Neuer Grippe-Erreger Erstmals Infektion bei Schweinen nachgewiesen

Woher das neue Grippevirus A/H1N1 stammt, ist noch immer nicht klar. Allerdings ist in Kanada zum ersten Mal auch eine Infektion bei Schweinen nachgewiesen worden. Die Tiere sollen sich bei einem kranken Bauern angesteckt haben, der zuvor aus Mexiko zurückgekehrt war.


Montreal - Erstmals haben sich in Kanada Schweine mit der derzeit bei Menschen vorkommenden neuen Grippe infiziert. Das Virus A/H1N1 sei bei einem Bestand in der Provinz Alberta nachgewiesen worden, teilte die kanadische Lebensmittelbehörde mit. Die Tiere hätten sich "sehr wahrscheinlich" bei einem Landwirt infiziert, der kürzlich aus Mexiko zurückkam.

Virustest: "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken"
AFP

Virustest: "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken"

Ursprünglich war vermutet worden, dass Schweinebestände in Mexiko der Ausgangspunkt für die aktuell um die Welt laufende neue Grippe sein könnten. Daher stammt auch der ursprünglich verwendete Name Schweinegrippe. Weil sich dieser Verbreitungsweg aber einstweilen nicht nachweisen ließ, wird von dem Namen mehr und mehr Abstand genommen.

Der betroffene kanadische Bauer war nach Angaben der Behörden am 12. April mit Grippe-Symptomen aus Mexiko zurückgekehrt und zwei Tage später wieder zur Arbeit erschienen. Inzwischen sei er wieder gesund. Auch den von ihm infizierten Tieren gehe es gut, erklärte die Behörde. Sicherheitshalber sei der Bestand aber unter Quarantäne gestellt worden. Für den Nachweis des Grippe-Virus sei ein Schnelltest angewandt worden, der eigentlich für Menschen entwickelt worden sei. Etwa zehn Prozent der rund 2200 Tiere in dem Betrieb seien infiziert gewesen.

Gemeinsame Solidaritätserklärung für Schweinefleisch

Die Übertragung von Grippeviren vom Menschen auf Schweine sei nicht ungewöhnlich, sagte Brian Evans von der Lebensmittelbehörde. "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken genauso wie mit Schweinegrippe-Viren oder der Vogelgrippe", so Evans. In Schweinen könnten sich nach Ansicht von Experten deshalb gefährliche neue Influenza-Viren mischen. Gleichwohl sei die Gefahr einer Übertragung von Viren vom Schwein auf den Menschen "sehr gering", beteuerte die kanadische Behörde. Schweinefleisch müsse ohnehin vor dem Verzehr gekocht werden.

Länder wie China oder Russland haben bereits vor einigen Tagen Handelsbeschränkungen für Schweinefleisch und Schweineprodukte aus Mexiko, den USA und Kanada erlassen. Internationale Organisationen haben mehrfach kritisiert, dass es dafür keinen Grund gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Welternährungsorganisation (FAO), die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) verfassten dazu am Samstag sogar eine gemeinsame Erklärung.

Schweinefleisch sei nicht infektiös, wenn die Regeln der Hygiene beachtet würden, heißt es darin. Gleichwohl sei es wichtig, dass die Tierbestände von den Veterinärbehörden überwacht würden, um mögliche Zusammenhänge von Krankheitszeichen bei Schweinen mit Fällen von Infektionen beim Menschen zu erkennen.

Die neuartige Seuche, die sogenannte Schweinegrippe, wurde mittlerweile in 18 Ländern nachgewiesen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es inzwischen mehr als 650 bestätigte Fälle. Am stärksten betroffen ist nach wie vor Mexiko. Dort gibt es nach Angaben von Gesundheitsminister José Ángel Córdova 473 Infektionen. Die Zahl der Toten sei inzwischen auf 19 angestiegen. Gleichzeitig betonte der Minister, es gebe in Mexiko täglich weniger schwere Erkrankungen. "Die Sterberate sinkt", sagte er. Zuvor hatte Córdova von einer "Phase der Stabilisierung" in der Krankheitswelle gesprochen.

In Irland wurde am Samstag die erste Infektion öffentlich bestätigt. Es handele sich um einen Mann, der erst vor kurzem aus Mexiko zurückgekehrt sei, berichtete die Zeitung "Irish Times" in ihrer Online-Ausgabe. In Deutschland sind sechs Menschen infiziert. Zweimal wurde das Virus dabei innerhalb der Bundesrepublik von Mensch zu Mensch übertragen.

Die WHO hat davor gewarnt, das Virus könne sich trotz der derzeitigen leichten Entspannung der Lage zu einer Pandemie ausweiten. "Derzeit gehe ich weiterhin davon aus, dass eine Pandemie unmittelbar bevorsteht, weil wir sehen, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet", sagte Michael Ryan, der für weltweite Warnungen zuständige Vertreter der WHO. Deshalb gehe seine Organisation weiter davon aus, die Pandemie-Warnstufe von derzeit 5 möglicherweise auch auf die höchste Stufe 6 anheben zu müssen.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

chs/AFP/AP/Reuters

Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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