Weltweit steigt der Meeresspiegel. Auch New Orleans droht zu versinken. Ein Ortstermin an der Klimafront - kurz vor Beginn des Uno-Gipfels in Katowice.

Nick Cali hat 17 Jahre in der US-Armee gedient, zuletzt im Irak. Doch der Feind, mit dem er es heute zu tun hat, ist unbesiegbar. "Die Natur", sagt Cali, "gewinnt immer".

Aber wenigstens will er ihr das so schwer wie möglich machen.

Cali, ein kompakter, durchtrainierter Mann, trägt eine Baseballmütze mit der Aufschrift: "Southeast Louisiana Flood Protection Authority West." Er nimmt die Sonnenbrille ab, ein schnittiges Militärmodell, und blinzelt über das Mississippi-Delta.

Das ist sein Revier. Wasser, Sand und Sumpfzypressen, am Horizont die Skyline von New Orleans, in die andere Richtung, wo Louisiana versickert, der Golf von Mexiko - weit weg, doch viel zu nah, wie der Monstersturm "Katrina" zeigte, von dem sie hier immer noch sprechen.

Blick auf New Orleans

Der Festungswall

Dreizehn Jahre ist das her, doch für Cali hätte es ebenso gut gestern gewesen sein können. Er wirft einen prüfenden Blick auf die Wolken, die sich im Osten türmen. "Gehen wir."

Der Ex-Soldat kämpft heute an der Klimafront. Seine Mission: New Orleans vor dem Untergang zu bewahren.

Weltweit versinken die Küstenregionen wegen des steigenden Meeresspiegels im Ozean. In Asien, in Indien, im Südpazifik - und in den USA.

Vor allem entlang des Golf von Mexikos und der südlichen US-Atlantikküste drohe "dauerhafter Schaden für Küstengrundstücke und die Infrastruktur", schreibt das National Climate Assessment (NCA), ein Expertengremium der US-Regierung, in seinem jüngsten Bericht. Dies könnte zu enormen finanziellen Verlusten "für Individuen, Geschäfte und Kommunen" führen - im schlimmsten Fall bis zu 99 Milliarden Dollar im Jahr.

Schutzwälle um New Orleans

Mit am schwersten betroffen: New Orleans, eine der ältesten Metropolen der USA. 2005 fast ausradiert vom Hurrikan "Katrina", seither immer wieder überflutet, rutscht die Jazzmetropole schon so täglich tiefer ins sandige Sediment. Zugleich sind die schützenden wetlands ringsum erodiert.

Viele Viertel liegen unterhalb des Meeresspiegels. Kommt das Wasser, steht ihm nichts mehr im Weg.

Weshalb das US Army Corps of Engineers, die Ingenieurstruppe der US-Armee, in den Jahren nach "Katrina" einen Festungswall um die Stadt gezogen hat - einen 570 Kilometer langen, 14,5 Milliarden Dollar teuren Ring aus neuen Deichen, Schleusen und Pumpwerken. Das wichtigste dieser Werke ist der "Gulf Intracoastal Waterway West Closure Complex", ein technologisches Wunderding, das Cali als Chefingenieur kommandiert, mit einer Handvoll Kollegen.

West Closure Complex: Scheunentore und Pumpen gegen die Flut

Denn nicht alle Amerikaner sind so ignorant wie, nun ja, ihr Präsident. "Der Klimawandel ist real", sagt Cali, während er einen auf einer hohen Rampe stolz um das Gebäude herumführt. "Und uns rennt die Zeit davon."

Der Betonbau, der allein 1,1 Milliarden Dollar kostete, ragt wie ein gestrandeter Dampfer aus dem Sumpf und setzt sich fort bis quer durch den Harvey Canal, den kürzesten Schifffahrtsweg vom Hafen zum offenen Meer. Zwei tonnenschwere Schleusentore lassen sich mit einer Kombination aus Hydraulik und Mechanik schließen, wenn eine Sturmflut droht.

Durch ein Loch im Metallboden sind die riesigen Zahnräder zu sehen. "Siebeneinhalb Minuten", sagt Cali. "So schnell kriege ich die zu. Mit der Hand!"

Die Anlage dient als Bollwerk gegen das Meer - und zugleich als Abflussmechanismus für die enormen Mengen Regenwasser, die sich regelmäßig in der Stadt stauen. Dafür sorgen elf gigantische Dieselpumpen mit je 5000 PS, auf Stahlpfeilern 50 Meter tief im Boden verankert.

Es ist die größte, modernste, stärkste Pump- und Staustation der Welt. Stark genug, um einer Sturmflut die Stirn bieten zu können, wie es sie statistisch gesehen nur alle 500 Jahre gibt.

"Denn diese Flut", sagt Cali, "kann schon morgen kommen".

Über dem Vieux Carré zieht mal wieder ein Unwetter auf

Die Bürgermeisterin

Das weiß auch LaToya Cantrell. "Wir können die Natur nicht kontrollieren", sagt sie. "Aber wir müssen mit ihr leben."

Cantrell, seit Mai die erste schwarze Bürgermeisterin von New Orleans, sitzt an ihrem Schreibtisch im zweiten Stock des Rathauses im Business District. "Katrina" schwappte hier ebenfalls über die Schwelle, Stadtverwaltung und Katastrophenschutz mussten in ein Hochhaus evakuiert werden.

Da lebte Cantrell noch in Broadmoor, einem überwiegend afroamerikanischen Viertel, das von "Katrina" überflutet wurde und monatelang unbewohnbar blieb. Als Chefin einer Nachbarschaftsgruppe leitete sie damals den mühsamen Wiederaufbau, weiß also aus eigener Erfahrung, was Wasser anrichten kann.

