Knochensplitter

Raubsaurier-Evolution T-rex' Vorfahren waren klein, aber clever

Todd Marshall

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Tyrannosaurier gelten als Prototypen gigantischer Raubsaurier. Ihre Vorfahren aber waren eher Leichtgewichte. Nun fanden Forscher ein Fossil, das ihren Aufstieg zu Größe und Gewicht des T-rex erklären soll.

In den letzten 20 Millionen Jahren, die den großen, nicht flugfähigen Dinosauriern gegönnt waren, besetzten die Arten der Familie der Tyrannosauridae und ihrer Anverwandten die Top-Positionen in der Nahrungskette. Tarbo- und Tyrannosaurus, Alberto- oder Gorgosaurus lebten zum Teil zeitlich versetzt und über die halbe Welt verteilt. Doch überall im heutigen Asien oder Nordamerika war es in der Zeit von circa 84 bis 66 Millionen Jahren ein T-Rex-Verwandter, der als wohl mächtigster Räuber Schrecken verbreitete.

Dabei waren sie wohl keine tumben Riesen, die im Godzilla-Stil durch die Gegend wankten, sondern höchst agile und alerte, schnelle und intelligente, wenn auch bis zu sieben Tonnen schwere Räuber. Diesen Nimbus des perfekten, riesigen Raubtiers erlangten sie allerdings quasi auf den letzten Drücker.

Denn über rund 80 Millionen Jahre spielten sie unter den Raubsauriern wohl allenfalls die zweite Geige. Im Jura hielten Carno- und Allosauridae die Nischen besetzt, die sehr viel später von Tyrannosauridae erobert werden sollten. Diese gehörten trotz ihrer physischen Ähnlichkeit zu einer anderen, besonders alten, aber auch besonders zukunftsträchtigen Entwicklungslinie der Dinosaurier: Bereits in der ausgehenden Trias hatten sich erste Vertreter der Coelosaurier entwickelt.

Familiengeschichte: Federn und Vielfalt

Die brachten eine Vielzahl von Arten hervor, die ein bis dahin unerreicht breites Spektrum von Formen und Größen und Lebensweisen ausprägen sollten. Den Jura und die erste Hälfte der Kreidezeit hindurch waren Coelosauridae vor allem kleine, flinke Jäger, und viele von ihnen waren gefiedert. Manche hoben schließlich sogar ab: Vögel sind bis heute lebende Vertreter der Coelosaurier, die mithin von der 1,8 Gramm leichten Kolibri-Art Bienenelfe bis zum sieben Tonnen schweren T-rex jede denkbare Gewichtsklasse abdeckten.

Die Entwicklung von Hüfthohen bis Pferdegroßen Raptoren hin zu kleinen, oft flugfähigen Formen ist mittlerweile ziemlich dicht dokumentiert. Am anderen Ende des Größenspektrums sieht das völlig anders aus: Bisher klaffte im Zeitfenster von circa 101 bis zu 84 Millionen Jahren eine Lücke im fossilen Befund der Tyrannosauroidea (was die Tyrannosauridae und ihre direkteren, basaleren Vorfahren einschließt). Man kennt zahlreiche frühe und kleine Arten von ihnen, und eine ganze Reihe Riesen, die erst am Ende der Kreidezeit auftraten.

Bindeglied Timurlengia: Langschnauziges Cleverle

Der nun erstmals im Fachblatt "PNAS" beschriebene Timurlengia euotica ist der erste entdeckte Vertreter der Tyrannosauroidea, der im Zeitfenster dieses fossilen Blindflecks lebte - und der letzte der "Kleinen" seiner Familie. Weniger als drei Meter lang erreichte er etwa die Höhe eines Pferdes und ein geschätztes Gewicht um 250 Kilogramm. Kein Tier, dem man gern Nachts im Wald begegnet wäre, aber auch keines, von dem man im Stile von "Jurassic Park" hätte verschluckt werden können.

Was weiß man bisher von Timurlengia? Es sind nur Puzzlestücke, die ein internationales Team um Stephen L. Brusatte von der Universität Edinburgh in Usbekistan bergen konnte (siehe Bildergalerie): Zähne und einzelne Wirbel, Klauen, kleine Knochen und Kieferfragmente, vor allem aber ein Teil des Gehirn-Schädels. Und das macht den fragmentarischen Fund aufschlussreich.

Denn Vergleiche mit ähnlichen, vollständiger erhaltenen Tyrannosauroidea wie Xiongguanlong baimoensis erlaubten eine Größeneinschätzung. Merkmale des Schädelknochens deuten darauf hin, dass das gefundene Tier vielleicht nicht ganz ausgewachsen war, erwachsene Timurlengia also etwas größer gewesen sein könnten. Klar ist aber auch, dass das Tier viel kleiner war als die Tyrannosauridae, die bald darauf folgen sollten. Wie aber kam es dazu, dass sich aus solchen relativ kleinen Raptoren wie Timurlengia die riesigen Tyrannosauridae entwickeln konnten?

Die Autoren der Studie unterstreichen den "plötzlichen" Charakter des "Wachwechsels" an der Spitze der Nahrungskette irgendwo im fossil bisher so unvollständig belegten Zeitraum. Ursache oder Anlass bleiben unklar, aber Grundbedingungen für den Aufstieg der Tyrannosauridae zu mächtigen Riesen beginnen sich klarer abzuzeichnen:

  • Der Niedergang anderer Gruppen von Groß-Raptoren machte besetzt gehaltene ökologische Nischen frei: Irgendwann vor circa 90 Millionen Jahre mag es ein Aussterbe-Ereignis gegeben haben, dass mehrere Entwicklungslinien solcher Riesen abbrechen ließ;
  • Tyrannosauroidea hatten in ihrer Konkurrenz zu anderen Groß-Raptoren Spezialisierungen ausgeprägt, die sich an Timurlengia und zwei anderen, "späten" Arten der kleinen T-rex-Verwandten beobachten lassen: Ihre Schädel waren deutlich verlängert, ihr sensorischer Apparat besonders gut ausgebaut;
  • Timurlengia und seine Verwandten waren "langschnauzig" - und brachten so bereits Schädelstrukturen mit, die sich später bei Tyrannosauridae wiederfinden sollten.

Die Autoren der Studie bringen das auf eine griffige Formel: Tyrannosauroidea mussten womöglich erst clever werden, um sich zu Riesen weiter entwickeln zu können. Sie taten dies, sobald das Biotop ihnen Raum dafür gab, alte Konkurrenten verschwunden waren. Dann aber wuchsen sie zu Größen heran, die vor ihnen nur wenige Raubsaurier erreicht hatten - und waren möglicherweise cleverer, als irgendeiner der riesigen Killer vor ihnen. Um ihren Siegeszug zu stoppen, brauchte es am Ende dann einen regelrechten Weltuntergang.



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