Nobelpreisträgerin Ostrom zum Klimagipfel: "Es droht ein Kampf aller gegen alle"

Wenn der Klimagipfel scheitert, gibt es nur noch eine Chance: Lokale Initiativen müssen dann die Erderwärmung bremsen, fordert Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät sie, warum ausgerechnet Freiburg als Modell für die Rettung der Welt dienen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ostrom, auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wird gerade über neue globale Regeln zum Schutz unseres Planeten verhandelt. Aber sind Menschen überhaupt bereit, ihr Leben entsprechend zu ändern?

Elinor Ostrom: Unter den richtigen Umständen nehmen Menschen durchaus zusätzliche Kosten und Mühen zum Schutz der Umwelt auf sich. Es hängt vor allem vom Vertrauen ab, dass andere genauso handeln. Menschen haben die Fähigkeit zu verstehen, dass ihre eigene Zukunft in Gefahr ist, wenn sie ihren Lebensstil nicht ändern. Unter den richtigen Umständen wird ihnen klar: Es ist ein Kampf aller gegen alle, wenn wir nicht handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das Vertrauen für gemeinsames Handeln aufbauen?

Ostrom: Regeln, die von oben vorgegeben werden, reichen nicht aus. Erfolgreiche Modelle haben oft ein paar gemeinsame Grundprinzipien, zum Beispiel dass die Einhaltung von Regeln überwacht und Übertretungen bestraft werden. Außerdem braucht es Mechanismen zur Konfliktlösung und die Freiheit, dass die Menschen einen Teil der Regeln selbst setzen dürfen. Und schließlich müssen die Grenzen der Ressource klar sein. Unter diesen Umständen können Menschen Vertrauen zueinander entwickeln, dass sie nicht allein dastehen, wenn sie eine zukunftsweisende Investition machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte es weniger effektiv sein, wenn Regierungen strenge Regeln von oben diktieren?

Ostrom: Weil sich die Menschen damit nicht identifizieren. Meine Forschung hat gezeigt, dass lokal verwaltete Wälder besser geschützt sind als staatliche Parks, wo sich die lokalen Bewohner nicht beachtet fühlen und die Beamten bestechlich sind. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden in einem Dorf leben, wo wir vereinbart haben, dass wir am Samstag und am Sonntag nicht in den Wald gehen, damit er sich regenerieren kann. Wenn ich am Rand des Waldes entlanglaufe und ich mich mit den Regeln identifiziere, dann werde ich Sie anschreien, wenn ich Sie trotzdem dort sehe. Ich könnte ein paar ziemlich unfreundliche Worte rufen, weil Sie nicht da sein dürfen. Wenn ich denke, dass sich der Staat schon kümmern wird, dann laufe ich wortlos vorbei.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Forschung haben Sie sich mit Projekten auf der lokalen und der regionalen Ebene befasst. Was lässt Sie glauben, dass Ihre Lösungen auch für den gesamten Planeten funktionieren?

Ostrom: Die globale Ebene ist in der Tat eine Herausforderung. Das nötige Wissen auf allen Ebenen zu schaffen, ist kniffelig. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere politischen Führer einige Entscheidungen auf sehr hoher Ebene treffen. Hier auf dem Gipfel sprechen diese Leute miteinander und stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Aber dann gehen sie nach Hause - und die wahre Arbeit fängt erst an.

SPIEGEL ONLINE: Kann Geld helfen, um Vertrauen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern aufzubauen?

Ostrom: Vielleicht. Auf jeden Fall kann ich mir nur schwer ein Klimaabkommen ohne ernsthafte finanzielle Zusagen vorstellen. Gleichzeitig bin ich sehr besorgt und nervös wegen der drohenden Korruption. Wenn wir Geld auf ein Land regnen lassen, in dem das Korruptionsniveau sehr hoch ist, und wir uns nicht eingestehen, dass zumindest ein Teil davon in den falschen Taschen landet, dann manchen wir uns etwas vor. Auf den ersten Blick mögen viele der aktuellen Vorschläge ganz großartig klingen, aber in vier bis sechs Jahren haben wir eine Menge Politiker mit Geld auf Schweizer Bankkonten. Deswegen brauchen wir strenge Regeln, damit die Milliarden, die möglicherweise auf dem Tisch liegen, auch korrekt genutzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Also sind spezielle Anti-Korruptions-Einheiten wie in Indonesien die besten Umweltschutzbehörden?

