Nordsee Grippeviren haben Seehundsterben ausgelöst

Binnen weniger Tage sind 350 Seehunde auf deutschen Nordseeinseln verendet. Nun steht die Ursache des Massensterbens fest: eine Virusinfektion. Für Naturschützer ist das trotz allem eine gute Nachricht.

Sylt (14. Oktober 2014): Ein toter Seehund am Strand von Hörnum
DPA

Sylt (14. Oktober 2014): Ein toter Seehund am Strand von Hörnum


Tönning - Ein Grippevirus ist für den Tod ungewöhnlich vieler Seehunde an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste verantwortlich. Das teilte der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz am Montag in Tönning nach Untersuchungen an diversen Kadavern mit. Damit zerstreuten sich Befürchtungen, das hochgefährliche Seehundstaupevirus könne an die Nordsee zurückgekehrt sein und die Bestände der heimischen Robbenart akut gefährden.

Zum Jahreswechsel 1988/89 und 2002 hatten verheerende Staupe-Epidemien jeweils einen Großteil der gesamten Seehundpopulation ausgelöscht. Nun, da ein Grippevirus als Auslöser des aktuellen Seehundsterbens ausgemacht wurde, äußerte sich die Umweltschutzorganisation WWF erleichtert. "Es ist nach dem jetzigen Stand zu vermuten, dass dies alles ein natürlicher Vorgang ist und dass ein Massenaussterben nicht zu befürchten ist", erklärte deren Wattenmeer-Experte Hans-Ulrich Rösner.

Ungefähr seit Anfang Oktober hatten die amtlich bestellten Seehundranger der Nationalparkverwaltung auffallend viele tote oder schwerstkranke Tiere gefunden, die aufgrund ihres Zustands getötet werden mussten. Bis zum Montag waren es laut Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz bereits 350. Tierärzte an verschiedenen renommierten Einrichtungen hatten in den vergangenen Tagen daher etliche Kadaver genau analysiert.

"Tod ist Teil der Natur"

Nach den nun vorliegenden Untersuchungen waren die meisten der untersuchten Seehunde an dem Grippevirus erkrankt. Zudem litten die geschwächten Tiere der Behörde zufolge auch an Lungenentzündungen, ausgelöst durch Lungenwürmer oder auch Bakterien. In den nächsten Wochen würden Fachleute das Virus genauer untersuchen. Ein Grippe-Erreger war auch schon zuvor bei Seehunden nachgewiesen worden, die in dänischen und schwedischen Gewässern verendet waren.

Eine Gefährdung für den Seehundbestand in der Nordsee schloss Behördenleiter Detlef Hansen aus. "Wir gehen davon aus, dass die Seehundgrippe ein natürlicher Vorgang ist. Unsere Nationalparks sind Orte, an denen natürliche Prozesse möglich und gewollt sind." Natur bedeute eben nicht nur "blühende Salzwiesen und riesige Vogelschwärme", betonte der Chef des Landesbetriebs Küstenschutz am Montag: "Auch der Tod ist Teil der Natur."

Die Seehundbestände in der Nordsee haben sich nach den Einbrüchen durch die Epidemien des masernähnlichen Staupevirus inzwischen wieder gut erholt und erreichten zuletzt vermutlich sogar historische Höchststände. 2013 lebten an den Wattenmeer-Küsten Deutschlands, Dänemarks und der Niederlande laut offiziellen Zählungen 40.000 Tiere - und damit mehr als 1900, als schätzungsweise 37.000 Seehunde dort heimisch waren. In den vorangegangenen Jahrzehnten war die Zahl der Robben zeitweise vor allem durch die Jagd dramatisch gesunken. 1974 gab es nur noch rund 4000 Tiere.

In Schleswig-Holstein gab es 2013 rund 12.000 Tiere. Die Robben leben dort vor den Inseln Helgoland, Amrum, Föhr und Sylt, wo sie auf Sandbänken und -stränden im Sommer ihre Jungen aufziehen. Bisweilen kommt es auch ohne Seuchen zu Phasen mit ungewöhnlich vielen Todesfällen. So starben in der Saison 2009 mehr als 900 Jungtiere, das war vermutlich ein Großteil des damals aktuellen Geburtsjahrgangs. Bei Obduktionen stießen Tierärzte seinerzeit häufig auf hochgradigen Lungenwurmbefall.

Seehunde und Kegelrobben

hda/AFP

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insgesamt 3 Beiträge
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50penny 20.10.2014
1.
Die WWF sollte aber wissen, dass das Aussterben einer Art auch ein natürlicher Vorgang sein kann, und die meisten Arten durch nicht-menschliche Vorgänge ausgestorben sind. Herr Jansen hat aber meinen Respekt, ein sehr vernünftiger Sicht auf die Natur.
tko2 20.10.2014
2.
Wer hätte das gedacht. Ich jedenfalls nicht. Ich hätte erwartet, dass der "Klimawandel" dran schuld ist, so wie hier: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-35-000-walrosse-an-strand-von-alaska-a-994978.html
hartmannulrich 20.10.2014
3.
Zitat von 50pennyDie WWF sollte aber wissen, dass das Aussterben einer Art auch ein natürlicher Vorgang sein kann, und die meisten Arten durch nicht-menschliche Vorgänge ausgestorben sind. Herr Jansen hat aber meinen Respekt, ein sehr vernünftiger Sicht auf die Natur.
Wahrscheinlich war "Massensterben" gemeint, nicht "Massenaussterben", denn es geht hier ja nicht um eine gefährdete Art. Von den Wirbeltierarten, die in den letzten Jahrtausenden tatsächlich ausgestorben sind (darunter etwa ein Zehntel aller Vogelarten), dürfte keine einzige aus rein natürlichen Gründen verschwunden sein. Unter normalen Umständen wäre die Zahl der aussterbenden Arten nicht höher als die Zahl der Arten, die neu entstehen.
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