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Nomaden in Afrika: Mit den Hadza zurück in die Steinzeit

Von Michael Finkel

Sie bebauen keine Felder, sie züchten kein Vieh, sie haben keine Gesetze und keinen Kalender: Die Hadza gehören zu den letzten Völkern der Erde, die noch als Jäger und Sammler leben - wie ihre Ahnen vor 10.000 Jahren. Haben sie etwas, das uns verlorengegangen ist?

Kein Besitz, kein Stress, kein Krieg: Mit den Hadza zurück in die Steinzeit Fotos
Martin Schoeller/ National Geographic

Vom Lager der Frauen schwebt rhythmischer Gesang herüber. Onwas berichtet von einem Baum, den er heute gesehen hat. Die Männer am Feuer rücken enger zusammen. Es sei ein Baum auf der Kuppe eines steilen Hügels, schwierig zu erreichen, aber voller Paviane. Erneutes Gemurmel. Dann ist es beschlossen: Alle stehen auf und ergreifen ihren Jagdbogen.

Onwas ist ein alter Mann, vielleicht über 60. Jahre als Zeiteinheit verwendet er selbst nicht. Er ist schlank und gut in Form, etwa 1,50 Meter groß. Seine Arme und seine Brust sind vom Leben im Busch gezeichnet: mit Narben von der Jagd, von Schlangenbissen, von Pfeilen und Messern, von Skorpionstichen und Dornen. Mit Narben vom Sturz aus einem Affenbrotbaum und vom Angriff eines Leoparden. Er hat nur noch die Hälfte seiner Zähne. Er trägt zerschlissene braune Shorts und Sandalen aus Autoreifen. An seiner Hüfte ein Jagdmesser in einer Scheide aus dem Fell eines Dikdik, einer Zwergantilope. Sein Hemd hat er ausgezogen, wie die meisten Männer. Das macht ihn in der Nacht beinahe unsichtbar.

Dass ich es geschafft habe, hierherzukommen, in ein traditionelles Hadza-Lager, ist schon etwas Besonderes. Jahre sind nämlich nicht die einzige Zeiteinheit, die den Hadza wenig bedeutet. Auch Monate, Wochen, Tage oder Stunden sind ihnen nicht wichtig. Eine Verabredung zu treffen kann deshalb schwierig sein. Ich hatte den Betreiber eines Touristencamps am Rande des Hadza-Territoriums gefragt, ob er einen Aufenthalt bei einer abgeschieden lebenden Gruppe für mich arrangieren könne. Der Mann traf Onwas im Busch und fragte ihn, ob ich zu Besuch kommen dürfe.

Onwas hatte nichts dagegen. Er sagte, ich würde der erste Ausländer sein, der je in seinem Lager gewohnt habe. Sein Sohn werde mich in drei Wochen abholen, an einem bestimmten Baum am Rand des Busches. Und tatsächlich: Als ich mit meiner Dolmetscherin drei Wochen später im Landrover dort ankam, wartete Onwas' Sohn Ngaola schon auf uns. Offenbar hatte sein Vater auf die Mondphasen geachtet, und als er dachte, es sei genügend Zeit vergangen, schickte er seinen Sohn zum Baum. Ich fragte Ngaola, ob er lange auf mich gewartet habe. "Nein", sagte er. "Nur ein paar Tage."

Hart im Nehmen

Zunächst, das war offensichtlich, fühlten sich alle im Lager etwas unbehaglich in meiner Gegenwart. Es waren etwa zwei Dutzend Hadza, von kleinen Kindern bis zu den Alten. Viele starrten mich an, zuweilen nervös loslachend. Erst als ich ein mitgebrachtes Fotoalbum herumreichte, schwand die Befangenheit. Onwas interessierte vor allem ein Foto meiner Katze. "Wie schmeckt sie?", fragte er.

Ich folge Onwas und zehn weiteren Jägern zum Pavianbaum. Wir verlassen das Lager im Gänsemarsch. Ich habe mein Hemd angelassen; meine Haut wäre in der Nacht zu auffällig. Wer hier im Dunkeln über Land geht, muss hart im Nehmen sein. Überall stehen Dornbüsche und Akazien, und selbst bei Tag kann man nicht vermeiden, zerstochen und zerkratzt zu werden. Man sieht die Dornbüsche nicht, man spürt sie nur, wenn man hineinläuft. Und durch die Schatten schleichen Löwen, Leoparden und Hyänen. Für Onwas ist das kein Problem. Er lebt hier schon sein ganzes Leben. Er weiß alles, was es über den Busch zu wissen gibt.

Etwa tausend Menschen seines Volks leben noch in ihrem angestammten Land, einer weiten Ebene um den flachen salzigen Eyasisee im Osten Afrikas, im Great Rift Valley. Viele sind auch schon in die Nähe von Dörfern gezogen und arbeiten auf Farmen oder als Fremdenführer. Doch etwa ein Viertel aller Hadza, darunter die Menschen aus der Sippe von Onwas, leben noch heute als Jäger und Sammler. Sie bauen nichts an, sie haben kein Vieh, sie haben keine dauerhaften Unterkünfte. Sie leben ein wenig südlich jener Region, in der einige der ältesten fossilen Überreste der ersten Menschen gefunden wurden. Die Hadza gehen womöglich in direkter Linie auf die Hauptwurzel des menschlichen Stammbaums zurück, die hier mehr als 100.000 Jahre in die Vergangenheit reicht. Das ergaben genetische Tests.

Von der Hand in den Mund

Die Hadza erlauben uns heute noch einen Einblick in die Lebensumstände der Menschen vor dem Aufkommen der Landwirtschaft vor etwa 10.000 Jahren - deshalb sind sie für die Forscher so interessant. Viele von ihnen haben ihre traditionelle Lebensweise beibehalten. Sie führen keine Kriege. Sie waren nie viele und leben so verteilt, dass Epidemien ihnen nichts anhaben konnten. Onwas und die Menschen in seinem Lager haben keinen nennenswerten persönlichen Besitz: einen Kochtopf, einen Wasserbehälter, eine Axt - nicht mehr, als in eine Decke gewickelt über der Schulter getragen werden kann. Sie haben viel freie Zeit, denn sie "arbeiten" nur vier bis sechs Stunden täglich - das heißt, sie beschaffen Nahrung.

Dennoch gibt es keine Hungersnöte in ihrer Geschichte, im Gegenteil: Es kam vor, dass sie Ackerbau treibende Volksgruppen nach einer Missernte zeitweise unterstützten. Die Hadza leben buchstäblich von der Hand in den Mund, von dem, was sie sammeln und erjagen. Aber ihr Speisezettel ist abwechslungsreicher als der der meisten Menschen auf der Welt.

Die Frauen sammeln Beeren und die Früchte des Affenbrotbaums, außerdem graben sie essbare Wurzelknollen aus. Die Männer suchen Honig und jagen, üblicherweise jeder für sich. Die Hadza essen fast alles, was sie töten können, von Vögeln über Gnus bis hin zu Zebras und Büffeln. Sie essen Warzenschwein, Buschschwein und Schliefer. Und sie lieben gebratenen Pavian.

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National Geographic
Deutschland

Heft 12/2009

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