Ostrom: Aber ja! Bestechung ist einer der Hauptgründe für Umweltzerstörung. Man muss sich nur ansehen, welche Rolle Korruption dabei spielt, dass große Firmen Waldgebiete erhalten - und dass weggesehen wird, wenn sie die Regeln brechen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht schlicht unmöglich, das Klima mit einem einzelnen Vertrag zu retten?

Ostrom: Ein Vertrag wird nicht reichen, um das Problem komplett zu lösen. Deswegen brauchen wir einen polyzentrischen Ansatz im Kampf gegen den Klimawandel. Alle Ebenen der Gesellschaft müssen zusammenarbeiten, um auf lange Sicht effektiv zu sein. Städte, Dörfer und lokale Gemeinschaften sind bisher als wichtige Akteure vernachlässigt worden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn es keine Einigung in Kopenhagen gibt?

Ostrom: Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass es nur eine Lösung auf globaler Ebene gibt. Es gibt auch darunter viele wichtige Ebenen, auf denen etwas passieren miss. Wenn sich die Politiker in Kopenhagen nicht einigen können, würde ich sie gern bis auf die Knochen blamieren - durch ein paar andere Abkommen, in denen Menschen sagen: "Wir haben keine Lust mehr, auf Euch zu warten." Die Stadt Freiburg ist ein gutes Beispiel dafür, was das heißt.

SPIEGEL ONLINE: Warum, um alles in der Welt, ausgerechnet Freiburg?

Ostrom: Ich verbringe oft Zeit in Deutschland - und einiges von dem, was ich da sehe, beeindruckt mich. Lokale Initiativen können nicht alles lösen, aber denken Sie nur einmal an die vielen Fahrradwege, die es dort gibt. Jeder Radfahrer reduziert seinen eigenen CO2-Ausstoß und lebt gleichzeitig noch gesund. Sonntags fährt jeder in den Wald und hat eine gute Zeit - mit dem Rad, nicht mit dem Auto. Jeder sollte sich fragen, warum er das verdammte Auto nicht Zuhause gelassen hat - oder es am besten gleich ganz loswerden.

SPIEGEL ONLINE: Ein dezentraler Ansatz im Kampf gegen den Klimawandel ist eine quälend langsame Angelegenheit. Aber wir brauchen schnelles Handeln, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Ostrom: Wenn wir hier sitzen und Däumchen drehen und auf eine Entscheidung der Typen da oben warten, dass würde ich quälend langsam nennen. Sollen wir immer nur die Politiker verantwortlich machen? Ich sage nicht, dass wir das Problem vollständig lösen können, aber wir können wichtige Schritte machen. Bis zu einem gewissen Grad können wir sie herausfordern. Jeder kann per Telefon oder Mail wahnwitzige Politiker kontaktieren, wie die US-Senatoren, die das Klimaschutzgesetz blockieren - und sie wissen lassen, dass sie unverantwortlich handeln.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die USA so zurückhaltend im Kampf gegen den Klimawandel?

Ostrom: In der aktuellen Wirtschaftskrise glauben einige Leute, dass wir uns das nicht leisten können. Ich glaube aber, es ist genau anders herum. Wenn wir jetzt nicht handeln, dann werden wir in Zukunft noch größere Probleme bekommen. Und dann haben wir natürlich noch das Erbe unseres früheren Präsidenten George W. Bush. Acht Jahre lang hat das Weiße Haus das Thema als unbedeutend heruntergespielt. Wir hatten keine politischen Führer, die verstanden haben, dass es eine wissenschaftliche Grundlage für den Kampf gegen den Klimawandel gibt. Obama hat zumindest bessere Chancen, die Wissenschaft zu verstehen, aber auch für ihn wird es verdammt hart werden.

SPIEGEL ONLINE: In den Klimaverhandlungen geht es darum, die Atmosphäre als gemeinsames Gut zu schützen. Was müsste als nächstes unter Schutz gestellt werden?

Ostrom: Die Ozeane! Die werden immer starker gefährdet. Das ist ein Desaster, eine sehr schwierige Situation. Die Fischressourcen sind übermäßig beansprucht. Außerdem machen Abfälle und zusätzliches CO2 den Meeren zu schaffen. Das Seerecht war überhaupt nicht effektiv. Viele Fischerboote arbeiten wie Strauchdiebe. Deswegen muss der Schutz des Meeres ganz nach oben auf die Agenda, um die Zukunft zu sichern.

