Nordkorea Hinter den Kulissen der Volksrepublik

Wer hinter die Kulissen Nordkoreas schauen will, muss lange bleiben und tief blicken. Jeden Besucher begleitet ein staatlicher Aufpasser. Doch was das Land von sich preisgibt, ist umso überraschender.

Von "National Geographic"-Autor Tim Sullivan


An diesem kühlen Herbstmorgen war es still im Ryongthong-Tempel, einer Ansammlung buddhistischer Schreine, die sich an einen Hügel nahe der nordkoreanischen Stadt Kaesong schmiegen. Vor Jahrhunderten war Kaesong der Sitz der koreanischen Könige und Ryongthong ein lebendiges religiöses Zentrum. Doch an diesem Morgen gingen nur zwei Mönche in grauen Roben demonstrativ würdevoll durch den Tempel. Unten in der Stadt plärrten Lautsprecher auf der leeren Hauptstraße Lobgesänge auf Kim Jong Un, den jungen Mann, den die Nordkoreaner "Oberster Führer" nennen.

Der Fotograf David Guttenfelder und ich waren mit unseren Aufpassern - ängstlichen staatlichen Bürokraten, die ausländische Reporter auf allen ihren Wegen begleiten - zu dem Tempel gekommen. Einen buddhistischen Tempel könnte man für den geeigneten Ort halten, um etwas über die Freiheit der Religionsausübung in Nordkorea zu erfahren.

Sozialforscher sagen, dass die seit sechs Jahrzehnten herrschende Familiendiktatur jegliche organisierte Religion ausgelöscht hat. Doch falls ich danach fragen sollte und einer der Mönche gar leise Unzufriedenheit mit dem Regime andeutete, würde er inhaftiert und in dem geheimen Gulag verschwinden, in dem nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten zwischen 150.000 und 200.000 Menschen gefangen gehalten werden.

Das Leben verschwindet hinter sorgsam errichteten Fassaden

Als wir wieder nach draußen gingen, folgten uns die Mönche. "Ich weiß, was Sie fragen möchten", sagte Zang Hye Myong. Plötzlich wurde offensichtlich, warum uns die Mönche gefolgt waren. Aufpasser führen Reporter nicht zu Dissidenten, und Ryongthong war keine Enklave von Regimekritikern. Wir standen, und ich hätte das gleich wissen müssen, vor einem Tempel der totalitären Täuschung, mitten in einem Filmset, an dem die Steinstufen und reich verzierten Holztüren fast keine Gebrauchsspuren aufwiesen. Die Mönche waren Schauspieler in einer Theateraufführung über die Religionsfreiheit in Nordkorea.

Und wir waren das Publikum. Also tat ich ihnen den Gefallen und murmelte: "Lässt man Sie Ihre Religion frei ausüben?" Er selber, sagte er, sei der Beweis für die Freiheiten, die der "Große Führer" Kim Il-sung den Koreanern gewährt habe und die dessen Enkel Kim Jong-un nun verteidige. Dies ist ein Land, in dem das wirkliche Leben hinter sorgsam errichteten Fassaden verschwindet. Es ist ein Land, aus dem zu berichten uns häufig vorkommt wie ein fortwährender Kampf gegen einen Feind, der die Wahrheit von uns fernhalten will. Aber wenn man lange genug bleibt und tief genug blickt, erfährt man mehr als erwartet.

David und ich gehörten zu einem kleinen Journalistenteam der Nachrichtenagentur Associated Press, das Nordkorea im vergangenen Jahr regelmäßig besuchen durfte. Meistens sehen wir nur, was unsere Begleiter und die mächtigen, stumm über sie waltenden Staatsbehörden zulassen. Unser Hauptaufpasser ist ein einnehmender, aber betont distanzierter Mann namens Ho Yong-il. Mr. Ho ist unser Übersetzer, unser Führer und der Mann mit dem Auftrag, uns nie aus den Augen zu lassen. Sollten wir versuchen, ihm zu entwischen - was wir nie gewagt haben -, würde man unsere Visa einziehen.

