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Öko-Urlaub: Zum Naturschutz-Quickie nach Madagaskar

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Reisetrend: Auf dem Ökotrip Fotos
AFP

Immer mehr junge Menschen wollen ihrem Urlaub einen grünen Anstrich verpassen. Reiseveranstalter haben die lukrative Marktlücke entdeckt und füllen sie mit Angeboten zwischen Safari, Wellness und Sozialromantik. Doch längst nicht alle sind auch ökologisch sinnvoll.

"Willst du außergewöhnliche Erfahrungen machen? Land und Leute kennenlernen und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten?" Die Werbung des Reiseveranstalters Statravel klingt verheißungsvoll. Schließlich fehlt dem Hobbynaturschützer für ein längeres Engagement oftmals die Zeit.

Die freundliche Dame an der Hotline kennt das Problem gut. "Ein, zwei Wochen reichen aus, und Vorkenntnisse sind nicht nötig", sagt sie in aufmunterndem Ton. Rund tausend Euro kostet ein Naturschutz-Quickie, das Angebot für Naturinteressierte ist groß: "Im Königreich der Löwen" bietet acht Tage Tierschutz in Südafrika, man kann auch mit Elefanten, Affen oder Schildkröten arbeiten. Buchbar sind drei Varianten: Hilfsprojekt pur, Kombination aus Erlebnisurlaub und Umweltschutz oder Sprachkurs am Morgen und Hilfe am Mittag. "Wenn Sie mehr vom Land sehen wollen oder weniger arbeiten, können Sie Ausflüge dazubuchen", rät die Mitarbeiterin.

War Freiwilligenarbeit früher auf viele Monate ausgerichtet, geht der Trend nun zum Voluntourismus, einer Mischung aus Erholung und guter Tat. In den USA und England sind solche Angebote seit 30 Jahren etabliert, in Deutschland steigt das Interesse. Die Zielgruppe sind junge Menschen kurz nach dem Abitur oder Studium. "Sie wollen keinen Urlaub von der Stange. Sie erwarten besondere Eindrücke von Land und Leuten, gerne mit sozialem Touch", erklärt Harald Zeiss vom Institut für nachhaltigen Tourismus in Hannover.

Unrealistische Versprechen der Veranstalter

Auch Svenja Müller war nach dem Abitur für zehn Wochen als Volunteer auf Madagaskar. "Ich wollte schon länger das Land bereisen", sagt die Studentin. In einem Naturschutzprojekt in Lokobe zählte sie mit anderen Freiwilligen Reptilien und Amphibien, angeblich für ein Forschungsprojekt der Regierung. "Ich bezweifle, dass die Daten jemals verwendet wurden", sagt sie. "Es ging eher um unsere Bespaßung."

Mehrere tausend Euro hat Müller an eine britische Freiwilligenorganisation gezahlt, für drei Monate in einfachen Hütten ohne regelmäßige Stromversorgung. Kontakt zu den Einheimischen gab es nur beim Einkaufen im Nachbardorf. "Ich bin danach weitergereist. Dabei habe ich mehr über Land und Leute gelernt", so ihr ernüchtertes Fazit.

Zu einem kritischen Urteil über den Freiwilligentourismus kommt auch ein "Tourism Watch"-Bericht des evangelischen Entwicklungsdienstes. Vielen Teilnehmern sei nicht bewusst, worum es in den Projekten gehe, zumal die Veranstalter unrealistische Versprechen machen würden. "Soziales Engagement auf dem Silbertablett rettet nicht die Welt. Darüber sollte sich jeder im Klaren sein", sagt Zeiss.

Zwei bis drei Wochen zur Orientierung

Reiseveranstalter verfolgen schließlich ökonomische Interessen und richten ihre Angebote in erster Linie an den Kunden aus, weniger an sozialen Interessen. So wird in vielen Fällen nicht einmal die lokale Bevölkerung in die Planung der Angebote mit einbezogen.

Stattdessen kommen junge Menschen ohne Vorbereitung in ein fremdes Land und sollen dabei helfen, Tiere zu pflegen oder Brunnen zu bauen. "Gerade ungelernte Arbeitskräfte gibt es in diesen Ländern genug", sagt Zeiss. "Das ist wie Holz in den Wald tragen."

Auch die kurze Reisezeit ist problematisch, wie ein Blick in die Forschungsrealität zeigt. "Bis sich neue Mitarbeiter im Wald orientieren und die Tiere auseinanderhalten können, vergehen zwei bis drei Wochen. Ständig neue Touristen anzulernen, wäre gar nicht möglich", sagt Tilman Schneider, Feldforscher in einer Station des Deutschen Primatenzentrums auf Madagaskar. Statt auf Sinn suchende Jugendliche setzen die Wissenschaftler bei ihren Verhaltensstudien lieber auf Biologiestudenten mit gründlicher Vorbereitung und angelernte Einheimische, die täglich für die Station arbeiten. Das schafft Arbeitsplätze und stärkt zusätzlich die Infrastruktur des Landes.

