EU-Bericht zu Deutschland Grundwasser weiter stark mit Nitrat belastet

Ein aktueller EU-Bericht belegt erneut: Deutschlands Grundwasser hat ein Nitratproblem. Schuld ist vor allem die Landwirtschaft. Es wird teils Jahrzehnte dauern, bis sich die Lage bessert.

Ein Landwirt in Niedersachsen verteilt Gülle auf einem Feld (Archiv)
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Ein Landwirt in Niedersachsen verteilt Gülle auf einem Feld (Archiv)


Das Grundwasser in Deutschland ist vielerorts weiterhin zu stark mit Nitrat belastet. Das geht aus einem Bericht der EU-Kommission hervor, über den die Zeitungen der "Funke Mediengruppe" berichten. Demnach überschritten im Schnitt 28 Prozent der Messstationen zwischen 2012 und 2015 den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter Wasser.

Das deckte sich ungefähr mit Erkenntnissen aus einem Bericht der Bundesregierung vom vergangenen Jahr. Demnach waren an rund einem Viertel der für den Report ausgewerteten Grundwassermessstellen die Nitratgrenzwerte überschritten. Nachgemessen hatten die Experten vor allem in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen. Überdüngung mit mineralischem Dünger und Gülle sind vielerorts Schuld an den überhöhten Werten.

Tatsächlich ist es so, dass der Grenzwert für Nitrat im deutschen Grundwasser seit Jahren an vielen Stellen überschritten wird, er liegt bei 50 Milligramm pro Liter. Die Europäische Union hat Deutschland wegen der Überschreitungen bereits 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Die Regierung habe zu wenig unternommen, um die Belastung zu senken, so das Argument. Allerdings ist es auch so, dass selbst nach einem Stopp des Eintrags neuer Nitrat-Verbindungen die Belastungen im Trinkwasser für Jahre bis Jahrzehnte andauern würden.

Trinkwasseraufbereitung droht teurer zu werden

Stickstoffhaltiger Dünger lässt zwar die Pflanzen auf den Äckern sprießen. Aber wenn die Nährstoffe in den Gewässerkreislauf geraten,sorgen sie in Seen, Flüssen und Meeren auch für mehr Algen. Außerdem wird die Aufbereitung von Trinkwasser dadurch vielerorts komplizierter - und damit potentiell auch teurer.

"Es ist Zeit zu handeln, das zeigt der aktuelle EU-Bericht wieder einmal deutlich", kommentiert ein Sprecher des Verbands kommunaler Unternehmen. "Die übermäßigen Einträge von Nitrat in unsere Gewässer müssen endlich konsequent reduziert werden, um unsere Trinkwasserressourcen zu schützen."

Die Wasserversorger müssen sich nämlich an eine niedrigere Grenze halten als die 50 Milligramm pro Liter. Für sie gilt ein Wert von 37,5 Milligramm. Ab dieser Marke müssen die Unternehmen Maßnahmen ergreifen, um den Zustand des Grundwassers zu verbessern. Das allerdings wird angesichts der steigenden Nitratbelastung immer schwieriger.

Der aktuelle EU-Bericht zeigt nur für ein EU-Land überhaupt schlechtere Nitrat-Werte als für Deutschland - und zwar für Malta. Dort sei an 71 Prozent der Messstationen der Grenzwert nicht eingehalten worden.

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EU-weit Insgesamt registrierten die dem Bericht zufolge immerhin eine leichte Entspannung. Demnach sank im Vergleich zum vorigen Bericht die Zahl der "belasteten" Messstellen in der EU von 14,4 auf 13,2 Prozent. Der Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff sagte den Zeitungen der "Funke Mediengruppe": "Der EU-Bericht bestätigt die hohe Belastung von Grundwasser durch Nitrate aus der Intensivtierhaltung."

Nitrat ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff. In Gewässern fördert sie Algenwachstum, was anderen Pflanzen schadet. Nehmen Menschen Wasser mit einem höheren Nitratgehalt zu sich, kann das erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben - weil Nitrat im Körper unter Umständen zu schädlichem Nitrit umgebaut wird. Das verhindert in großen Mengen, dass Sauerstoff im Blut transportiert werden kann. Auch über eine Krebsgefahr durch den Stoff wird diskutiert. Allerdings kommt Nitrit auch in manchen Gemüsesorten vor.