Ganz Pjöngjang liest "Vom Winde verweht"

Wer mit Mr. Ho unterwegs ist, sieht Nordkorea mit den Augen eines politisch Überzeugten. Uns treibt vor allem eine Frage um: Wie viel von dem, was Mr. Ho uns sehen lässt, ist echt? Wenn David und ich aus Nordkorea berichten, stellen sich uns mehr Fragen, als wir Antworten finden.

Dennoch bekommen wir seltene Einblicke in die isolierte Welt, die die Familie Kim geschaffen hat. Beharrlich bemüht sich die nordkoreanische Staatsführung, ein Bild von einem Alltag im Land zu vermitteln, in dem sich fröhliche, wohlgenährte Kinder in den Schulen tummeln, die Geschäfte voller Waren sind und die Loyalität zur Familie Kim keine Grenzen kennt. Die meisten der 24 Millionen Einwohner haben gelernt, in stereotypen Phrasen mit Reportern zu sprechen und ihre Führer stets zu lobpreisen.

Manchmal stößt man erst durch Zufall auf ein Thema, das die Menschen dazu bringt, etwas offener zu sein. Wie "Vom Winde verweht". Das Land schwelgt in dem vor 77 Jahren erschienenen Roman und erkennt sich in der Saga vom Bürgerkrieg und der willensstarken Frau wieder, die gelobt, nie mehr Hunger zu leiden. Mehr als eine Million Nordkoreaner haben Schätzungen zufolge im Koreakrieg ihr Leben verloren, Hunderttausende fielen der Hungersnot in den neunziger Jahren zum Opfer.

Die Regierung ließ "Vom Winde verweht" aus nie ganz klar gewordenen Gründen Mitte der neunziger Jahre übersetzen, als Nordkorea gezwungen war, ohne sowjetische Hilfe zu überleben. Heute gibt es kaum einen Erwachsenen in Pjöngjang, der den Roman nicht gelesen hätte. Das Buch ist Unterhaltung und Trost und Inspiration. Ein Fenster, durch das man nach Amerika schaut.

Auszug einer Fotoreportage aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Oktober 2013, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/nordkoera

insgesamt 4 Beiträge
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Tiananmen 03.10.2013
1. optional
Dieser Artikel hat wieder einmal bestätigt, was ich eigentlich immer empfinde, wenn ich mir ein Heft von „National Geographic“ kaufe. Interessante Themen, die Bilder nicht schlecht (man ist von Geo etwas verwöhnt), und dann…Enttäuschung. Die Artikel sind schwach, irgendwie inhaltsleer und es bleibt ein Gefühl, als ob man auf gewisse Weise betrogen worden sei. Ein vergleichbarer Geo-Artikel, vor einigen Jahren schon veröffentlicht, hat mich wirklich betroffen gemacht. Schade.
brandtner 03.10.2013
2. ... und!?
Selten so einen hohlen Artikelauszug gelesen. Absolut nichtssagend. Man kann nur hoffen, dass der komplette Artikel erhellender ist - leider regt das hier nicht gerade zum Weiterlesen an. Lieber SPON, bitte nächstens etwas gehaltvollere Schleichwerbung. Danke.
k70-ingo 03.10.2013
3.
Der Text unter dem zweiten Bild "Wenn man lange genug bleibt und tief genug blickt, erfährt man mehr als erwartet" ist ein belangloses Allgemeinplätzchen, was zudem in diesem Fall, bei einem offiziell angemeldeten Besuch von Journalisten überhaupt nie zum Tragen kommt. Die bekommen weitaus weniger zu sehen, und das weitaus gefilterter, als ein normaler Nordkorea-Tourist. Gegenüber Journalisten äußern sich die nordkoreanischen Reiseleiter sehr zurückhaltend, während man als privater Tourist, wenn man einen guten Draht zu den Guides gefunden hat, vernünftige, sogar intensive Gespräche führen kann. Natürlich muß man immer die absoluten und relativen Tabus im Hinterkopf haben und sollte diese sinnvollerweise gar nicht erst ansprechen. Es bringt nichts. Die Nordkoreaner dürfen dazu nichts sagen, auch wenn sie wollten und könnten, und man selbst macht sich nur die Vertrauensbasis kaputt. Da hat keiner was von.
umuc 04.10.2013
4. Schwacher Artikel.
Schlechte Übersetzung!? Vorredner haben Recht! Enttäuschend.
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