Das Interview führten Christoph Seidler und Christian Schwägerl.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1. Träumen Sie weiter
Elessar 17.12.2009
Zitat von sysopWas passiert, wenn der Kopenhagen scheitert? Dann müssen lokale Initiativen das Klima schützen, fordert Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät sie, warum ausgerechnet Freiburg als Modell für die Rettung der Welt dienen könnte. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,667497,00.html
Ja, Oma, träumen Sie weiter. Ich persönlich werde wegen der Klima-Lüge nicht auf mein Auto verzichten. Ich habe nicht vor, mein Leben den Klimafaschisten zuliebe zu ändern.
2. Troll dich fort
el jodi 17.12.2009
Zitat von ElessarJa, Oma, träumen Sie weiter. Ich persönlich werde wegen der Klima-Lüge nicht auf mein Auto verzichten. Ich habe nicht vor, mein Leben den Klimafaschisten zuliebe zu ändern.
Manche Menschen verdienen ihren Avatar einfach nicht. Zumindest würde Ihnen ein wenig der Weisheit der literarischen Vorlage, auf die Ihr Benutzername baut, ganz gut stehen. Wir wäre es, wenn demnächst die PS-Zahl des zu kaufenden Autos den IQ des Fahrers nicht übersteigen darf. Auf diesem Weg würden wir schon ne ganze Menge für das Klima machen.
3. Freiburger Radfahrer
Titmouse 17.12.2009
Zitat von sysopIm SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät sie, warum ausgerechnet Freiburg als Modell für die Rettung der Welt dienen könnte.
Naiver geht´s wohl nicht. Die Freiburger (grünen) Radfahrer retten das "Klima", was immer man darunter verstehen mag. Merkt die Tante denn nicht, dass wir mitten in einem unbarmherzigen Kampf um die Öl- und Gasressourcen sind ? So äußert sich der Kampf um´s Überleben bzw. Weiterleben in gewohntem Lebensstandard einer übervölkerten Erde. Wie will sie denn den Chinesen und Indern verbieten, ihren rapide wachsenden Bedarf an fossilen Energieträgern zu stoppen ? Da muss die "Klimawechsel" - Hölle her. Klar ?
4. Betrifft "Oma"
bayerklaus 17.12.2009
Hallo Uropa. Doch nein, wer Kinder oder Enkel oder Hauptschulabschluss hat, kann nicht so unreflektiert seinen dumpfbackigen Egoismus auf diese Art ausscheiden. Er kann auch nicht diese ungrünen Anti-Enkel-Lobby-Parteien wählen oder noch hirnloser: nicht mal mit seinem Auto zum Wählen fahren. Es sei denn, er hasst seine Kinder von Geburt an, wie mutmaßlich deine Eltern. Mit dir die Sintflut.
5. Der Kampf droht nicht nur...
dontoffone 17.12.2009
Wir haben keine politischen Führer für den Kampf gegen den Klimawandel, nicht in Deutschland, noch woanders. Diese „Eliten“ konzentrieren sich in erster Linie auf nationale Interessen, statt auf globale, wie es notwendig wäre. Global wird ökonomisch gedacht, nicht ökologisch. Ein Freiburg in China, Nigeria, Brasilien? Nein, das wird es nicht geben, aber dann braucht es solche vereinzelten Modellstädtchen in Deutschland auch nicht. Das ist genauso, als würde ich in einem Abrisshaus das Wohnzimmer auskehren, während um mich herum die Abrissbirne Wände einschlägt. Aber Umweltplaketten für PKW einführen (statt konsequent Radwegenetze auch in anderen Kommunen auszubauen), wiederum Folgekosten für Bürger, wiederum ein bisschen Geld in den Staatssäckel… der Einfallsreichtum diesbezüglich ist zumindest hierzulande unerschöpflich. Und für die Ozeane sehe ich auch nicht bunter. Selbst in diesem dramatischen Zustand reicht es den Nationen nicht einmal, Fisch aus dem Meer ausschließlich aus Gründen des Nahrungsbedarfes zu (über)fischen. Nein, rituelle Anachronismen lassen jährlich tausende von Meeressäugern töten, und das unter dem schwachsinnigen Deckmantel wissenschaftlicher Untersuchung. Selbst dieses Verbrechen lässt eine „Weltgemeinschaft“ seit Jahren tatenlos durchgehen. Nichteinmischung in nationale Angelegenheiten nennt man so was. Brasilien und internationale Helferlein fackeln seit Jahren den Amazonas ab. Aber bitte nicht einmischen. Ich halte es mit den „Bilderbergern“. Die möchten das 90% der Weltbevölkerung den Bach runtergeht. Damit wäre das menschliche Aufkommen auf diesem unermesslich kostbaren Planeten wieder im Lot. Wenn man allein auf die kommenden Umweltsünden der Schwellenländer schaut, von den restlichen Ländern ganz zu schweigen, kommt eine andere Alternative kaum in Betracht. Höchstwahrscheinlich gehöre ich dann auch zu den getilgten, sie übrigens auch, lieber Leser.
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Zur Person
AFP / University of Stockholm
Elinor Ostrom, 76, ist Professorin für Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington und zählt zu den führenden Umweltökonomen der Welt. In diesem Jahr erhielt sie zusammen mit ihrem Landsmann Oliver Williamson den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Für ihre Arbeit hat Ostrom unter anderem die Bewirtschaftung von Almwiesen in der Schweiz und Japan sowie Bewässerungssysteme in Spanien und auf den Philippinen untersucht.
Fotostrecke
Kopenhagen: Proteste beim Klimagipfel

