Nordkorea Kann ein Atombombentest einen Vulkan zum Ausbruch bringen?

Nordkoreas Atombombentest könne einen gigantischen Vulkan an der Grenze zu China ausbrechen lassen, glauben südkoreanische Wissenschaftler. Nun streiten Geoforscher über die Warnung.

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Ein Atomtest in Nordkorea, so warnen Wissenschaftler, könnte den benachbarten Vulkan Paektusan ausbrechen lassen. Die Druckwellen der unterirdischen Explosion würden demnach die Magmakammer unter dem Berg erschüttern, das flüssige Gestein könne aus der Erde schießen, berichten südkoreanische Forscher im renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature".

Die Gelehrten haben die Änderungen der Spannung in der Erdkruste berechnet, die ein Atomtest in der Umgebung erzeugt. Die Kalkulationen beruhen auf der Erkenntnis, dass Erdbeben Fernwirkung zeitigen können: Manche haben Geysire sprudeln lassen, andere gar Vulkaneruptionen ausgelöst.

Ebenso versetzt der unterirdische Test einer starken Atombombe den Boden Hunderte Kilometer weit in Wallung. Schwächere Druckwellen der Explosionen sind gar rund um den gesamten Globus messbar, weshalb Nordkoreas Nuklearversuche von Erdbebenstationen stets rasch nachgewiesen wurden.

Was passieren könnte, wenn die Wellen den Paektusan durchrüttelten, wollen die Forscher um Tae-Kyung Hong von der Yonsei University in Seoul nun ermittelt haben.

Der Vulkan - er liegt auf der Grenze zwischen Nordkorea und China - ist ein Gigant. Vor gut tausend Jahren explodierte er bei einer der größten Eruptionen der Menschheitsgeschichte, die tausendmal mehr Lava, Asche und Gase in den Himmel pustete als der Mount St. Helens 1980 bei der drittgrößten Eruption des 20. Jahrhunderts.

Seit 1903 ist der über 2700 Meter hohe Paektusan nicht mehr ausgebrochen. In den vergangenen Jahren aber wurde er unruhig, leichte Beben schüttelten den Berg, sein Dach hob sich leicht.

Seine Magmakammer liegt nur fünf Kilometer unter der Erde, weitaus niedriger als bei anderen Vulkanen. Könnte eine Nuklearexplosion auf dem 116 Kilometer entfernten Atomtestgelände in Nordkorea sie zum Ausbruch bringen?

Um die Frage zu beantworten, haben die südkoreanischen Forscher berechnet, wie stark ein Atomtest den Untergrund in Schwingung versetzen könnte und wie solche Wellen die Spannung in der Magmakammer verändern würden.

Wie eine geschüttelte Sprudelflasche

Während die Schwingungen recht gut zu bestimmen sind, unterliegen Spannungsrechnungen erheblichen Unsicherheiten - unter anderem, weil die Beschaffenheit des Untergrundes nicht genau bekannt ist.

Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Gas enthält die Magmakammer? Steht sie unter Spannung wie eine geschüttelte Sprudelflasche?

Die Spannungsänderung durch einen Atomtest in Nordkorea in einer normalen Magmakammer wäre um das Zehn- bis Hundertfache zu schwach, um eine Eruption auszulösen, sagt Fidel Costa, Experte an der Nanyang Technological University in Singapur.

Stünde der Vulkan aber unter starkem Druck, so haben die südkoreanischen Forscher berechnet, könnte ein Atomtest einen Ausbruch auslösen.

Es müsste sich allerdings um eine Nuklearexplosion handeln, die mindestens einem Erdbeben der Stärke sieben entspräche, ein extremer Wert. Selbst dann sei aber unklar, ob genügend Gase erzeugt würden, die für explosiven Überdruck sorgten, rechnen die südkoreanischen Forscher vor.

Es müsste eine große Bombe sein

"Ein solcher Test wäre tausendmal stärker als der größte, den Nordkorea bislang unternommen hat", sagt Jeff Freymueller, Experte für geologische Spannungsberechnungen an der University of Alaska in Fairbanks. Der Test entspreche dem größten, den die USA jemals gemacht hätten.

Dass Erdbeben der Stärke sieben Vulkane zum Überkochen bringen können, haben diverse Studien der letzten Jahre dokumentiert.

Doch ein gravierender Effekt selbst solch starker Erschütterungen auf die Erdkruste der Umgebung sei selten, berichten Forscher um Tom Parsons vom Geologischen Dienst der USA, dem USGS, im Fachmagazin "Tectonophysics": Nur zwei bis drei Prozent der Siebenerbeben hätten das Ruckeln der Erdkruste dauerhaft erhöht, meist hingegen seien im Gefolge nicht mehr Erdbeben festzustellen - entsprechend geringe Effekte wären womöglich in einer Magmakammer zu erwarten.

Scharfe Kritik

Es hätte festgestellt werden müssen, ob der Paektusan zuvor auf Erdbeben reagiert hätte, meint der Seismologe Ross Stein vom USGS. Im März 2011 etwa erschütterte knapp 1400 Kilometer entfernt vom Vulkan das extreme Tsunami-Beben die japanische Ostküste - das Beben der Stärke neun war tausendmal stärker als ein Beben der Stärke sieben.

"Hätten die Studienautoren ermittelt, ob das Japan-Beben den Paektusan in Unruhe versetzt, etwa Gasfontänen oder kleine Beben ausgelöst hat, wäre ihre Studie besser untermauert", sagt Stein.

Sein Kollege Freymueller wird noch deutlicher: Die Studie dokumentiere eher das Gegenteil von dem, was sie behaupte, meint er. "Sie zeigt, dass es höchst unwahrscheinlich erscheint, dass ein Atomtest eine Eruption auslöst."

Eine Ausnahme aber gebe es: Stünde der Paektusan kurz vor dem Ausbruch, könnte ein Atomtest den entscheidenden Impuls geben, sagt Freymueller. "Aber dann", meint er, "wäre der Vulkan sowieso bald ausgebrochen."


Zusammengefasst: Südkoreanische Wissenschaftler haben berechnet, dass der unterirdische Test einer Atombombe in Nordkorea einen Vulkan in der Nähe zum Ausbruch bringen könnte. Andere Forscher bleiben skeptisch: Die Atombombe müsste mindestens tausendmal größer sein als bei bisherigen Tests - und selbst dann wäre eine Eruption nur unter seltenen Voraussetzungen möglich.

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