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Knochensplitter

Früheste Fossilien Sie lebten, sie lebten nicht, sie lebten, sie lebten nicht...

Mikrostrukturen im Fels: Seit rund zwei Jahrzehnten debattieren Forscher darüber, ob das die Überreste fadenförmiger, primitiver Lebewesen waren - oder nicht Zur Großansicht
Dina Bower/ Andrew Steele

Mikrostrukturen im Fels: Seit rund zwei Jahrzehnten debattieren Forscher darüber, ob das die Überreste fadenförmiger, primitiver Lebewesen waren - oder nicht

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Seit mehr als zwanzig Jahren streiten Forscher darüber, ob filigrane Spuren im Gestein Westaustraliens die frühesten Spuren irdischen Lebens sind. Zurzeit sind sie es - mal wieder - nicht.

Der sogenannte Pilbara-Kraton im Westen Australiens gehört zu den Gebieten mit den ältesten irdischen Gesteinen, die bisher gefunden wurden. An mehreren Stellen finden sich in ihnen 3,46 Milliarden Jahre alte filigrane Spuren heiß debattierter Herkunft: Feine Verästelungen und Linienmuster, Einschlüsse von möglicherweise organischen Materialien im archaischen Gestein.

Die einen entdecken darin Mikro-Fossile der frühesten Lebewesen, die sich auf diesem Planeten entwickelten, die anderen allenfalls Scheinfossile - sie halten die These von den Lebensspuren im Fels für Wunschdenken.

Man kann die Spuren dieser Debatte kreuz und quer durch die Quellenvermerke wissenschaftlicher Studien verfolgen, bis tief in die Neunziger Jahre hinein. Es ist ein akademisches Hü-Hott, ein Ping-Pong-Spiel, bei dem die eine Untersuchung ein "Heureka!" liefert und die nächste prompt das Dementi.

Aktuell ist mal wieder Entzauberung angesagt. Forscher der Carnegie Institution for Science um Dina Bower und Andrew Steele untersuchten Proben der umstrittenen Gesteine ganz besonders gründlich und dokumentierten auf mikroskopischer Ebene Strukturen, die sie als Brüche im Fels interpretieren, in die andere Chemikalien eingesickert seien. Auf chemischer Ebene lasse sich nachweisen, dass diese "Füllungen" messbar jünger seien als das umliegende Gestein.

Wenn das stimmt, hätten elf virtuelle Arten archaischer Prokaryoten (Lebewesen ohne Zellkern, z.B. Bakterien) ihre Spuren zwar in keinem Fels, lang und breit aber in der wissenschaftlichen Literatur hinterlassen: Als J. William Schopf 1993 seine erste umfassende Studie zu den vermeintlichen Lebensspuren in diesen australischen Felsen veröffentlichte, lieferte er die Erstbeschreibung von fast einem Dutzend solcher primitiver Lebewesen gleich mit.

Bowers und Steeles Studie sagt nun: Zumindest in den von ihnen untersuchten Proben sei von all dem nichts zu finden. Jetzt müsse man sich all die anderen Proben, die Nachweise archaischen Lebens erbrachten, noch einmal ganz besonders gut ansehen.

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Die Sache zeigt vor allem, wie wenig gesichertes Wissen wir nach wie vor über die frühesten Phasen der Entstehung des Lebens besitzen. Es ist kein Zufall, dass die aktuelle Studie in der Fachzeitschrift "Astrobiology" erschien. Die Welt des Paläoarchaikums (3,6-3,2 Milliarden Jahre) war nicht der Planet, den wir heute kennen: Alles, was wir aus dieser Zeit finden, ist fremd. Da erkennt man nichts Bekanntes, sondern interpretiert Rätselhaftes.

Jeder Fortschritt in der Entwicklung von Untersuchungsmethoden und -instrumenten hat da das Potenzial, vermeintliche Erkenntnisse zu entkräften - oder in neuer, vermeintlicher Klarheit zu bestätigen. Das ist wissenschaftliches Alltagsgeschäft, Forscher müssen damit leben. Das wissenschaftliche "Ping-Pong" von Studie und "Gegen-Studie" ist nur das öffentlich wahrnehmbare Resultat eines akribischen Prüfungsprozesses. Bestätigung wie Widerspruch fördern den Erkenntnisfortschritt.

Auch Bowers und Steele behaupten nur, dass die von Schopf und anderen beobachteten Strukturen selbst keine Fossilien seien. Sie interpretieren sie als Bruchstellen im Quarz, in die dann kohlenstoffhaltige Substanzen eingesickert seien, die sich dort in einem Film niedergeschlagen hätten. Sie schließen ausdrücklich nicht aus, dass dieser Kohlenstoff organischer Herkunft gewesen sein könnte. im Jahr 2003 hatte eine Studie von B. T. De Gregorio und T. G. Sharp nachgewiesen, dass diese "Einsickerungen" aus Kerogen bestehen - organischem Kohlenstoff. Auch Bowers und Steele widersprechen nur der Interpretation der untersuchten Proben als direkten Spuren vergangenen Lebens.

Und die Moral von der Geschicht'? Liegt auf der Hand: Forschungsergebnisse sind immer Zwischenstände im Erkenntnisprozess. Man sollte sie nie als unumstößliche Fakten verbuchen, und natürlich gilt das auch für die aktuelle Studie.

Denn auch die wird Widerspruch ernten.Erst 2011 bestätigten Forscher der University of Western Australia um David Wacey die Existenz prokaryotischer Fossilien im Gestein des Pilbara-Kraton. Und anders als in den Schopf-Funden hätten die gar nicht weit vom ersten Fundort gefundenen Gesteine nicht nur chemische Spuren hinterlassen, sondern wunderschöne Mikrofossile in erkennbarer Kugel-, Ellipsen- oder Röhrenform. Zellartige Überreste, die Ketten, Filme und Matten formten, habe man gefunden. 2014 legten Martin D. Brasier et.al. in ihrer Studie mit neuen Untersuchungsmethoden und detailreichen Bildern nach.

Wetten, dass die Ping-Pong-Partie um die umstrittenen Spuren im Pilbara-Kraton noch nicht beendet ist?

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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