Forscher auf Nishinoshima Erste Menschen betreten neue Insel

Vor Japan ist eine neue Insel entstanden. Jetzt sind Wissenschaftler auf der Insel gelandet - sie haben dokumentiert, welche Tiere sich dort als erstes angesiedelt haben.

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Nishinoshima ist einer der jüngsten Flecken der Erde. Vor drei Jahren spuckte der Pazifik tausend Kilometer südöstlich von Tokio eine dampfende Insel aus. Das neue japanische Eiland hat sich seine Nachbarinsel einverleibt, die sich bereits 1973 aus den Fluten erhoben hatte, 500 Meter nebenan.

Nishinoshima ist mittlerweile größer als Helgoland, sie misst mehr als zwei Quadratkilometer. Ihr Zentrum, der Vulkankegel, ragt rund hundert Meter übers Meer. Auf der neuen Insel würde also eine Siedlung Platz finden.

Als Vorhut für Siedler verstehen sich die Forscher allerdings nicht, die nun als erste Menschen das Neuland betreten haben. Sie treibt die wissenschaftliche Neugierde: Welche Lebewesen siedeln als erste? Wie stabil ist das Lavagestein? Kann die Insel bestehen?

Die Geologen und Biologen des japanischen Umweltministeriums sammelten Gesteinsproben, Vulkanasche, Insekten und Pflanzen. Sie dokumentierten Vogelkolonien, die sich auf Nishinoshima niedergelassen haben: Maskentölpel sind die ersten größeren Siedler auf der Insel.

Die Forscher vergruben Erdbebensensoren im Boden, der noch warm ist, erwärmt von Vulkanasche und Lava. Die Bebendaten sollen ähnlich wie ein EKG den Lebensrhythmus der Vulkaninsel dokumentieren.

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Um das Neuland nicht mit Mikroben oder Sporen zu verunreinigen, trafen die Wissenschaftler Vorsichtsmaßnahmen. Ihre Kleidung war frisch, und sie gingen mit dem Forschungsschiff vor der Küste vor Anker. Zur Insel schipperten sie mit einem Schlauchboot.

"Unser Hoheitsgebiet wird sich erweitern"

Die schnell härtende Lava schützt das Neuland gegen die Meeresfluten - doch es ist ein harter Wettstreit der Elemente: Noch trotzt die Insel den Fluten. In den vergangenen Monaten ist sie jedoch nicht mehr gewachsen, womöglich gar etwas geschrumpft.

Ob Nishinoshima bestehen wird, ist unentschieden. Dabei hatte der Leiter des Kabinettsekretariats der japanischen Regierung bereits frohlockt: "Unser Hoheitsgebiet wird sich erweitern."

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Manche Insel hält sich, sodass sie besiedelt wird. Am 14. November 1963 entdeckte die Besatzung eines Fischkutters vor der Südküste Islands einen Asche speienden Vulkan. Die Insel wurde Surtsey getauft - und zum wissenschaftlichen Sperrgebiet erklärt.

Surtsey stabilisierte sich schneller als gedacht; sie hatte sich nach wenigen Jahren verfestigt. Nicht Pflanzen siedelten sich dort zuerst an, sondern Fleischfresser: Auf Treibholz gelangten Spinnen zur Insel; ihre Nahrung - Insekten - ebenfalls. Bald keimten einfache Pflanzen wie Moose und die Salzmiere. Ihr Samen war im Wasser nach Surtsey getrieben.

Das Ende der Inseln

Einen Schub lösten die Möwen aus. Im Gefieder brachten sie kleine Tiere und Samen mit. Drei Viertel der Pflanzen gelangten mit den Vögeln auf die Insel. In den neunziger Jahren wurden die ersten Regenwürmer und Schnecken gefunden. Zudem düngten die Exkremente der Vögel den Boden. So wandelte sich Surtsey langsam zu einer grünen Insel.

Das Ende vieler Vulkaninseln aber ist besiegelt, sobald die Ausbrüche aufhören. Der Magma-Nachschub bricht ab, die Insel wird vom Ozean ausgewaschen. So erging es etwa der Insel Home Reef, die sich 2006 aus dem Südpazifik erhoben hatte.

Der Boden von Home Reef war zu lose, um den Fluten standzuhalten: Er bestand überwiegend aus Asche und nicht, wie bei Surtsey, aus hartem Lavagestein.

Eine Insel ist der höchste Berg der Erde

Allein im Pazifik gibt es mehr als eine Million Unterseevulkane. Wenige dieser Berge wachsen über die Wasseroberfläche, sodass Inseln entstehen. Am erfolgreichsten war der Hawaii-Vulkan Mauna Kea: Vom Meeresgrund aus gerechnet ist er mit 10.205 Metern der höchste Berg der Welt - und ragt 4200 Meter über den Meeresspiegel.

Die neue Insel war 2013 Niijima getauft worden (auf der Karte rechts). Mittlerweile heißt sie Nishinoshima - nach der Vereinigung trägt sie den Namen der einstigen Nachbarinsel.
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Die neue Insel war 2013 Niijima getauft worden (auf der Karte rechts). Mittlerweile heißt sie Nishinoshima - nach der Vereinigung trägt sie den Namen der einstigen Nachbarinsel.

Die Unterseevulkane vor Japan werden gespeist von einem Zusammenstoß riesiger Erdplatten. Vor Japan taucht der mächtige Felsboden des Pazifiks unter westlich gelegene Erdplatten. Unter dem Druck quillt Wasser aus dem Gestein. Es steigt auf und senkt den Schmelzpunkt darüber liegenden Gesteins - wie Streusalz den Schmelzpunkt von Wasser senkt und Eis tauen lässt.

Die Insel erzeugt eigenes Wetter

Über der abtauchenden Pazifikplatte schmilzt schließlich Gestein zu Magma, das aufsteigt - und Vulkane speist. So wachsen seit Jahrmillionen entlang des sogenannten Izu-Bonin-Mariana-Inselbogens Vulkaneilande empor. Immer wieder färbt sich das Meer dort schwefelgelb von untermeerischen Eruptionen.

Erstmals seit 43 Jahren aber ist vor Japan ein Lavaberg so groß geworden, dass er sich übers Meer hebt. Erste Eigentümlichkeiten von Nishinoshima haben Forscher bereits feststellen können: Das Eiland erzeugt sein eigenes Wetter, sein Dampf lässt Wolken entstehen.

Kleine Gaspartikel aus der Lava dienen als Kondensationskeime für Wasserdampf. So schafft die Insel ihre eigenen Schattenplätze - oft schweben weiße Wölkchen über der neuen Insel.

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