Raubtier: Seeotter lassen Seegraswiesen blühen

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AP/ Ron Eby

Seeotter: Räuber mit großer ökologischer Bedeutung

In einer gesunden Kleintierwelt gedeihen auch Pflanzen. Manchmal jedoch sind es die größten Lebewesen, die der Vegetation Gutes tun: Seeotter lassen Seegras blühen, indem sie eine Kettenreaktion verursachen.

Kehren Seeotter an die kalifornische Küste zurück, erholen sich die Seegraswiesen. Diesen erstaunlichen Zusammenhang haben Forscher jetzt für das Flussmündungsgebiet Elkhorn Slough nahe Monterey gezeigt. Die Wissenschaftler fordern ein Umdenken im Naturschutz: Derzeit gehe es meist zuerst um die Wiederherstellung des unteren Endes der Nahrungskette. Es könne aber genauso wichtig sein, die an der Spitze stehenden Raubtiere wieder einzuführen - wie den Seeotter.

Die Gruppe um Brent Hughes von der University of California in Santa Cruz hatte Daten zum Elkhorn Slough aus den vergangenen drei Jahrzehnten analysiert. Die Seegraswiesen in dem etwa elf Kilometer langen Mündungstrichter südlich von San Francisco leiden an der Überdüngung des Meerwassers mit Nährstoffen, die von Ackerflächen ins Meer gespült werden. Diese lassen auf den Gräsern einen Algenfilm wuchern, der weniger Sonnenlicht in die Blätter vordringen lässt.

Zweimal jedoch in den letzten 30 Jahren konnten sich die Seegraswiesen erstaunlich gut erholen. Dies ging jeweils einher mit einer deutlichen Zunahme der Population der kalifornischen Seeotter (Enhydra lutris). Diese Wirkung eines Raubtiers hoch oben in der Nahrungspyramide des Ökosystems lasse sich mit einer bemerkenswerten Kettenreaktion erklären, schreiben die Autoren im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

"Richtig grün"

Die Otter fräßen große Mengen Krabben, erläutern die Wissenschaftler. Deren Beute - vor allem kleine Meeresschnecken und Meerasseln der Gattung Idotea - kann sich in der Folge stärker vermehren. Diese "Weidetiere" wiederum fressen die Algenablagerungen, die im überdüngten Wasser des Mündungstrichters die Blätter des Seegrases bedecken und damit seine Photosynthese behindern.

"Das Seegras ist richtig grün und gedeiht, wo viele Otter leben", berichtet Hughes. Seegraswiesen tragen zum Küstenschutz bei und sind eine wichtige Kinderstube für Fische und andere Meereslebewesen.

Meist betrachteten Ökologen vor allem die Auswirkungen, die Veränderungen an der Basis einer Nahrungspyramide auf die von ihr abhängigen Arten haben, wird Hughes in einer Mitteilung der Universität zitiert. Kleine Veränderungen dort könnten zu großen Verschiebungen im Artenspektrum führen.

Der Fall der Seeotter zeige aber, dass auch ein Räuber an der Spitze der Nahrungskette große Auswirkungen haben könne. "Das ist eine wichtige Erinnerung daran, dass die aus so vielen Ökosystemen verschwundenen Top-Räuber entscheidende Funktionen innehaben können."

boj/dpa

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Wir brauchen wieder
juttakristina 27.08.2013
mehr Otter! Sie sind ökologisch wertvoll und einfach wundervolle, schöne, intelligente Tiere. Ach ja, und ihr Pelz steht ihnen selbst am allerbesten.
2. Unglaublich aber wahr!
Nachnahme 27.08.2013
Wirklich unglaublich, dass in einem Ökosystem jedes seiner Bestandteile eine Wirkung auf das System hat. Wer wäre darauf gekommen?!? Einen Dank den amerikanischen Forschern!
3. Zusammenhängendes System
stani 27.08.2013
Zitat von sysopAP/ Ron EbyIn einer gesunden Kleintierwelt gedeihen auch Pflanzen. Manchmal jedoch sind es die größten Lebewesen, die der Vegetation Gutes tun: Seeotter lassen Seegras blühen, indem sie eine Kettenreaktion verursachen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/oekologie-seeotter-lassen-seegraswiesen-bluehen-a-918844.html
Solche Zusammenhänge wurden schon oft nachgewiesen. In Südamerika haben sich vor Jahrzehnten Fischer über zu viele Kaimane in einem Fluss beschwert, weil die zu viel Fisch fressen würden. Als die Reptilien dann Jahre später fast ausgerottet waren gab es aber noch viel weniger Fische. Und als die Kaimane dann unter Schutz gestellt waren und sich stark vermehrten gab es plötzlich wieder viel mehr Fische. Das ist ja alles eine über lange Zeiten eingespieltes System. Die Fischarten waren darauf angewiesen, dass es Räuber gibt die ihre kranken Artgenossen möglichst schnell verschwinden lassen, damit sich die Krankheiten nicht ausbreiten. Und kranke Fische sind für einen Krokodilier eben leichter zu erbeuten. Die Fischer hingegen schöpften mit ihren Netzen und Leinen die gesunden Exemplare ab und Jungfische. Wenn man das (dafür viel zu komplexe) Gesamtökosystem verstehen könnte, wäre alles ein Geflecht solcher Beziehungen erkennbar.
4. Nicht ganz neu
olm 27.08.2013
Den gleichen Effekt habe ich einmal im Biologie-Studium vor ca. 10 Jahren kennengelernt. Mit einer kleiner Veränderung allerdings. Hier ging es um den Zusammenhang zwischen Seeigel-fressende Seeotter, die dem Seetang wieder zu neuen Wuchs verhalfen. (Wer weitergehendes Interesse hat : http://www.nature.com/scitable/knowledge/library/species-with-a-large-impact-on-community-13240710) Das Top-Down-Prinzip bei sogenannten keystone-species ist nicht neu. Schön aber, dass ein weiteres Beispiel für die vorherrschende Harmonie in der Natur gefunden wurde und uns mal wieder vor Augen führt, dass jeder Eingriff in die Natur große Konsequenzen für Flora und Fauna nach sich ziehen kann.
5. Bemerkenswertes Detail
Ursprung 28.08.2013
Zitat von sysopAP/ Ron EbyIn einer gesunden Kleintierwelt gedeihen auch Pflanzen. Manchmal jedoch sind es die größten Lebewesen, die der Vegetation Gutes tun: Seeotter lassen Seegras blühen, indem sie eine Kettenreaktion verursachen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/oekologie-seeotter-lassen-seegraswiesen-bluehen-a-918844.html
Erstaunlich ist, dass einige Forscher und viele Menschen es fuer bemerkenswert halten, dass alles mit allem in der Biospaehre zusammenhaengt. In einer elephantoesen Realitaetsverblendung scheinen die meisten Zeitgenossen ja sonst ihrem anthropozentrischen Falschbild zu folgen, naemlich es total in Ordnung zu finden, Grosstierausrottungen gleichgueltig hinzunehmen. Dummheit ist nach Brecht halt eine natuerliche Begabung aller Menschen.
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