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Neues Klimamodell: Dichte Wälder in der Arktis

Neue Berechnungen über die Zukunft des Weltklimas zeichnen ein noch dunkleres Bild als bisherige. Forscher prophezeien gewaltige Temperaturanstiege, schmelzendes Eis und steigende Meere. Und das, obwohl das Berechnungsmodell eher konservativ ist.

Die arktische Tundra ist fast vollständig verschwunden. In Arktis und Antarktis wachsen Wälder, das Packeis, das noch heute große Wasserflächen bedeckt, ist weg. Der Meeresspiegel ist um sieben Meter angestiegen, die Niederlande und große Teile Norddeutschlands stehen unter Wasser. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt acht Grad Celsius höher als heute, an den Polen sogar 20 Grad höher.

Erderwärmung im Modell: 20 Grad mehr an den Polen
Lawrence Livermore National Laboratory/ Michael Wickett

Erderwärmung im Modell: 20 Grad mehr an den Polen

Dieses Szenario stammt nicht aus einem Science-Fiction-Film. Es ist das Ergebnis eines komplexen Klimamodells, und zwar eines eher konservativen. 300 Jahre in die Zukunft haben Wissenschaftler vom Lawrence Livermore National Laboratory in den USA geblickt - und sie berichten schockiert von dem, was sie dort gesehen haben. Veröffentlicht wurde die Studie in der aktuellen Ausgabe des "Journal of Climate".

Das Klima für den Fall einer verdoppelten Kohlendioxid-Konzentration, vor dem Wissenschaftler seit Jahrzehnten warnen, sehe plötzlich direkt erstrebenswert aus, sagt Ken Caldeira vom Department of Global Ecology der Carnegie Institution - "und nicht wie das schreckliche Ergebnis, das eintreten könnte, wenn wir nichts tun". Caldeira ist einer der Autoren der neuen Studie, einer Klimavorhersage, die bis ins Jahr 2300 reicht. Heute liegt die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre bei etwa 380 ppm (parts per million) - im Jahr 2300 wird sie dem Modell zufolge 1423 ppm erreicht haben, fast den vierfachen Wert.

"Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann wir uns mit dem Problem werden auseinandersetzen müssen", sagt Caldeira. Die Simulation geht davon aus, dass die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre bis zum Jahr 2300 um etwa 0,45 Prozent pro Jahr ansteigt - etwas weniger als die heutige Rate von etwa 0,5 Prozent pro Jahr. Die drastischsten Veränderungen erwarten die Wissenschaftler für das 22. Jahrhundert. Bis 2150 wird der Eispanzer der Weltmeere fast vollständig verschwunden sein. Ein bereits bekannter Nebeneffekt der Erwärmung, den auch die neuen Berechungen wieder vorhersagen: Die Weltmeere würden weniger alkalisch, was Schalentiere und Korallen ihrer Kalkgerüste berauben und so ganze Spezies ausrotten könne.

Was die Forscher besonders beunruhigt: Zwar sind auch ihre Berechnungen nur die Ergebnisse eines Computermodells - aber dieses Modell sei im Vergleich zu anderen eher zurückhaltend, was die Prognose von Temperaturzunahmen angehe, sagte Caldeira der "New York Times".

Bala Govindasamy vom Lawrence Livermore National Laboratory, der Erstautor der Studie, sieht noch eine letzte Atempause für die Menschheit. 20 oder 30 Jahre werde es wohl noch dauern, bis das ganze Ausmaß der durch den Menschen verursachten Veränderungen sichtbar wird.

Die Menschheit müsse nun handeln und wirklich etwas tun, die Treibhausgasemissionen radikal zu senken, so Caldeira: "Wir können das entweder jetzt angehen, bevor wir unser Klima schwerwiegend und irreversibel schädigen, oder wir können warten, bis irreversible Schäden sich deutlich zeigen."

Balas Blick auf das Problem ist noch düsterer: "Wir wissen definitiv, dass es in den nächsten 300 Jahren wärmer wird", sagt er, "aber in Wirklichkeit könnte es noch schlimmer werden, als wir jetzt vorhersagen."

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