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Öl und Gas aus der Arktis: Big Oil auf riskantem Nordkurs

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Öl-Deal: Mega-Deal in der Arktis Fotos
REUTERS

Die neue Arktis-Partnerschaft zwischen Amerikanern und Russen verspricht ungeheure Gewinne. Doch die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen im hohen Norden ist kompliziert, teuer und voller Umweltgefahren. Die Konzerne Exxon und Rosneft stehen vor gewaltigen Herausforderungen.

Man kann unvorstellbar viel Geld verdienen in der Arktis. Kaum jemand weiß das so gut wie Don Gautier. Der Kalifornier hat für den Geologischen Dienst der USA (USGS) ein inzwischen legendäres Gutachten betreut. Das sogenannte Circum-Arctic Ressource Appraisal besagt, dass sich rund 13 Prozent der noch nicht von Geologen aufgespürten Ölvorräte der Welt in der Arktis befinden. Außerdem - und das ist noch viel interessanter - schlummern der Studie zufolge dort etwa 30 Prozent der unentdeckten Gasreservoirs.

Es geht also um viele, viele Milliarden. Und besonders reichlich mit Gasvorkommen gesegnet ist nach Gautiers Statistiken das flache Schelfmeer vor der sibirischen Küste. Vor allem auf dieses Gebiet zielen die beiden Ölkonzerne Exxon und Rosneft mit ihrer am Dienstag bekanntgegebenen Kooperationsvereinbarung. Bisher durften nur Gazprom und Rosneft in der geologisch attraktiven Region operieren. Für Exxon ergibt sich nun eine einmalige Chance, die der Konkurrenz von BP verwehrt geblieben war.

Für Big Oil sind die russischen Reservoirs verlockend - auch weil die Konzerne Schwierigkeiten haben, in anderen Teilen der Welt an neue Lagerstätten zu kommen. Doch noch wichtiger sind die Öl- und Gasvorkommen für die Regierung in Moskau. Die Russen haben gar keine andere Wahl als bei der Treibstoffsuche in bisher kaum erschlossene Regionen des Landes auszuweichen. Nur so lässt sich das Produktionsniveau des Landes halten.

Riesige Investitionen, riesige Probleme

Neben der Insel Sachalin im Fernen Osten engagieren sich Rosneft und Gazprom deswegen massiv in der Arktis. An Land geht es dort vor allem um das Gebiet der Jamal-Halbinsel, im Meer um das sibirische Schelf. Nun will also Exxon in das Geschäft einsteigen, doch die Erschließung der polaren Rohstofflager ist besonders aufwendig. Die Voraussagen der USGS-Geologen basieren allein auf Statistik - über die Förderkosten sagen sie nichts aus. Für Ostgrönland haben die Wissenschaftler exemplarisch durchgerechnet, dass selbst bei Ölpreisen jenseits von 300 Dollar pro Barrel nur ein Bruchteil der vorhandenen Rohstoffe gewinnbringend ausgebeutet werden könnte.

In der extrem dünn besiedelten Region muss außerdem erst eine ganze Infrastruktur aufgebaut werden: Straßen, Flugplätze, Unterkünfte, Pipelines. Rosneft kann durch den Exxon-Deal hier auf dringend benötigtes Kapital hoffen. Dazu kommen massive technische Herausforderungen bei der Offshore-Förderung, trotz der vergleichsweise geringen Wassertiefen. Auch hier bringen die Amerikaner eine wichtige Mitgift in die Partnerschaft ein.

Und doch bleiben die Herausforderungen immens, denn die Russen haben gehörigen Nachholbedarf: Bis heute gibt es keine einzige Offshore-Förderung vor der Nordküste des Landes. Im kommenden Jahr nimmt zwar die Plattform "Prirazlomnaya" 60 Kilometer von der Küste entfernt den Betrieb auf. Doch weitere Projekte fehlen. Die seit Jahren geplante Förderung am Schtokman-Gasfeld etwa verschiebt sich immer wieder.

Eigentlich soll das bereits 1988 entdeckte Reservoir mit französischer und norwegischer Hilfe erschlossen werden. Doch das Mega-Vorhaben ist dermaßen technisch anspruchsvoll und teuer, dass nicht klar ist, ob und wann eine schwimmende Produktionsplattform dort tatsächlich Gas fördern wird. Zwei große Bohrinseln, die ursprünglich für Schtokman gedacht waren, hat Gazprom in diesem Sommer erst einmal nach Sachalin abkommandiert.

