Schuppen oder Federn Studie rupft den meisten Dinos das Gefieder

Einst stellte man sich Dinosaurier als schuppige Reptilien vor. Später brachten gefiederte Fossilfunde manche Experten dazu, alle Saurier zu Federtieren zu erklären. Doch das, sagt eine aktuelle Studie, stimme nicht.

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Wenn Künstler prähistorisches Leben rekonstruieren, folgen sie oft Anregungen aus Studien oder arbeiten sogar direkt mit den Forschern. Unter denen gibt es nicht wenige, die beides sind: Künstler und Wissenschaftler - Robert T. Bakker, der das moderne Bild des Dinosauriers maßgeblich prägte, ist sicher das prominenteste Beispiel. Bilder sind letztlich Teil des wissenschaftlichen Prozesses: Ausgestorbene Wesen sichtbar zu machen, ist immer auch so etwas wie eine Plausibilitätsprüfung.

Ist nachvollziehbar, was wir uns vorgestellt haben? Wäre so ein Tier lebensfähig, und wie könnte es gelebt haben? Wozu könnte dieses oder jenes Merkmal gedient haben? Wäre es nützlich gewesen oder eher hinderlich?

Gefiederte Dinobabys

Dass die Verbindung zwischen Dinosaurier und Vogel eine äußerst enge war, hatten schon die Väter der Evolutionstheorie vermutet. Die Beschreibung des Archaeopteryx durch Hermann von Meyer im Jahr 1861 lieferte die Bestätigung. Doch erst in den Neunzigerjahren sorgte eine ganze Welle von Entdeckungen gefiederter Fossile dazu, Vögel tatsächlich als direkte Nachfahren der Dinosaurier zu akzeptieren - wenn nicht sogar als ihre letzte, überlebende Gruppe. So sah man auch Archaeopteryx erst als "Urvogel", heute hingegen eher als fliegenden, gefiederten Dinosaurier.

Dass Vögel aus den Theropoda, also den Raubsauriern hervorgingen, steht mittlerweile völlig außer Frage. Dass die meisten, wenn nicht alle Maniraptora - kleine Theropoden, die als die direktesten Vorfahren der Vögel gelten - gefiedert waren, ist Konsens.

In den letzten Jahren hat man die Federtierthese jedoch zunehmend auf die ganze Entwicklungslinie der Raubsaurier spätestens ab der Kreidezeit erweitert, nachdem einzelne Funde zumindest teilweise gefiederter Tyrannosauridae gemacht wurden.

Hautsache Dinosaurier: Das Schaubild zeigt, was an welchen Dino-Gruppen gefunden wurde - Schuppen, Fasern, Daunen und Federn

Es gibt heute kaum einen Paläontologen, der nicht davon ausgeht, dass zumindest die Jungtiere der kreidezeitlichen Theropoda meist, wenn nicht immer, gefiedert waren. Bis zu welchem Grad und ab wann das so war, ist dagegen strittig: Die Anfänge der Feder liegen tief im Jura, aber nur einige Entwicklungslinien der Theropoda waren wohl auch schon vor der Kreidezeit gefiedert.

Strittig ist auch, ob die Regel "Dinosaurier = gefiedertes Tier" auf andere Untergruppen der Dinosaurier angewendet werden sollte. Viele von uns neigen - unserer Erfahrung mit dem heutigen Tierreich folgend - zu Verallgemeinerungen: Wir kennen es nicht anders, als dass eng verwandte Tiere einer Gruppe typische Merkmale teilen. Alle Vögel haben Federn, alle Säugetiere Haare, alle Fische Schuppen und Reptilien in anderer, aber ähnlicher Weise auch. Was für eine Tierart aus diesen Gruppen gilt, gilt stets für alle.

Vielleicht hat das viele Paläontologen und Künstler in den letzten Jahren dazu bewegt, ein Stück weit über das Ziel hinauszuschießen. Es gibt inzwischen zahlreiche Darstellungen von Sauriern, die man sich bisher nur schuppig oder sogar gepanzert vorstellte, mit Schmuckfedern, Borsten oder haarartigen Fasern.

