Neue Studie Erderwärmung wird kritische Grenze überschreiten

Zwei Grad Celsius - stärker darf sich die Erde nicht erwärmen, sonst drohen nach Meinung von Forschern katastrophale Folgen. Eine neue Studie besagt jetzt: Die Zwei-Grad-Grenze wird fallen, selbst wenn die Vorhaben zur Treibhausgas-Reduzierung umgesetzt werden.

Von Volker Mrasek


Der globale Kohlendioxid-Ausstoß steigt von Jahr zu Jahr, trotz aller Bemühungen zur Eindämmung der Emissionen - und China und Indien haben ihre wirtschaftliche Aufholjagd gerade erst begonnen. Da klingen viele aktuelle Klimaschutzziele ziemlich ambitioniert. Die führenden Industriestaaten etwa erklärten auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm, es müsse "ernsthaft erwogen" werden, die Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2050 "wenigstens zu halbieren", so wie es die EU und Japan vorhaben. Andere haben sich noch ehrgeizigere Reduktionsziele für die Jahrhundertmitte gesetzt - Großbritannien zum Beispiel 60 Prozent, Frankreich 75 Prozent, Deutschland sowie die US-Bundesstaaten Kalifornien und New Jersey sogar 80 Prozent.

Braunkohlekraftwerk Jaenschwalde (November 2006: Forscher sind skeptisch, ob die Zwei-Grad-Grenze der Erwärmung einzuhalten ist
DDP

Braunkohlekraftwerk Jaenschwalde (November 2006: Forscher sind skeptisch, ob die Zwei-Grad-Grenze der Erwärmung einzuhalten ist

Das Ziel der Bemühungen: Die Erwärmung der Atmosphäre soll auf maximal zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Dieser kritische Schwellenwert darf nach Meinung von Klimaforschern nicht überschritten werden, will man gefährliche Entwicklungen in der Zukunft vermeiden - etwa das langsame, aber unaufhaltsame Abschmelzen von Grönlands Eisschild nebst meterhohem Meeresspiegelanstieg.

Doch jetzt bekommen die Hoffnungen, unterhalb der magischen Grenze zu bleiben, erneut einen Dämpfer: Einer neuen Studie aus Kanada zufolge reichen selbst die ehrgeizigsten der CO2-Reduktionsziele nicht aus, um die Zwei-Grad-Marke zu halten. "Wir zeigen in unserer Studie, dass eine große Diskrepanz zwischen dem Zwei-Grad-Ziel und den angestrebten Treibhausgas-Reduktionen bis 2050 besteht", sagt der Klimaforscher Andrew Weaver von der University of Victoria im kanadischen British Columbia. Der Mathematiker und Physiker ist Erstautor der neuen Arbeit, die das US-Fachmagazin "Geophysical Research Letters" jetzt veröffentlicht hat.

Demnach wird die Welt die Zwei-Grad-Latte schon in diesem Jahrhundert reißen, falls sie ihre kollektiven Treibhausgas-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte nicht um mehr als 60 Prozent drosselt. "Besonders erschreckend aus politischer Sicht" ist, so die Autoren, dass nach den Modelläufen nicht einmal eine 90-prozentige Emissionsminderung ausreiche, um die Zwei-Grad-Grenze auf lange Sicht einzuhalten. Die Marke würde dann etwa um das Jahr 2300 fallen, wie sich aus den Simulationen ergibt. Der Grund ist die außerordentlich langsame Reaktion des Klimasystems auf die CO2-Anreicherung.

"Dieses Gerede über 20, 30 oder 50 Prozent Abschlag führt uns nicht einmal in die Nähe des zu erreichenden Temperaturziels", folgert Weaver. Er schlägt vor, den Treibhausgas-Ausstoß nicht nur drastisch herunterzufahren, sondern zusätzlich "Technologien zu entwickeln, mit denen wir Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen". Anders könne man nicht unter der kritischen Temperaturschwelle bleiben.

Forderung nach CO2-Entfernung aus der Atmosphäre

Ein Weg ist zum Beispiel, nicht nur Kohlekraftwerke mit einer CO2-Abscheidung auszurüsten, sondern auch Anlagen, die nicht-fossile Biomasse wie Holz oder Stroh verheizen. Das Kohlendioxid, das die Pflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen haben, käme so nicht mehr in den Kreislauf zurück. Viel Zeit bleibe allerdings nicht mehr, mahnt der Kanadier: "Wir können nicht auf einen weiteren Uno-Klimareport in fünf Jahren warten, wir müssen jetzt handeln."

Ziele im Kampf gegen den Treibhausgas-Ausstoß: Musterland Norwegen
SPIEGEL ONLINE

Ziele im Kampf gegen den Treibhausgas-Ausstoß: Musterland Norwegen

Für ihre Studie nutzten die Forscher aus British Columbia ein sogenanntes EMIC, ein Erdsystem-Modell mittlerer Komplexität, entwickelt an der University of Victoria. Es stellt die Atmosphäre zwar nicht so präzise dar wie die heute besten globalen Zirkulationsmodelle, kann dafür aber mit vertretbarem Zeitaufwand das Klima für mehrere Jahrhunderte simulieren. Weaver hebt zudem hervor, dass es über einen dynamischen Kohlenstoff-Kreislauf verfüge und damit leistungsfähiger sei als vergleichbare Modelle, wie sie für den jüngsten Bericht des Uno-Klimarats IPCC verwendet wurden.

Zum Auftakt ihrer Simulation pumpten die Kanadier ähnliche Mengen Kohlenstoff in ihre Modellatmosphäre, wie sie heute in der Realität auftreten - etwa neun Milliarden Tonnen pro Jahr. Daraufhin errechneten sie zehn verschiedene Entwicklungsszenarien für die nächsten vier Jahrzehnte, mit globalen Treibhausgas-Reduktionen zwischen null und hundert Prozent. Das 2050 erreichte Emissionsniveau wurde dann jeweils bis zum Modelljahr 2500 konstant gehalten.

Klimaforscher Meinshausen: Studie hat Schwächen

Darin sieht der deutsche Klimaforscher Malte Meinshausen eine Schwäche der neuen Studie. "Sie beantwortet nicht die Frage, welche Temperatur wir erwarten können, wenn wir 50 Prozent Emissionsreduktion bis 2050 schaffen und anschließend die Emissionen weiter absenken", sagte der Umweltwissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zu SPIEGEL ONLINE. Laut Meinshausen, der auf demselben Gebiet forscht wie Weaver, "haben wir durchaus eine Chance, unter zwei Grad zu bleiben, wenn wir 2050 nicht abrupt mit unseren Klimaschutzanstrengungen aufhören". Die Wahrscheinlichkeit dafür liege bei 50 Prozent oder knapp darüber. Andere Modelle hätten das gezeigt. Allerdings: Eine 50-prozentige Chance wirkt nicht eben beruhigend.

Meinshausen mag zwar optimistischer sein als sein Kollege jenseits des Atlantiks. Aber auch dem Potsdamer Experten ist klar, dass das Zwei-Grad-Ziel nur mit allergrößten Anstrengungen der Industrie- und Schwellenländer zu erreichen sein wird. "Dass wir langfristig auf Niveaus von minus 90 Prozent und niedriger kommen müssen", bestreite er "ganz und gar nicht", sagt Meinshausen. Seine Vision ist noch radikaler: "Wir müssen uns auf eine Null-Emissionsgesellschaft bis zum Jahr 2100 einstellen."

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