang in der tauenden Arktis begonnen werden.

Klar ist: Europa wünscht sich eine stärkere Rolle im hohen Norden. Die Herausforderungen dort erforderten "breit angelegte internationale Bemühungen und enge Kooperation". Doch wie soll die aussehen? In jedem Fall wird die Kommission darauf drängen, ständiger Beobachter im Arktischen Rat zu werden. Dort sitzen derzeit die fünf Polarstaaten Russland, Norwegen, Dänemark, Kanada und die USA.

Dazu kommen Finnland, Schweden, Island und einige NGOs. Außerdem gibt es bereits jetzt ein halbes Dutzend ständiger Beobachter, darunter Deutschland, zu denen in Zukunft auch Brüssel gehören möchte. Allerdings ist der Arktische Rat ein zahnloses Vehikel ohne Durchsetzungskraft. Seine Arbeit beschränkt sich vor allem auf ökologische Themen. Dem Gremium fehlen die Organe, Entscheidungen auch durchsetzen können.

Deswegen schlagen die Europäer auch vorsichtig weitere Änderungen der politischen Architektur in der Arktis vor - die ihnen mehr Einfluss sichern sollen. Einen speziellen Arktisschutzvertrag, wie ihn unlängst das Europäische Parlament gefordert hatte, wird es zwar nicht geben. Die anderen Polarstaaten haben sich mehrmals klar gegen ein Abkommen zum Schutz der Arktis gestellt, von dem sie befürchten, dass es ihre Position schwächen würde. Auch die EU-Kommission lehnt es nun ab.

Doch die von den Europäern verwendete Formulierung, die arktische Kooperation müsste "an die sich ändernden Umstände angepasst werden", dürfte in den Hauptstädten der Polarstaaten wenig Begeisterung auslösen, wo man die Arktis am liebsten - trotz aller Probleme durch sich überschneidende Gebietsforderungen, unter sich aufteilen möchte. Die Botschaft aus Brüssel ist klar: Europa möchte mit im Spiel sein.

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