Keine Festlegung: Alles ging, nichts musste

Eine aktuelle,in den "Biology Letters" veröffentlichte Studie, die auf der Analyse fossiler Hautstrukturen von 75 Saurierarten beruht, sagt nun: Das ist zu viel des Guten.

Die meisten Dinosaurier hätten eindeutig eine schuppige Haut gehabt. Man könne auch nicht davon ausgehen, dass Federn ein Merkmal gewesen seien, das früh in der Entwicklungslinie aufgetreten und dann an alle Untergruppen der Dinosaurier vererbt worden wäre. Federähnliche Strukturen hätten verschiedene Entwicklungslinien der Saurier vielmehr zu ganz verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander ausgeprägt. In der Entwicklungslinie der Theropoda wurden sie schließlich zu einem häufigen, wenn nicht sogar Standardmerkmal.

Vereinzelte Dino-Arten, geografisch und über Jahrmillionen voneinander getrennt, die unabhängig voneinander mal ein Federkleid "anprobierten"? Es ist nicht leicht, sich das vorzustellen: Es wäre, als "erprobten" einzelne Arten Säugetiere statt Fell und Haaren mal Federn oder Schuppen. Bei Sauriern scheint das aber genau so gewesen zu sein: Wir kennen Fossile, beispielsweise von Ceratopsiden, die einwandfrei haarähnliche Fasern oder Dornen trugen.

Doch Evolution ist nicht zielgerichtet und linear, und die "Erfindung" der Feder hat mit dem Fliegen noch gar nichts zu tun. Einen Triceratops-Verwandten mit federartigen Filamenten zu finden, bedeutet keineswegs, dass der auf dem Weg zur Luftfahrt war: Er hatte halt ein paar Proto-Federn, und das muss für ihn in irgendeiner Weise nützlich gewesen sein.

Paläontologie-Quiz

Damit schließt sich der Kreis. Wenn man auf die Haare, Borsten oder Federn von Sauriern schaut, muss man den Vogel komplett vergessen. Für Saurier gilt stattdessen die Hannibal-Lecter-Regel: "Was ist seine Natur?" Oder anders gesagt: Welchem Zweck dient das Merkmal?

Viele Saurierarten, dokumentiert die Studie, hatten sowohl eine Schuppenhaut, als auch Federn - nicht im Sinne eines Gefieders, sondern einzelne oder wenige. Sie standen wie ein Rückenkamm, am Schwanzende, an den Seiten des Kopfes oder Körpers - wozu?

Um zu imponieren, ist eine häufige Antwort. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten: Um zu fühlen, ist meine Lieblingsantwort.

Meine Katze trägt, wie viele Säuger, borstenhafte Haare am Kopf, die für sie Sensoren sind. Ein großes, tonnenschweres Tier, das sich zwischen Bäume wagt, hätte so etwas auch gebrauchen können - nur nicht am Kopf, sondern seitlich am Körper: Wäre es nicht nützlich gewesen, ein Kitzeln zu spüren, das vor einem Engpass oder Räuberbiss warnt - mehrere Meter, nachdem der Kopf den passiert hat?

Vielleicht erweiterten Saurier mit Fasern oder Federn ihre Sensorik? Es wäre eine prächtige Erklärung für viele Sauriermerkmale, die uns bizarr vorkommen - bis zu scheinbar deplatzierten "Dornen" an den Seiten von Körpern.

So oder so: Dinosaurier waren eine Tiergruppe, die sich der Verallgemeinerung von Körpermerkmalen oft entzog. Gerade das fasziniert uns doch auch an ihnen, die Vielfalt ihrer Gestalten und Größen. Die Frage "Feder oder Schuppe?", war bei ihnen kein Entweder-oder: Alles konnte, nichts musste.

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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