Ökosysteme Quallen bedrohen die Nahrungsketten im Meer

Fressen und gefressen werden - Nahrungsketten unterliegen streng organisierten Essensabläufen. Ausgerechnet Quallen, die weit unten in der Kette stehen, könnten diese natürlichen Reihenfolgen in marinen Ökosystemen durcheinanderbringen.

Von Nicole Hulka

Glibbrig und gefräßig: Quallen können in Nahrungsketten gehörig Unfug anrichten
AFP

Glibbrig und gefräßig: Quallen können in Nahrungsketten gehörig Unfug anrichten


Positiv fallen Quallen selten auf: Beim Baden im Meer möchte man die ekeligen, glibbrigen und teilweise auch gefährlichen Nesseltiere lieber nicht berühren. Mit ihren Tentakeln können Würfelquallen schwere Verbrennungen auf der Haut hervorrufen und sogar tödlich sein. Für Fischer sind sie ebenfalls eine Plage, wenn sie Fischbrut vertilgen oder massenhaft in Fangnetzen hängenbleiben.

Jetzt versetzen Quallen auch Forscher in Aufruhe: Denn die bis zu 99 Prozent aus Wasser bestehenden durchsichtigen Tiere haben sich als gefräßige Räuber entpuppt. Sie könnten die Nahrungsketten in den Gewässern der Erde auf den Kopf stellen und zahlreichen Fischen wichtige Nährstoffe wegschnappen. Forscher am Virginia Institute of Marine Science (VIMS) in den USA sowie in Kanada und Frankreich haben herausgefunden, dass die hungrigen Hohltiere Fischen lebenswichtige Nährstoffe wie Kohlenstoff wegfressen und ihn ebenso schlichtweg verschwenden.

Die Wissenschaftlergruppe um Rob Condon vom VIMS betrachtet die Zunahme von Quallenblüten in den Gewässern auf der ganzen Welt während der letzten Jahrzehnte als problematisch. Wie die Biologen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences berichten", könnte eine Zunahme der Quallenblüte dazu führen, dass die gefräßigen Tiere, die seit über 500 Millionen Jahren auf der Erde leben, den Nährstofffluss im Meer erheblich stören.

In einer Nahrungskette stehen die Lebewesen in engen Beziehungen zueinander, denn durch das gegenseitige Fressen- und Gefressenwerden findet der lebenswichtige Energie- und Stoffwechselfluss statt. Beispielsweise von Kohlenstoff, der unter anderem für den Zellaufbau der Lebewesen bedeutend ist. Eine typische Kette etwa ist: Plankton - Hering - Kabeljau - Robbe - Eisbär.

Mikroben räumen den Essenstisch wieder ab

Bakterien schließen die Nahrungskette wieder. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle, da sie organische Abfälle der anderen Meerestiere remineralisieren, also Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor und andere Nebenprodukte wiederverwerten und zurück in die Nahrungskette schleusen. Deshalb werden sie auch Destruenten genannt.

In ihrer Studie untersuchten Condon und sein Team den Weg, den die Nährstoffe gingen, nachdem Quallen, die im York River im Bundesstaat Virginia leben, gefressen hatten. In Aquarien maßen die Forscher den Kohlenstoffgehalt der organischen Abfälle, die von den Quallen ausgeschieden wurden und den Bakterien wiederum zur Verstoffwechselung dienten.

"Quallen sind gefräßige Räuber," sagt Condon. "Sie beeinflussen den Nahrungsmittelfluss, indem sie Plankton fressen, das sonst von Fischen gefressen wird." Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die ausgeschiedene Biomasse der Qualle von den Bakterien zwar aufgenommen, dabei jedoch vermehrt zur Atmung verwendet wurde - nicht aber, um zu wachsen oder sich zu reproduzieren. Die Bakterien stießen Kohlenstoff demnach hauptsächlich ungenutzt als Kohlendioxid wieder aus.

Da die Qualle nicht sofort von anderen Lebewesen gefressen wird, nachdem sie selbst gefressen hat, gelangen die Nährstoffe auch nicht weiter nach oben in die Nahrungskette. Der Kohlenstoff als eine direkte Quelle der organischen Energie für Fische und andere Lebewesen geht also einfach verloren.

Die Forscher vermuten, dass die Bakterien die Nährstoffe veratmen, weil die ausgeschiedenen organischen Abfälle der Qualle sehr reich an Kohlenstoff sind. Die Quallen in den Experimenten von Condon gaben große Mengen der kohlenstoffreichen Biomasse ab, bis zu 30-mal mehr Kohlenstoff als Stickstoff.

