Neue Zahlen veröffentlicht Deutschlands Gletscher schwinden

Die Führung der GroKo-Bundestagsfraktionen trifft sich auf der Zugspitze. Vertreter der Grünen klagen: Gerade in den Alpen zeige sich das deutsche Versagen beim Klimaschutz. Neue Zahlen zum Gletscherschwund belegen die Dramatik.

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Es sollen fernsehtaugliche Bilder werden. Die Führung der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU/CSU trifft sich am Montag auf der Zugspitze zu einer Vorstandstagung in außergewöhnlicher Umgebung. Anreise mit der brandneuen Seilbahn, phänomenale Ausblicke vom höchsten Berg Deutschlands - zumindest bis der für den Nachmittag von den Meteorologen prognostizierte Nebel aufzieht.

Doch bei der Grünen-Bundestagsfraktion ist man erbost. "Sehr passend, dass die GroKo die Alpen als Kulisse für ihren Koalitionsgipfel wählt. Genau hier zeigt sich ihr klimapolitisches Totalversagen", klagt Lisa Badum, Sprecherin für Klimapolitik, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Schließlich schmelze in unmittelbarer Umgebung des Tagungsortes jahrhundertealtes Gletschereis.

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Alpengletscher: Im Rückwärtsgang

Fünf Gletscher gibt es in den deutschen Alpen: den Nördlichen und den Südlichen Schneeferner und den Höllentalferner an der Zugspitze sowie das Blaueis und den Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen. Und alle fünf haben sich über die vergangenen Jahrzehnten massiv zurückgezogen.

Wie dramatisch der Schwund der Eisflächen im Detail ausfällt, zeigen Zahlen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Das Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur hat sie gerade auf eine Anfrage der Grünen hin veröffentlicht. Die prozentuale Veränderung der bayerischen Gletscher hat demnach in den Jahren 2014/15 - aus dieser Zeit stammen die aktuellsten Daten - einen historischen Tiefstand seit 1949/50 erreicht. Das ist das Vergleichsjahr in der Datenauswertung.

Die langfristige Negativentwicklung ist sowohl bei der Fläche als auch beim Volumen der fünf betrachteten Gletscher zu erkennen:

Prozentuale Veränderung der Fläche

Gletscher/Jahr 1949/50 1959 1969/70/1 1979/80/81 1989/90 1999 2009/10 2014/15
Nördlicher Schneeferner 100 96 105 108 88 95 73 55
Südlicher Schneeferner 100 72 76 116 46 43 18 13
Höllentalferner 100 95 99 111 110 95 82 72
Watzmanngletscher k.a. 100 177 240 181 181 57 57
Blaueis 100 87 83 108 81 k.a. 49 34

Prozentuale Veränderung des Volumens

Gletscher/Jahr 1949/50 1959 1969/70/1 1979/80/81 1989/90 1999 2009/10 2014/15
Nördlicher Schneeferner 100 85 79 85 73 55 34 25
Südlicher Schneeferner 100 64 48 76 34 24 10 6
Höllentalferner 100 94 107 133 113 82 45 39
Watzmanngletscher k.a. 100 204 454 302 143 141 92
Blaueis 100 78 62 82 47 k.a. 31 15

Besonders drastisch ist der Eisschwund also am Südlichen Schneeferner und am Blaueisgletscher. Das Bayerische Umweltministerium hatte bereits vor einigen Jahren gewarnt, in 20 bis 30 Jahren könnten vier der fünf Gletscher in den deutschen Alpen verschwunden sein. Allein für den Höllentalferner auf der Zugspitze sehe man auch langfristig noch Hoffnung. In den vergangenen 150 Jahren sei die Temperatur in den Alpen im Schnitt um rund zwei Grad gestiegen, also schneller als im globalen Mittel.

Grünen-Politikerin Badum spricht angesichts der Zahlen von einem "letzten Weckruf". Und Fraktionschef Toni Hofreiter sekundiert, der "bedrückende Schwund der Gletscher" mache den "dringenden Handlungsbedarf für den Klimaschutz" klar: "Umso unverständlicher ist, dass die Bundesregierung wider besseres Wissen die Hände in den Schoß legt. Union und SPD müssen sich endlich ihrer Verantwortung stellen und dürfen sie nicht in Kommissionen und Prüfaufträge verlagern. Kohleausstieg und Antriebswende müssen jetzt angeschoben werden."

Während sich die Koalitionsspitzen auf dem Gipfel treffen, haben die Grünen am Montag ebenfalls zu einem Fototermin eingeladen. Man trifft sich nur ein paar Höhenmeter tiefer, an der Bergstation der alten Zugspitz-Zahnradbahn. Auch die kleinste Oppositionspartei im Bundestag hat schließlich Interesse an medienwirksamen Bildern.

Video: Im Inneren der neuen Zugspitz-Seilbahn

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insgesamt 203 Beiträge
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der IV. Weg 07.05.2018
1. letzter Weckruf ?
ich befürchte für Weckrufe ist es zu spät. Man müsste weltweit die power-to-gas Technologie forcieren plus andere Maßnahmen ergreifen um den CO2 Gehalt der Atmosphäre zu senken. Das komplette Verschwinden der Alpengletscher dürfte aber selbst damit nicht mehr zu verhindern sein.
rrippler 07.05.2018
2. Deutsches Versagen?
"Gerade in den Alpen zeige sich das deutsche Versagen beim Klimaschutz.". Seit wann leiden die Alpen speziell unter dem deutschen Versagen beim Klimaschutz? Eine Tonne CO2, die in Australien in die Luft gepustet wird, schädigt den Schneeferner genauso als wenn sie in München in die Atmosphäre gelangt wäre. Zu welchem Zweck also diese seltsame Schuldzuweisung? Eines allerdings ist richtig: Seit über 40 Jahren gehe ich jeden Sommer ins Hocgebirge. Der Gletscherschwund und die Auflösung des Permafrostbodens ist mehr als dramatisch. Jeder Ignorant, der den rasanten Klimawandel leugnet, sollte dorthin geschickt und für einen Tag unter eine Permafrost-Felswand gestellt werden, die vor 30 Jahren noch sicher war.
tpro 07.05.2018
3.
"....Vertreter der Grünen klagen: Gerade in den Alpen zeige sich das deutsche Versagen beim Klimaschutz. .." Klar doch, D ist alleine dafür verantwortlich, daß die Gletscher schmelzen.
alex300 07.05.2018
4. Hat der Grüne denn
kein Kühlschrank Zuhause? Ohne Scherz: die höchste Ausdehnung hatten die Gletscher um das Jahr 1980. Was hat das mit "Klimapolitik" zu tun? Aus der Tabelle sichtbar: In dem Jahr wurden die Grünen erst gegründet. Seitdem geht es mit den Gletscher bergab. Klare Folge der grünen Politik! Oder war es doch die Multidekade-Schwankung der atlantischen Strömungen?
snafu-d 07.05.2018
5.
Statt froh zu sein, dass die Überreste der letzten Eiszeit endlich verschwinden, wird nur 'rumgenölt.
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