Je länger, desto sinnvoller

Unter den richtigen Umständen hält der Biologe Freiwilligenangebote aber für durchaus sinnvoll: "Im besten Fall helfen die jungen Menschen den Projekten durch ihr Engagement, können für den Naturschutz sensibilisiert werden und sammeln in einem fremden Land Erfahrungen, die den eigenen Horizont erweitern."

In Monitoringprojekten, bei denen es um das Zählen von Tieren geht, können Freiwillige aus seiner Sicht beispielsweise nach fachgerechter Vorbereitung einen Beitrag leisten. Auch finanziell könnte das Geld, das sie für die Reise ausgeben, den oft klammen Umweltprojekten weiterhelfen. Laut Angaben von Statravel landen zwischen 20 und 70 Prozent der Einnahmen direkt bei den Projekten.

Wer sich als Freiwilliger im Naturschutz einbringen möchte, sollte die Angebote trotzdem genau prüfen:

  • Gibt es Vorbereitungsseminare?
  • Wie ist die Begleitung vor Ort?
  • Wie kann ich mich konkret einbringen?

Generell gilt: Aufenthalte über mehrere Monate sind am sinnvollsten. Für zwei Wochen Naturschutz um die Welt zu fliegen, ist schließlich schon aus Klimaschutz-Gesichtspunkten ziemlich absurd.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Entwicklungshilfe
darthmax 27.02.2014
wenn junge Leute unter dem Zeichen der Entwicklungshilfe von den Kirchen gerufen werden, findet doch nichts anderes statt, die Menschen brauchen keine unwissenden Helfer sondern fachmännischen Rat, so er gefragt wird. Aud der anderen Seite, je mehr junge Menschen andere Länder bereisen und nicht den Ballermann im Urlaub suchen sondern mit offenen Augen in diese Länder fahren, desto mehr Verständnis für andere Menschen, deren Sitten und Gebräuche ergibt sich.
2. Umweltschutz?
auweia 27.02.2014
Zitat von sysopAFPImmer mehr junge Menschen wollen ihrem Urlaub einen grünen Anstrich verpassen. Reiseveranstalter haben die lukrative Marktlücke entdeckt und füllen sie mit Angeboten zwischen Safari, Wellness und Sozialromantik. Doch längst nicht alle sind auch ökologisch sinnvoll. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/oeko-urlaub-zum-naturschutz-quickie-nach-madagaskar-a-955402.html
Wenn die Herrschaften nach Madagaskar laufen bzw. schwimmen würden, vielleicht. Dem Umweltschutz ist aber am besten gedient wenn keiner mehr unter CO2 -Ausstoß irgendwohin fährt wo er nix verloren hat. Jeder denke an den Urlaub und fasse sich an seine Nase. Genau, dafür fliegen (!) wir nach Madaskar.... Den CO2 -Footprint machen wir durch umweltfreundliche Ges
3. Mit dem Flugzeug zum Umweltschutz
steffmuc 27.02.2014
Die "engagierten" jungen Leute würden wesentlich mehr für den Umweltschutz tun, wenn sie auf den Flug (Stichwort CO2 Ausstoß) verzichten und einfach zu Hause bleiben würden. Wahnsinn, diese Doppelmoral: da können sich Leute damit brüsten, etwas für die Umwelt zu tun, während sie sie eigentlich massiv schädigen. Schade, dass das in dem Artikel überhaupt nicht thematisiert wird.
4. Wo verbleibt das Geld...
ein_braunschweiger 27.02.2014
Zitat von sysopAFPImmer mehr junge Menschen wollen ihrem Urlaub einen grünen Anstrich verpassen. Reiseveranstalter haben die lukrative Marktlücke entdeckt und füllen sie mit Angeboten zwischen Safari, Wellness und Sozialromantik. Doch längst nicht alle sind auch ökologisch sinnvoll. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/oeko-urlaub-zum-naturschutz-quickie-nach-madagaskar-a-955402.html
In diesem Fall wäre das unternehmen Statravel wirklich mustergültig. Bei den meisten Volunteer-Angeboten, die seit Jahren wie Pilze aus dem Boden spriessen, gehen nicht mal 10% an die Partner(hilfs-)einrichtungen... die Reiseunternehmen streichen lediglich einen dicken Gewinn ein. Hierzu gab es Ende letzten Jahres einen aufschlussreichen Beitrag in der ARD-Sendung Panaorama.
5. Hilfe!
rudi.waurich 27.02.2014
Am besten finde ich noch die langhaarigen Mitarbeiter kirchlicher Hilfsorganisationen, die mitten in der Nacht auf Flip Flops zu Fuß in Camps der bösen, bösen Ölindustrie auftauchen. Das Geländeauto, natürlich ohne einheimischen Fahrer, steht dann irgendwo hoffnungslos festgefahren auf einem Weg im Busch, in den kein Mensch sonst reinfahren würde. So geschehen erst wieder im Herbst 2013 in Kamerun.
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