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24. Mai 2012, 09:10 Uhr

Unbekanntes Organ

Wale tragen Fresskontrolle in der Kieferspitze

Es ist nur so klein wie eine Pampelmuse - aber es hält die gewaltigsten Tiere der Erde am Leben: Forscher haben bei Furchenwalen ein bisher unbekanntes Organ entdeckt. Es sorgt offenbar dafür, dass die riesigen Meeressäuger genügend fressen können.

Einen Blauwal beim Fressen zu beobachten ist ein monumentaler Anblick. Wenn der Meeressäuger seine meterlangen Kiefer aufsperrt und durch Schwärme von Fischen oder Krill stößt, verschluckt er mit einem Mal gewaltige Mengen der kleinen Tiere. Beim Schließen des Mauls filtern die Wale das Wasser durch die Barten. Die Nahrung bleibt dabei im Mund hängen.

Erst diese Technik dürfte es den Furchenwalen erlaubt haben, ihre gigantischen Ausmaße zu erreichen. Der Blauwal kann mehr als 30 Meter lang und fast 200 Tonnen schwer werden, was ihn zum größten bekannten Tier macht, das jemals auf der Erde gelebt hat. Auch Buckel-, Zwerg- und Brydewale, die wie die Blauwale zu den Furchenwalen gehören, erreichen beeindruckende Körpergrößen.

Ihren Namen hat die Walfamilie von den Längsfurchen, die von der Kehle über die Brust bis zum Bauchnabel in der Körpermitte führen. Sie stellen sicher, dass sich der Kehlsack enorm weiten kann, wenn die Wale zum Fressen ihr Maul öffnen. Finnwale etwa nehmen so binnen sechs Sekunden rund 80.000 Liter Wasser auf - ein Volumen, das größer ist als die Tiere selbst, schreiben Forscher um Nicholas Pyenson vom Natural History Museum in Washington im Fachblatt "Nature". Etwa zehn Kilogramm Krill seien in einer solchen Wassermenge enthalten.

Jetzt haben die Wissenschaftler herausgefunden, wie genau die Wale das anstellen: Bei Untersuchungen an toten Finn- und Zwergwalen haben sie ein bisher unbekanntes sensorisches Organ entdeckt - genau in der Mitte des Unterkiefers.

Rätselhafte Beobachtungen geklärt

Der Sensor von der Größe einer Grapefruit sitzt in der Kinnspitze des Säugers zwischen den beiden nur lose miteinander verbundenen Hälften des Unterkiefers. Zahlreiche Nervenenden münden dort als feine Vorsprünge in einer gelgefüllten Tasche. Sie registrieren die Bewegungen der angrenzenden Kieferknochen, aber auch die der dehnbaren Maulunterseite und melden diese ans Gehirn des Wals.

"Wir glauben, dass das sensorische Organ Informationen an das Gehirn schickt, um den komplexen Vorgang der Nahrungsaufnahme zu koordinieren. Dieser beinhaltet eine Drehung der Kiefer, ein Zurückklappen der Zunge sowie die Ausdehnung der Kehlfalten und des Kehlsacks", erklärt Pyenson.

Die Wissenschaftler vermuten, dass bei der Nahrungsaufnahme zunächst Tasthaare am Kinn der Wale registrieren, ob im Wasser eine ausreichend große Nahrungsmenge vorhanden ist. Dann öffnen sich die Kiefer, wodurch es zu Scherbewegungen am sensorischen Organ kommt. Der Kehlsack erreicht schließlich seine volle Größe, wodurch im Inneren des Mauls Zugkräfte entstehen, die über das y-förmige Knorpelgewebe wiederum auf das sensorische Organ übertragen werden.

Die Entdeckung des Organs erkläre zuvor rätselhafte Beobachtungen, die nahegelegt hatten, dass Furchenwale ihr Maul nicht einfach passiv aufblähten wie einen Fallschirm, sondern die Bewegungen genau kontrollierten.

"Es ist wirklich eine Ironie, dass wir selbst nach Jahrzehnten des Walfangs und Tausenden von untersuchten Walkadavern erst jetzt beginnen, die Anatomie dieser größten Meeresräuber aller Zeiten zu verstehen", sagt Pyenson. Entdeckt hatten die Forscher das Sinnesorgan, als sie die Walkadaver im Ganzen in einem extrem großen Computertomografen untersuchten - einem Gerät, das normalerweise dafür verwendet wird, um ganze Baumstämme zu durchleuchten.

mbe/dpa/dapd

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