Problematisch für das Grundwasser ist auch die hohe Belastung durch Phosphor. Auch dieser Nährstoff gelangt über landwirtschaftliche Flächen in die Gewässer. In dem deutschen Regierungsbericht wiesen sogar 65 Prozent der Messstellen zu hohe Werte auf.

chs/joe/dpa



insgesamt 98 Beiträge
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kmgeo 09.05.2018
1. Keine Änderung in Sicht
Es ist keine Änderung in Sicht! Die Landwirtschaft ist genauso wie Automobilindustrie offenbar systemrelevant und wird grundsätzlich verschont. Tatsächlich haben wir es hier mit einer Externalisierung von Kosten zu tun: Der Landwirt züchtet im industriellen Maßstab Tiere und muss die Gülle entsorgen; das tut er zu allen Gelegenheiten und ohne Rücksicht auf die Umwelt bzw. das Grundwasser, denn die Kosten der Grundwasseraufbereitung zahlen ja alle (er natürlich nicht, weil es tiefliegende Hausbrunnen hat). Seit Jahrzehnten wird zumindest in Viehhaltungsregionen im Nordwesten an Lösungen gearbeitet (das ist keine Atomphysik!), aber das ist eher Kosmetik und Verbraucherberuhigung, denn es passiert nichts! Die Düngeverordnung reicht auch nicht aus, wenn man sieht, wie viele Landwirte darauf vertrauen, dass das Ausbringen von Gülle bei Nacht Vorteile nach sich zieht. Was wir brauchen, ist eigentlich ganz einfach: (1) Für jede Großvieheinheit muss die Fläche zur Abgabe der Exkremente eindeutig nachgewiesen werden; davon sollten 75 % im Besitz des Landwirts sein. (2) Der Gülleimport aus den Niederlanden muss sofort beendet werden (3) Für die Einzugsbereiche der belasteten Brunnen brauchen wir sofort ein Moratorium des Eintragstopps. Im übrigen fragt man sich, warum man die Gülle aus dem Nordwesten nicht einfach in Tankwagen pumpt, an den Mittelkanal bringt, in Binnenschiffe umpumt und dann sonstwo hinschippert. Klar, die Schiffa fahren leer zurück, aber das ist mit Öl und Gas nicht anders.
MannAusmNorden 09.05.2018
2. Grenzwerte... immer Grenzwerte...
Grenzwerte sind schön und gut, aber was haben sie mit der Wirklichkeit zu tun? Wie gefährlich/giftig/geschmacksveränderd sind 50mg/l? Und wie weit wurden die Grenzwerte überschritten? Sind es vielleicht, auch bereits durch sorgfältige Düngung, 55mg/l? Oder sind wir schon weit über 200? Grenzwerte werden doch in der EU derzeit wie folgt gemacht: Eine Studie ergibt, dass ein Wert von, sagen wir mal 500irgendwas doof schmeckt oder die Augen reizt, wenn man dem 6 Stunden ausgesetzt ist. Dann wird eine zweite Studie gemacht, die das bestätigt und sagt, dass die Augenreizung bei 250irgendwas über 6 Stunden nicht mehr auftritt. Und dann wird dieser Wert nochmal durch 5 geteilt und das ist der Grenzwert... oder fühlt es sich nur so an, dass es so gemacht wird?
heinrich-wilhelm 09.05.2018
3. Verursacherprinzip
Gilt das hier nicht? In der Logik der Verursacher müssen ja erst einmal wissenschaftliche Gutachten beweisen,dass die Vergiftung unseres Wassers eine Folge des Gülleausbringens ist und selbsverständlich halten sich unsere Agrarier an die gesetzlichen Vorgaben. Was denken sie denn. Die werden so weitermachen bis reine Gülle aus den Wasserhähnen kommt. Wo bleibt unser Staat,um dies Umweltverbrechen endlich zu stoppen?
Benjowi 09.05.2018
4.
In früheren Zeiten hat man sowas als Brunnenvergiftung bezeichnet. Das Ganze passiert ja auch keineswegs in erster Linie, um die inländische Nahrungsmittelproduktion zu gewährleisten, sondern um einen exaorbitanten Exportanteil zu erzeugen.
frankfurtbeat 09.05.2018
5. ist doch ...
ist doch alles seit Jahren bekannt und unsere Politik macht munter weiter als wäre nichts zu ändern. Landwirte im Norden verteilen dazu noch Gülle gegen Geld aus holländischen Landwirtschaftsindustrie auf deutschen Boden. Die Landwirtschaftsminister, egal welcher coloeur, sind das Geld nicht wert und stützen ohne Verstand die Agrarindustrie mit weiteren Subventionen (Steuergelder). Das bedeuet der Bürger zahlt dafür das es so weiter geht und im Nachhinein zahlt der Bürger über einen höheren Wasserpreis für die daraus resultierende Problematik. Unglaublich wie die Bürger in diesem Land von der Politik verschaukelt werden.
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