Erinnerungen an die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

Und was die Ölplattform "Prirazlomnaya" angeht: Große Teile der Konstruktion stammen von einer Anlage, die früher in der Nordsee ihren Dienst tat. Umweltschützer befürchten, dass sie den widrigen Bedingungen nicht standhält. Immerhin türmen sich während der Hälfte des Jahres hier Eisschollen zum Teil haushoch auf dem Wasser. Ihre Notfallpläne mag die Firma nicht veröffentlichen.

"Wir erinnern uns sehr gut an die Tragödie vom vergangenen Jahr im Golf von Mexiko", sagte Russlands Premier Wladimir Putin auf einer Kabinettsitzung im Juni. "Wir erinnern uns an die Kosten für die Natur und die Menschen." Daran aber zweifelt mancher - selbst wenn Gazprom verspricht, anrückende Eisberge mit Spezialschiffen von der Plattform fernzuhalten. Gerade haben Ingenieure der Firma sogar Pläne vorgestellt, die eisigen Riesen mit heißem Wasser einfach aufzulösen.

Doch bei allem Fortschrittsglauben bleiben Zweifel. Wie erfolgreich kann der Kampf gegen einen Ölunfall in der Dunkelheit der Polarnacht verlaufen? Welche Technik wäre überhaupt verfügbar, um gegen die schwarze Flut zu kämpfen? Und wie würden die sensiblen Ökosysteme der Region eine Belastung mit Öl wegstecken? Exxon und Rosneft werden diese Fragen beantworten müssen. "Es ist klar, dass es in der Umgebung der Arktis weder die Technologie noch die Kapazitäten gibt, um auf Ölunfälle zu reagieren", warnte Alexander Schestakow, Chef des WWF-Arktisprogramms. "Das ist nicht nur die Meinung einer Umweltorganisation, das ist ein anerkannter Fakt."

Und doch zieht es neben Gazprom, Rosneft und Exxon zahlreiche Ölfirmen in die Arktis. So bohrt der schottische Konzern Cairn Energy vor Grönland. Lukoil, Russlands zweitgrößter Ölkonzern, will vor der norwegischen Küste aktiv werden. Und der britisch-niederländische Petroriese Shell hat die amerikanische Arktis im Blick. Das Unternehmen müht sich durch eine langwierige Genehmigungsprozedur, die in diesem Sommer entscheidend vorangekommen ist.

Die Polar-Enthusiasten zieht es in küstennahe Gewässer. Deswegen hat der Run der Unternehmen mit dem öffentlichkeitswirksamen Gerangel der Staaten um die Gegend rund um den Nordpol kaum etwas zu tun. Im Gegenteil: In politisch stabiler Umgebung hoffen sie auf satte Gewinne.

Vielleicht aber sollten sie zuvor bei Don Gautier anrufen. Denn der ist inzwischen ziemlich enttäuscht von den Lagerstätten, die er selbst prognostiziert hat. Seit Jahren warnt er: "Die Arktis wird niemals den Nahen Osten ersetzen können" - auch wenn sie unvorstellbar viel Geld verspricht.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. *
jomarten, 31.08.2011
Zitat von sysopDie*neue Arktis-Partnerschaft zwischen Amerikanern und Russen verspricht ungeheure Gewinne. Doch die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen im hohen Norden ist kompliziert, teuer*und voller Umweltgefahren. Die Konzerne Exxon und Rosneft stehen vor gewaltigen Herausforderungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,783497,00.html
Was schert uns die Umwelt? Wichtig ist allein, daß unsere Autos fahren können.
2. ...
XmexxX 31.08.2011
Und wieder vernebeln Macht und Reichtum den Menschen die Sicht...
3. -
dongerdo 31.08.2011
Wurde Palin damals nicht von allen Seiten niedergemacht weil sie für Bohrungen in der amerikanischen Arktis war?? (Ich erinnere mich noch an "Drill, baby, drill!") Hat nicht sogar Obama selbst ihr das massiv um die Ohren geschlagen? Wie kann es sein dass Exxon laut Artikel mit Plänen zu genau diesen Bohrungen im Sommer "entscheidend vorangekommen" ist? Unsere Politik ist ja schon traurig, aber in den Staaten spielt es ja gar keine Rolle mehr wen man wählt.... Bitter.
4. Was soll man dazu noch sagen?
kutny 31.08.2011
Das ist wirklich lustig, durch die selbst verursachte Klimaerwärmung haben wir glücklicherweise das Eis der Arktis soweit schmelzen lassen, daß wir noch mehr Öl produzieren können um das Klima weiter zu erwärmen. Dazu fehlen einem eigentlich schon die Worte.
5. .
soulbrother 31.08.2011
Erzählen Sie das doch mal den Bewohnern und Meeresbewohnern im Golf von Mexiko, das sind kompetente Ansprechpartner in diesen Fragen.
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