Öko-Experiment US-Regierung will Grand Canyon fluten

Spektakuläres Experiment an einem Naturwunder: Der Grand Canyon soll künstlich geflutet werden. Die US-Regierung will damit das angeschlagene Ökosystem im Fluss Colorado stärken - Umweltschützer halten die aufsehenerregende Überschwemmung für Humbug.


Jahrmillionen brauchte der Colorado River, um den Grand Canyon tief ins Gestein des US-Bundesstaats Arizona zu schneiden. Doch die Wassermassen, die für die Entstehung der atemberaubend schönen und bizarren Landschaft gesorgt haben, sind versiegt: Seit 1963 staut der Glen-Canyon-Damm den Colorado auf. Das Ergebnis ist der gewaltige Lake Powell - und ein relativ trockener Grand Canyon.

Der Damm hat den Colorado von einem warmen, schlammigen und unberechenbaren Strom in einen kühleren, klareren und streng kontrollierten Wasserlauf verwandelt. Der Nachteil: Ohne die Springfluten, die das System durchspülen, können keine neuen Ufer und Fischgründe entstehen. Die ursprünglich im Colorado beheimateten Fische sind immer seltener geworden, während sich dort fremde Arten breit gemacht haben. Vier Fischarten sind bereits aus dem Fluss verschwunden, zwei weitere sind extrem gefährdet.

Flutung soll Naturereignis simulieren

Die US-Regierung hat deshalb beschlossen, den Grand Canyon künstlich zu fluten - zum dritten Mal seit 1996. Vor rund zwölf Jahren wurden die Schleusen des Glen-Canyon-Damms erstmals geöffnet, um den natürlichen Zyklus zu simulieren. 2004 folgte ein weiterer Test.

Ein Hauptproblem des Staudamms ist die Tatsache, dass er fast das gesamte Sediment festhält, das einst durch den Colorado geflossen ist - weshalb Ufer erodiert und Lebensräume verschwunden sind. Zwar führen auch die Nebenflüsse des Colorado, der Paria und der Little Colorado, in regenreichen Jahren einiges an Sand und Sediment in den Colorado. Doch das genügt offenbar nicht.

Falls das US-Innenministerium zustimmt, wird die für März geplante Flutung voraussichtlich kilometerweit die Ufer des Flusses reinigen und neu formen. Die Wassermenge, die durch den Colorado rauscht, würde mehrere Tage lang auf rund 1160 Kubikmeter pro Sekunde steigen. Das entspräche dem Vier- bis Fünffachen dessen, was der Damm normalerweise freigibt. Wissenschaftler wollen nach dem Ende der künstlichen Flut analysieren, wie sich die Fischbestände entwickeln. Die Entscheidung des Ministeriums wird noch in dieser Woche erwartet.

Streit zwischen Umweltschützern und Behörden

Die US-Bundesbehörden betonen, dass sie an langfristigen Plänen arbeiten, um die nachteilige Wirkung des Damms auf den Colorado und den Grand Canyon zu dämpfen. Zum Symbol des Streits zwischen Behörden und Tierschützern ist der vom Aussterben bedrohte Buckeldöbel geworden, der im Colorado kurz vor dem Verschwinden steht. Sein Bestand soll sich laut Regierungsangaben nach der Flutung von 2004 wieder leicht erholt haben.

"Unser eigentliches Ziel ist es, zu erfahren, ob die Flutungen überhaupt geeignet sind, Sandbänke und Fisch-Lebensräume zu schaffen", sagte John Hamill, Leiter des Grand Canyon Monitoring and Research Center, der zum regierungseigenen US Geological Survey gehört. Umweltaktivisten argumentieren, dass durch die geplante Flutung langfristige Veränderungen des Flussmanagements verschoben würden, was den Colorado zusätzlich gefährde. Sie verlangen, den Betrieb des Glen-Canyon-Damms auf ein jahreszeitlich abgestimmtes Programm umzustellen, anstatt das Flutungs-Experiment ständig zu wiederholen.

Nikolai Lash von der Umweltgruppe Grand Canyon Trust übte Kritik an der für März geplanten Flutung: Sie sei hastig geplant worden, nachdem der Trust die Regierung wegen des fehlenden Schutzes des Colorados verklagt hatte. Das Experiment sei wieder als Einzeltest konzipiert, obwohl die meisten Wissenschaftler der Meinung seien, dass der Colorado regelmäßig geflutet werden müsse.

Die Flutung solle lediglich den Schein aufrechterhalten, dass die Regierung etwas unternehme, sagte Lash. "Es soll so aussehen, als würde das Problem mit einer Aktion aus der Welt geschafft. Auch wenn wir wissen, dass das nicht funktioniert."

mbe/AP



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