Multimedia-Special
Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa

Wer wie viel CO2 reduzieren will
EU
Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.
Russland
Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2020 anschließen. Basisjahr soll 1990 sein. In einem zweiten Schritt könnte die Einsparung sogar auf 25 Prozent erhöht werden. Russlands CO2-Ausstoß ist infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Anfang der neunziger Jahre ohnehin massiv zurückgegangen.
USA
Die USA planen bis 2020 eine Verminderung um 17 Prozent, allerdings bezogen auf das Basisjahr 2005. Verglichen mit 1990 bedeutet das nach Berechnungen der Bundesregierung nur ein Minus von rund sechs Prozent. Bis 2025 sollten sie dann um 30 Prozent und bis 2030 um 42 Prozent sinken - jeweils bezogen auf 2005. Ob der Senat - dort wird derzeit über ein Klimaschutzgesetz gestritten - diese Ziele unterstützt ist unklar.
Japan
Das Land hat zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um mindestens 15 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu reduzieren. Das soll unter anderem durch den Bau neuer Kernkraftwerke geschehen. Umweltschützer kritisieren, dass sich bezogen auf das Basisjahr 1990 nur eine Reduktion um acht oder neun Prozent ergibt - und Japan bereits sechs Prozent Reduktion nach dem Kyoto-Protokoll zugesagt hat.
Brasilien
Brasilien hat größere freiwillige Emissionssenkungen in Aussicht gestellt. Der CO2-Ausstoß soll im Jahr 2020 zwischen 36,1 und 38,9 Prozent niedriger liegen als die bisher prognostizierten Werte. Damit lägen die Emissionen wieder auf dem Niveau von 1994. Gegenüber dem Niveau des Jahres 2005 würde der Schritt einen Rückgang von rund 20 Prozent bedeuten. Etwa ein Viertel der Zielvorgabe soll dadurch erreicht werden, dass erheblich weniger Regenwald abgeholzt wird.
China
Peking will bisher keine bindenden CO2-Reduktionsziele akzeptieren. Als freiwillige Maßnahme will China aber dafür sorgen, dass der Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft nicht mehr ganz so stark zulegt wie das Wirtschaftswachstum des Landes. Die Treibhausgase, die für jeden Yuan Wirtschaftsleistung ausgestoßen werden, sollen demnach bis zum Jahr 2020 um 40 bis 45 Prozent verringert werden. Vergleichsjahr ist 2005.
Indien
Auch Indien hat mehrfach klargemacht, dass sich das Land formalen Reduktionsverpflichtungen definitiv verweigern will.
Australien
Das Land arbeitet seine Reduktionsverpflichtungen derzeit noch aus. Diskutiert werden Vorschläge der Regierung, bis zum Jahr 2020 den CO2-Ausstoß um fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 zu verringern. Wenn andere Staaten sich ebenfalls zu Reduktionen verpflichten, ist ein Minus von 15 Prozent für denselben Zeitraum in Aussicht gestellt.
Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein politisches, aber bindendes Abkommen einigen. Die Kernpunkte sind klar, wie viel von ihnen sich tatsächlich im Text finden wird, werden erst die Verhandlungen zeigen. Die Industriestaaten sollen ihren Treibhausgasausstoß reduzieren und Geld für die Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel geben. Die ärmeren Staaten sollen im Gegenzug bestimmte Zusagen geben. In dem Vertrag könnte auch der Schutz der Tropenwälder besonders hervorgehoben werden.