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Niederlande: Kreationisten verteilen Anti-Evolutions-Broschüre

Heute hatten alle niederländischen Haushalte Post im Briefkasten. Der Absender: Christliche Fundamentalisten, die in einer Broschüre gegen Darwins Evolutionslehre wettern. Kirchenvertreter distanzierten sich von der Aktion.

Amsterdam - In den Niederlanden ist der seit langem schwelende Streit von fundamentalistischen Christen und Anhängern der Evolutionslehre nun öffentlich ausgebrochen. Anlass ist nach Medienberichten vom Dienstag die Verteilung einer Broschüre an alle Haushalte des Landes. 30 christliche Organisationen greifen darin Darwins Evolutionslehre an. Die Evolution sei wissenschaftlich nicht bewiesen, heißt es darin - ungeachtet der Tatsache, dass praktisch kein seriöser Biologe die Existenz der Evolution bestreitet.

Artenvielfalt (Zeichnung): "Evolution oder Schöpfung? Was glaubst Du?"
Corbis

Artenvielfalt (Zeichnung): "Evolution oder Schöpfung? Was glaubst Du?"

Die massenhafte Verbreitung "religiöser Meinungen" per Wurfsendung werde vielfach kritisiert, schrieb die Zeitung " De Telegraaf". Dagegen erklärte der Koordinator der Broschürenaktion, Kees van Helden, dass es gerade im Darwin-Jahr erlaubt sein müsse, "offene Fragen" anzusprechen. Der Humanistische Verband der Niederlande bezeichnete die Broschüre "Evolution oder Schöpfung? Was glaubst Du?" als "Ausdruck orthodoxen Übermuts". Verbandsvorsitzender Rein Zunderdorp: "Ärgerlich ist vor allem, wie respektlos darin mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgegangen wird."

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
Der Soziologie-Professor Wout Ultee von der Universität Nijmegen, der zu den Organisatoren des Darwin-Jahres gehört, sprach von einem "schweren Geschütz". Es sei falsch, die Menschen aufzufordern, sich zwischen Evolution und Schöpfungsglaube zu entscheiden. Die Protestantische Kirche in den Niederlanden distanzierte sich von der Broschürenkampagne. "Die Wissenschaft liegt nicht im Streit mit dem Glauben an Gott", erklärte Kirchensekretär Arjan Plaisier. "Die Bibel spricht von Gott als Schöpfer, aber man darf die Bibel nicht als biologisches Handbuch lesen."

Den meisten Niederländern dürfte der Inhalt der Broschüren ohnehin herzlich egal sein: Bei einer groß angelegten Erhebung der EU vor drei Jahren stellte sich heraus, dass nur etwa jeder dritte Niederländer überhaupt an einen Gott glaubt.

lub/dpa

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