Ebenso arbeiteten die Destruenten schneller als gewöhnlich: "Die Bakterien bauten diese kohlenstoffreichen Ausscheidungen im Wasser mit Quallen zwei- bis sechsmal schneller ab als in Wasser ohne Quallen," sagt Condon. "Ihr Potential, die Biomasse zu verarbeiten, war um 10 bis 15 Prozent reduziert."

Die Verstoffwechselung der Quallenausscheidungen sei demnach dem Trinken eines isotonischen Getränks ähnlich, während die Verstoffwechselung von Biomasse aus Phytoplankton "dem Essen eines Hamburgers ähnlich ist." Sie stellen also keine effiziente Nahrungsmittelquelle für Seebakterien dar.

Quallen könnten Bestand der fleißigen Helfer ändern

Die Biologen machten noch eine weitere Entdeckung: Eine Zunahme der Biomasse von Quallenblüten kann die Zusammensetzung der lokalen mikrobischen Gemeinschaft ändern. "Die Biomasse der Qualle begünstigte das schnelle Wachstum und die Überlegenheit von spezifischen Bakteriengruppen, die im York River sonst selten waren," sagt Condon.

Condon fügt hinzu, dass Faktoren wie die Erwärmung der Meere durch den Klimawandel, Überfischung, oder natürliche Veränderungen des Lebensraumes in den Ökosystemen dazu beitragen könnten, die Quallenblüten in der Zukunft voranzutreiben.

In der Chesapeake Bay, in die der York River mündet, konnten die Forscher dies bereits beobachten. "Wenn diese Schwärme weiterhin vermehrt auftauchen, könnte das einen wesentlichen Einfluss auf unsere Ökosysteme haben", sagt Condon.

"Wenn wir wissen, wie Kohlenstoff durch Phytoplankton oder Mikroben verarbeitet wird, können wir besser abschätzen, wie viel Kohlenstoff-Energie für Fische verfügbar ist" sagt Condon. Die Biologen hoffen nun, mit ihren Erkenntnissen über den Nährstofffluss in den Gewässern, die natürlich vorkommenden Ressourcen der Ökosysteme viel besser beaufsichtigen und managen zu können.

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insgesamt 14 Beiträge
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Darjaan 07.06.2011
1. titel
Nein, der Mensch berdroht die Nahrungskette im Meer, nicht die Quallen...
seikor 07.06.2011
2. nichts genaues weiß man nicht...
"Sie könnten die Nahrungsketten in den Gewässern der Erde auf den Kopf stellen" "könnte eine Zunahme der Quallenblüte dazu führen" "Die Forscher vermuten" "Eine Zunahme der Biomasse von Quallenblüten kann die Zusammensetzung der lokalen mikrobischen Gemeinschaft ändern" "dass Faktoren wie die Erwärmung der Meere durch den Klimawandel, Überfischung, oder natürliche Veränderungen des Lebensraumes in den Ökosystemen dazu beitragen könnten" "Wenn diese Schwärme weiterhin vermehrt auftauchen, könnte das einen wesentlichen Einfluss auf unsere Ökosysteme haben" "Wenn wir wissen, wie Kohlenstoff durch Phytoplankton oder Mikroben verarbeitet wird, können wir besser abschätzen" Offenbar wissen die Wissenschaftler überhaupt nichts. "könnten", "können" usw. Was ist nun gesichertes Wissen?
muellerthomas 07.06.2011
3. .
Wie ähnlich sich doch Qualle und Mensch sind: Die hungrigen Hohltiere schnappen anderen Lebewesen lebenswichtige Nähstoffe weg und verschwenden diese dann einfach für heisse Luft.
nemaxmutant 07.06.2011
4. Genau
Zitat von DarjaanNein, der Mensch berdroht die Nahrungskette im Meer, nicht die Quallen...
Das wollte ich auch gerade schreiben Zuerst rottet man die natürlichen Feinde der Quallen (Thunfisch, Delfine, Schildkröten usw.) aus und dann muss der Klimawandel defür herhalten, dass sich die Quallen vermehren.
TomKnox 07.06.2011
5. Taktik
Das ganze schreit doch mittlerweile nach System. Durch EHEC wird zur Zeit das Bio Gemüse und Obst schlecht gemacht, obwohl noch keiner weiß woher es kommt. Und jetzt ist die maritime Nahrungskette auch bedroht. Da soll wohl ziemlich bald das Genmanipuliert verseuchte Essen auf den Teller kommen.
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