Niedersachsen Der unerschrockene Wolf

Wolf Kurti in Niedersachsen schleicht durch Wohngebiete und folgt Spaziergängern - ein schwedischer Experte sollte das Tier verschrecken. Doch Kurti überraschte erneut.

Ein Verwandter von Kurti
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Ein Verwandter von Kurti


Jens Karlsson ist extra aus Schweden gekommen, er soll den verhaltensauffälligen Wolf in Niedersachsen vergrämen, der jede Scheu vor Menschen verloren hatte. Doch der von seinen Anhängern Kurti genannte Rüde hält Abstand und bekommt keine Gummigeschosse ab.

Jens Karlsson ist spezialisiert auf Wölfe, die dem Menschen zu nahekommen. Er kümmert sich im Auftrag des niedersächsischen Umweltministeriums um den verhaltensauffälligen Wolf von Munster.

"Wir haben jetzt drei Tage lang hier in der Heide Maßnahmen durchgeführt", sagt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Mehr als 6000 Unterschriften haben Bürger gegen eine Tötung Kurtis gesammelt und Wenzel Ende Februar übergeben. Ein Abschuss des geschützten Tieres ist für den Grünen-Politiker das letzte denkbare Mittel.

Zunächst setzt er auf Karlsson und die Vergrämung, etwa durch Lärm oder Gummigeschosse. Doch kann das Tier nicht wieder auf Distanz zum Menschen gebracht werden, so könnte es auch eingefangen und in ein Gehege gebracht oder gar getötet werden.

"Die Sicherheit des Menschen steht immer an erster Stelle", hat Wenzel mehrfach betont. Das Ganze ist laut Ministerium eine Premiere. Seit Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ist es das erste Mal, dass so gegen eines der Tiere vorgegangen wird.

Vergrämung also als erster Schritt, doch hat es geklappt? Am Sonntag ist der Rüde per Funkpeilung von einem Flugzeug aus geortet worden, er trägt ein Halsband mit Sender. Noch am selben Tag versucht Karlsson drei Mal, sich dem Tier zu nähern, doch ausgerechnet jetzt zeigt es sich scheu.

Kurti überraschte erneut

Mehrfach hat sich der Wolf in den vergangenen Monaten Menschen bis auf wenige Meter genähert, zuletzt ist er gar einer Spaziergängerin mit Kinderwagen und Hund hinterhergelaufen. Doch auch am Montag überraschte Kurti erneut, er zeigte sich plötzlich wolfstypisch scheu und trollt sich bei fünf Begegnungen mit Karlsson. Gummigeschosse bleiben dem Wolf erspart, Karlsson kommt meist nicht näher als 200 Meter heran.

Hintergrund des neuen Verhaltens könnte sein, dass der Rüde bei Karlssons Aktion in Begleitung eines zweiten Wolfes war. "Bei Paarbildung kann das Verhalten des einen Tieres unter Umständen auf das andere abfärben", sagt Wenzel dazu.

Bei den Annäherungen sei zum Teil gesprochen und geschrien worden, berichtet Karlsson, der nach dem Termin zunächst wieder nach Schweden fährt. Er arbeitet für das Swedish Wildlife Damage Centre in Grimsö, laut Umweltministerium die einzige Institution in Europa, die über entsprechende Erfahrung mit Wölfen verfügt.

Die Tiere sind in Deutschland streng geschützt und dürfen nicht gejagt werden. Die Diskussion über ihre Rückkehr wird hierzulande hitzig geführt, doch soll es in Schweden nicht anders sein. "In Nordschweden ist es mehr an der Sache, in Südschweden ist es so emotional wie hier", sagt Karlsson, der auch den Wolf von Munster nicht für gefährlich hält.

Eine Vergrämung sei letztlich nur in deutlich weniger als 30 Prozent der Fälle erfolgreich, sagt Karlsson einschränkend. "Schwer zu sagen", antwortet Stefan Wenzel auf die Frage, wie es mit dem Wolf möglicherweise enden wird: "Ich hoffe, dass die Maßnahme wirkt. Gegebenenfalls werden wir Herrn Karlsson bitten, ein zweites Mal zu kommen."

Von Peer Körner, dpa/boj



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Seite 1
Untertan 2.0 08.03.2016
1. Tierabwehrspray
Never leave home without it. Hilft auch gegen schlecht erzogene Hunde.
Thorkh@n 08.03.2016
2. Ich glaube, ...
... wäre ich ein junges Wolfsmännchen auf der Suche nach Anschluss und einem weiblichen Artgenossen, würde mein Interesse bei Geruchsaufnahme und Sichtung einer womöglich läufigen Hündin auch geweckt werden. Geruchlich sind sich die Tiere noch nah genug, dass ein Wolf einer Hündin nachtrabt. Dumm nur, wenn die dann eine Spaziergängerin dabei hat. Böser Wolf.
taglöhner 08.03.2016
3.
Die Intelligenz, recht gut zwischen harmlosen und potentiell gefährlichen Menschen unterscheiden zu können, kann man bei herrenlosen Straßenunden auch besichtigen. Ich fürchte/hoffe, Kurti endet im Gehege. Im nachhinein muss man sich fragen, ob das Senderhalband eventuell Wohlmeindende animiert hat, ihn zu füttern. Das würd sein Verhalten erklären.
lurchmatz 08.03.2016
4. Ist doch klar....
...Kurti möchte lieber ein Hund sein und bei Menschen wohnen.
Pless1 08.03.2016
5.
Zitat von taglöhnerDie Intelligenz, recht gut zwischen harmlosen und potentiell gefährlichen Menschen unterscheiden zu können, kann man bei herrenlosen Straßenunden auch besichtigen. Ich fürchte/hoffe, Kurti endet im Gehege. Im nachhinein muss man sich fragen, ob das Senderhalband eventuell Wohlmeindende animiert hat, ihn zu füttern. Das würd sein Verhalten erklären.
Er zeigte wohl erst das auffällige verhalten und bekan dann den Sender. Aber es stimmt schon: aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Verhalten anerzogen durch Fütterung. Es ist zu befürchten, dass sich niemand traut, eine unpopuläre Entscheidung zur Entnahme des Tiers aus der Landschaft zu treffen und sich das dann durch den Straßenverkehr regelt. Dass die Vergrämung meist nicht wirkt sagt ja selbst der schwedische Profi.
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