Neue Weltkarten Wie der Mensch die Erde formt

Die Wüsten gelb, Mitteleuropa hellgrün, der Regenwald saftig grün - alles geschönt, klagen Forscher und fordern eine radikale Neugestaltung der Weltkarten: Sie sollen nicht mehr die herkömmlichen Vegetations- und Ökozonen zeigen, sondern den Einfluss des Menschen auf den Globus.

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Das Weltbild, das der Geografieunterricht vermittelt, ist geschönt: Auf der Erde gibt es eine Handvoll Vegetationszonen vom sommergrünen Laubwald über Wüste bis zum tropischen Regenwald. Das Modell der Ökozonen geht noch etwas weiter ins Detail: Es zeigt Wüstensteppen, Halbwüsten und Trockensavannen. Welche Zone wo zu finden ist, zeigt eine bunt gefärbte Weltkarte.

Doch mit der Realität haben diese Übersichten wenig zu tun. Wo angeblich saftiger Laubwald wächst, finden sich dicht bebaute Metropolen, Autobahnen oder Rapsfelder, so weit das Auge reicht. Geografen fordern deshalb schon seit längerem Alternativen zu den herkömmlichen, unrealistischen Zonenmodellen. "Wir suchen nach neuen Bewertungen, die die jetzige Situation besser beschreiben", sagte Rüdiger Glaser vom Institut für Physische Geografie der Universität Freiburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ökozonen seien ein "theoretisches Konstrukt". Sie besagten lediglich, was wäre, wenn es den Menschen nicht gäbe.

Ein US-kanadisches Forscherteam hat nun ein neues, auf den Einfluss des Menschen fokussiertes Ökozonenmodell vorgeschlagen. Auf der neuen Weltkarte haben Navin Ramankutty von der McGill University in Montreal und seine Kollegen eine Reihe neuer Bereiche markiert: Urbane Zonen beispielsweise erscheinen dunkelrot - wie etwa die Rhein-Main-Region und der Raum Stuttgart (siehe Fotostrecke). Weite Teile Südostasiens sind hingegen bedeckt von Reisdörfern und Feldern, auf denen dank ausreichender Niederschläge Pflanzen angebaut werden (rainfed villages) - ebenfalls zwei neu eingeführte Klassifizierungen. Die Forscher bieten ihre neue Weltkarte auch online an: als Erweiterung für Google Maps, Google Earth ( kml-Datei) und Virtual Earth von Microsoft (funktioniert nur im Internet Explorer).

Der Mensch formt die Natur immer stärker

"Ökologen gehen in weit entfernte Regionen der Erde, um unberührte Lebensräume zu studieren", sagte Ramankutty. Es sei an der Zeit, wieder in den Garten hinter dem eigenen Haus zu schauen, um zu erkunden, wie Ökosysteme funktionieren. Über Jahrmillionen hätten die Zyklen der Eiszeit Klima und Ökosysteme immer wieder verändert. "Der Einfluss des Menschen auf den Planeten ist in der heutigen Zeit fast gleich groß", sagte der Forscher.

Hemerobiestufen: Die Karte Deutschlands macht deutlich, wie weit das ganze Land von einer natürlichen Vegetation entfernt ist. Nur an der Nordseeküste finden sich größere naturnahe Zonen (blau)
Primus-Verlag

Hemerobiestufen: Die Karte Deutschlands macht deutlich, wie weit das ganze Land von einer natürlichen Vegetation entfernt ist. Nur an der Nordseeküste finden sich größere naturnahe Zonen (blau)

Etwa 30 bis 40 Prozent der Landoberflächen der Erde würden für den Anbau von Pflanzen oder die Tierhaltung verwendet. Die vom Menschen betriebene intensive Landnutzung habe den Planeten verändert, schreiben Ramankutty und seine Kollegen im Fachblatt "Frontiers in Ecology and the Environment". Nur etwa 20 Prozent der eisfreien Flächen auf den Kontinenten könnten noch als unberührt gelten.

Rüdiger Glaser von der Universität Freiburg kann die Aussagen des US-Forscherteams nur bestätigen: "Nur noch wenige Prozent der Erdoberfläche sind nicht vom Menschen beeinflusst." Über die Atmosphäre gelangten vom Menschen produzierte Gase auch in unberührte Regionen und veränderten diese. Die klassischen Ökozonen existierten in Wirklichkeit kaum noch. "Europaweit sind nur zwischen einem und fünf Prozent der Landfläche noch von natürlichen Wäldern bedeckt", sagte Glaser. In den kühleren Regionen Europas müssten eigentlich Buchenmischwälder stehen, in den wärmeren Eichenmischwälder.

Kalkulierter Natürlichkeitsgrad

Völlig neu ist das Modell der Forschergruppe um Ramankutty nicht. Geografen und Ökologen haben bereits verschiedene Ansätze entwickelt, um den starken Einfluss des Menschen auf die Natur in der Beschreibung von Ökozonen zu berücksichtigen. Sie nutzen beispielsweise sogenannte Hemerobiestufen, um den Grad der menschlichen Beeinflussung der Natur zu beschreiben. Hemerobie ist eine Kombination der griechischen Wörter hemeros (gezähmt, kultiviert) und bios (leben). Die höchste Stufe sechs steht für eine künstliche Vegetation, die nichts mehr mit der natürlichen gemein hat. Die Stufe eins beschreibt Systeme, die der natürlichen Vegetation sehr nahe kommen (siehe obere Deutschlandkarte).

Landnutzung: Rot steht für städtische Prägung, beige und gelb für Landwirtschaft
Primus-Verlag

Landnutzung: Rot steht für städtische Prägung, beige und gelb für Landwirtschaft

Daneben existieren auch Modelle, die ganz auf die Landnutzung setzen. In Karten tauchen dann beispielsweise Begriffe wie Kulturlandschaft und Bergbaulandschaft auf. Geograf Glaser hat Anfang dieses Jahres gemeinsam mit zwei Kollegen ein Buch veröffentlicht, in dem ebenfalls die Ökozonen Deutschlands realistisch dargestellt werden - als vom Menschen beeinflusst und verändert ("Geographie Deutschlands", Primus-Verlag, 2007). "Wir müssen die Veränderung als Grundprinzip anerkennen", so Glaser.

Der Geografie-Professor ist allerdings dagegen, in Schulen nun die Lehrpläne zu ändern: "Schüler sollen die klassischen Vegetations- und Ökozonen weiter lernen - damit sie wissen, wie die Natur ohne den Menschen aussähe." Dieses Wissen sei wichtig: "Man braucht ein Leitbild."



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