Von Michael Finkel
Die Regierung Tansanias hat andere Pläne für die Hadza. Das Land ist bestrebt, Anschluss an die Weltwirtschaft zu bekommen. Buschleute, die Paviane jagen, passen nicht in das Bild, das viele Politiker von ihrem Land vermitteln wollen. Tansanias Präsident Jakaya Kikwete forderte schon, die Hadza "müssen sich wandeln". Die Regierung will, dass sie Schulen besuchen, in Häusern wohnen und einer ordentlichen Arbeit nachgehen.
Nach der Rückkehr ins Lager wird der Pavian am Feuer abgelegt, und Giga setzt sich still abseits zu den anderen Männern. Der erfolgreiche Jäger brüstet sich nicht mit seinem Erfolg, denn es ist immer auch Glück dabei gewesen, und selbst die besten Bogenschützen haben manchmal lange Phasen ohne Treffer. Aus diesem Grund teilen die Hadza ihr Fleisch miteinander.
Onwas' Frau Mille erwacht am Morgen als Erste. Sie sieht den Pavian, senkt das Kinn knapp als Zeichen der Anerkennung und der Freude und schürt das Feuer. Es ist Zeit zu kochen. Bald sind auch die anderen Leute des Lagers auf den Beinen, alle sind hungrig. Ngaola häutet den Pavian und spannt das Fell mit angespitzten Zweigen über dem Boden auf. In einigen Tagen wird es trocken sein und eine schöne Schlafmatte ergeben.
Gemeinsames Essen
Zwei Männer zerlegen das Tier und verteilen Fleischstücke. Onwas, der Lagerälteste, bekommt die größte Köstlichkeit: den Kopf. Die Zubereitungsweise bei den Hadza ist simpel: Das Fleisch wird direkt ins Feuer gelegt. Kein Grill, keine Pfanne. Und kein gesittetes Benehmen. Auf körperlichen Abstand wird nicht geachtet. Gleichgültig, wie eng es rund ums Feuer zugeht, immer ist Platz für noch einen, auch wenn man am Ende auf jemandes Schoß sitzt.
Sobald ein Stück Fleisch gar ist, darf jeder sich einen Bissen schnappen. Und das meine ich wörtlich. Messer werden gezückt, alle langen hektisch zu, es wird geschnitten, gekaut und gezerrt. Man schlägt die Zähne in einen Fleischbrocken und säbelt sich mit dem Messer einen Bissen vor den Lippen ab. Ellbogeneinsatz und Rempelei gehören dazu. Abgenagte Röhrenknochen werden mit Steinen zertrümmert, und wer einen erwischt, saugt das Mark heraus. Fett wird auf die Haut geschmiert - die Feuchtigkeitscreme der Hadza. Keiner sagt ein Wort, rundum nur lautes Schmatzen und Zähneknirschen.
Auch ich habe Hunger und stürze mich ins Getümmel. Ich erwische einen Fetzen Fleisch, und ich muss schon sagen: Paviansteak ist gar nicht so übel. Ein bisschen streng, aber es ist einige Tage her, dass ich Eiweiß zu mir genommen habe, und ich spüre, wie mein Körper mit jedem Bissen kräftiger wird. Nur Onwas hält sich aus dem Tumult heraus. Er sitzt samt Paviankopf behaglich im Schneidersitz an seinem Feuer und verspeist die Wangen, die Augäpfel, das Nackenfleisch und die gegrillte Stirnhaut des Affen. Er nagt den Schädel bis auf die Knochen ab, dann wirft er ihn ins Feuer und ruft mich und die Jäger zum Rauchen zu sich. Später spaltet Onwas den Pavianschädel, und das Hirn, das eine gute Stunde gekocht hat, kommt zum Vorschein. Es sieht aus wie weiche, verklumpte Nudeln, gelblich-weiß, leicht dampfend. Er hält uns den Schädel hin, und alle Männer stürzen vor, schöpfen mit den Fingern eine Handvoll Hirn und schlürfen es aus der Hand. Ich auch. Damit geht der Abend zu Ende.
Freiheit mit Schattenseiten
Ich beneide die Hadza um manches - vor allem darum, dass sie so frei zu sein scheinen. Frei von Besitztümern. Frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen. Frei von religiösen Beschränkungen. Frei von vielen familiären Banden. Frei von Terminplänen, Jobs, Chefs, Rechnungen. Von Verkehr, Steuern, Gesetzen, Nachrichten und Geld. Frei von Sorgen. Frei, ohne Entschuldigung rülpsen und furzen zu dürfen, zu rauchen und ohne Hemd durch den dornigen Busch zu laufen.
Natürlich könnte ich niemals so leben wie die Hadza. Ihr gesamtes Dasein kommt mir vor wie ein langer Campingausflug. Allerdings mit Schattenseiten. Und jederzeit lebensgefährlich. Ärztliche Hilfe ist weit weg. Ein unglücklicher Sturz von einem Baum, ein Schlangenbiss, der Angriff eines Löwen, und du bist tot. Die Frauen gebären ihre Kinder im Busch, in der Hocke. Jedes fünfte Baby stirbt im ersten Lebensjahr, beinahe die Hälfte der Kinder wird nicht einmal 15 Jahre alt.
Schließlich sagt mir mein Körper, dass es Zeit für mich ist, den Busch zu verlassen. Ich bin völlig zerstochen und voller blauer Flecke, habe Sonnenbrand und oft Bauchschmerzen. Ich bin erschöpft. Deshalb sage ich nach zwei Wochen allen im Lager, dass ich nun gehen müsse. Das wird zur Kenntnis genommen, mehr nicht. Die Hadza sind nicht sentimental. Sie kennen keine langen Abschiede. Selbst wenn einer von ihnen stirbt, wird darum kein großes Aufheben gemacht. Sie graben ein Loch und legen die Leiche hinein. Noch vor einer Generation taten sie nicht einmal das. Sie ließen die Toten einfach auf dem Boden liegen, und die Hyänen fraßen sie auf. Selbst wenn sie ihr ganzes Leben mit einem Menschen verbracht haben, werfen sie nur einige trockene Zweige auf sein Grab. Und gehen ihrer Wege.
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