"Der Klimawandel ist unser Alltag", sagt sie. "Weshalb unsere Stadt stärker ist denn je."

Das war freilich nicht immer so. Vor "Katrina", vor dem neuen Festungswall, vor dem "West Closure Complex" gab es hier zwar zahllose Deiche und Dämme, die über 300 Jahre hinweg zusammengestückelt worden waren. Doch "Katrina" zerstörte sie in zwei Stunden.

Auch der ambitionierte Masterplan zur Rettung von New Orleans, auf den sich Politiker, Ingenieure und Klimaforscher schließlich einigten, war schon bald wieder überholt - von der Klimakrise. Eigentlich müssten noch mal rund 35 Milliarden Dollar investiert werden, doch das ist politisch undenkbar.

"Wir brauchen eine grüne Infrastruktur", seufzt Cantrell. "Doch die können wir uns nicht leisten."

Warum leben die Leute dann überhaupt noch hier - freiwillig? Cantrell lacht: "Ich glaube nicht an das Märchen, dass man New Orleans aufgeben muss. Wenn das stimmen würde, könnte man bald nirgends mehr wohnen."

Der letzte Sturm hieß "Gordon" und schrappte im September nur knapp an New Orleans vorbei. Stattdessen traf er den Nachbarstaat Alabama und später Kentucky.

Die Vorhersagen waren jedoch bis zum Schluss unklar gewesen. Weshalb Bürgermeisterin Cantrell vorsichtshalber die Verwaltung dichtgemacht und sich alle paar Stunden warnend an die Bürger gewandt hatte: "Ich rate allen, die Wetterberichte zu verfolgen und einen Notfallplan zu haben."

Die meisten Geschäfte und Restaurants in den tieferliegenden Stadtteilen schlossen mittags, und die Hotels im Vieux Carré, dem berühmten Kneipen- und Gastronomieviertel, stapelten Sandsäcke vor ihre Schwellen.

Doch so kapriziös ist die Natur: In New Orleans blieb es dann fast wolkenlos - nur tags darauf regnete es kurz.




Ein Unwetter über einem Deich am Mississippi River

Business as usual

An jenem Morgen danach versammelt Colonel Michael Clancy sein Team zur "Gordon"-Nachlese. Clancy ist der Bezirkskommandeur des Army Corps, das immer dann in Alarmbereitschaft tritt, wenn ein größerer Sturm droht.

So auch bei "Gordon", dem letzten Sturm der Hurrikan-Saison 2018, der New Orleans nahekommt. Das Emergency Operations Center (EOC) des Korps ist ein Flachbau hinter einem Deich direkt am Mississippi. Zehn Männer sitzen im Lagezentrum um einen Tisch, drei in Uniform, der Rest in Zivil. Einige haben die Nacht auf Feldbetten verbracht, vorsichtshalber.

Drohende Landverluste im Mississippi-Delta

Clancy, ein Absolvent der Militärakademie West Point, Kriegsveteran und studierter Bautechniker, ruft über Funk den Wasserstand in den Schleusen und Kanälen ab. Von den drei Notfallplänen (A, B, C) trat "B Light" in Kraft: Sandsäcke, Pumpen und Personal bereithalten.

"'Gordon hat uns verschont", resümiert Clancy. Business as usual.

Trotzdem gibt es auch diesmal keine wirkliche Entwarnung. "Meine größte Sorge ist vor allem auch die Gleichgültigkeit der Leute hier", sagt Clancy später im Gespräch. Als letztes Jahr der Wirbelsturm "Nate" auf New Orleans zuhielt, nach tödlichem Marsch durch die Karibik, hätten sie im Vieux Carré "einfach weiter ihren Bourbon getrunken", als sei Mardi Gras.

Zumal Hurrikane ja kaum mehr die einzige Bedrohung sind. Schon bei schwerem Regen herrscht hier schnell der Notstand, vor allem in armen - schwarzen - Vierteln. Im August 2017 überschwemmten Wolkenbrüche fast die ganze Innenstadt; Öl, Müll, Chemikalien und Pestizide sammelten sich im metertiefen Brackwaser. Es dauerte 14 Stunden, bis es versickert war.

"Wasser ist viel schlimmer als Wind", weiß Ricky Boyett. Boyett, der als Zivilangestellter für das Army Corps arbeitet, steht auf einer Deichkuppe am Seventeenth Street Canal, dem ältesten Drainage-Kanal von New Orleans. Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut, führt er in den Lake Ponchatrain, der die Stadt gemeinsam mit dem Mississippi in die nasse Zange nimmt.

Hier war Ground Zero von "Katrina": Die Wassermassen des Sees spülten die Deiche auf 150 Metern fort. Das gesamte Viertel Lakeview verschwand in den Fluten - Einfamilienhäuser, Schulen, Kirchen, ein Jachthafen.

Neues Pumpwerk am Seventeenth Street Canal

Seit Mai befindet sich auch hier am Seventeenth Street Canal das neueste der neuen Pumpwerke. Es ist eine kleinere Version des "West Closure Complex" und ersetzt eine bereits überholte Einrichtung, die nach "Katrina" errichtet worden war.

"Das Wasser ist unsere Lebensader", sagt Boyett. "Es prägt unsere Kultur, es ist die Grundlage unserer Wirtschaft, es macht uns so einzigartig."

Die alte Station ist seit Monaten stillgelegt, steht aber noch. Die Pumpenrohre sind verrostet, Unkraut und Efeu haben alles überwuchert.

Die Natur gewinnt immer.

Das Team


Autor  Marc Pitzke
Redaktion  Holger Dambeck
Grafik  Michael Niestedt, Anna van Hove
Programmierung  Chris Kurt
Schlussredaktion  Christine Eckel
Fotos  Darren Anthony, Marc Pitzke