Aus Grand Isle, Louisiana, berichtet Philip Bethge
Lasseigne lebt mit seiner Familie in einem der typischen Stelzenhäusern aus Holz direkt an den Docks. Katastrophen sind seine Frau Julie und er gewohnt. Hurrikan "Katrina" zerstörte das Haus fast komplett. Über Monate kampierte die Familie im verschont gebliebenen Schlafzimmer. "Wir waren gerade wieder auf den Beinen", sagt der Fischer. Dann kam das Öl. Nun sind die Fischgründe bereits seit Tagen geschlossen. Lasseigne kann nur noch in seinem Wohnzimmer sitzen und im Fernseher die täglichen Hiobsbotschaften verfolgen. Die Untätigkeit zermürbt ihn. Ein letztes Dutzend lebender Blaukrabben hat der Fischer am Morgen noch aus den Meerwasserbecken unter dem Haus geholt. "Heute Abend gibt es das letzte Krebsfleisch", sagt er.
Die Lasseignes setzten Krabbenkörbe in die flachen Marschen; sie säten jährlich neu die Austern; sie jagten den Shrimps nach. Direkt vor dem Haus liegt die "Braty Princess" an der Pier, die "verzogenen Prinzessin", benannt nach Lasseignes 14-jähriger Tochter. Im Bauch des 12-Meter-Kutters arbeitet eine robuste 450 PS Cummings-Maschine, der ganze Stolz des Fischers. Bis zu 3000 Pfund Shrimp konnte die Familie damit täglich einholen. Direkt vor dem eigenen Haus verkauften sie den Großteil des Fangs.
Und sie kamen ja gut über die Runden. 50.000 bis 80.000 Dollar machte die Familie im Jahr. Doch nun? Julie Lasseigne, 43, kennt nur das Meer. Ihrem Mann Floyd geht es genauso. Nach der achten Klasse schmiss er die Schule. Mit 18 lieh er sich 25.000 Dollar und kaufte sein erstes Boot. Kurz darauf heiratete er seine Julie, sie gerade 16. Er kann nicht buchstabieren und nur schlecht lesen. "Das hier ist die einzige Chance, die ich habe", sagt der Fischer. Die Einzige? "Die Ölindustrie", sagt er, "ich kann für die Ölindustrie arbeiten."
Die meisten Familien in der Region leben vom Fisch und vom Öl
Das ist der Konflikt in diesem Landstrich, diesem Gewirr aus Wasserläufen, Salzwiesen, Stränden und Meer. Kaum zehn Kilometer Luftlinie von Lasseignes Haus entfernt liegt Port Fourchon, der wichtigste Ölhafen der ganzen Golfküste, eine Boomtown, seit das Bohren in der Tiefsee populär geworden ist. Hier wurde die Stahlglocke gefertigt, die ursprünglich den Ölfluss draußen auf dem Meer stoppen sollte. Hier liegen Hunderte von Booten, unabdingbar für die Versorgung der Ölplattformen. Und auch weiter im Inland reiht sich eine Raffinerie, ein Öltank an den nächsten.
Öl und Fisch mischen sich hier seit Jahrzehnten, in dieser Region, die von den Cajuns, den Nachfahren der einst aus Kanada eingewanderten französischen Siedler, geprägt wird. Und die meisten Familien leben ja von beidem. Lasseignes älterer Sohn Blake, 24, arbeitet als Kranführer in Port Fourchon. Der 22-jährige Trent dagegen hat längst seinen eigenen Kutter. Alles hängt zusammen, und bislang wagen nur wenige, laut zu sagen, was sie denken. Doch langsam platzt den Einheimischen der Kragen.
Dean Blanchard ist einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er ist "Shrimp-Broker" in der fünften Generation, einer der größten der USA. Er macht die Krabben der Einheimischen zu Geld. 1400 Fischer sind bei ihm unter Vertrag. Bis zu 400.000 Pfund Krabben täglich verkauft der 51-Jährige. 60 Millionen Dollar Umsatz macht er im Jahr.
Blanchard fährt im schwarz lackierten Hummer-Militärfahrzeug zur Arbeit und macht gerne rassistische Witze. Sein Büro direkt am Hauptkai von Grand Isle ist eine einzige gelb-lilane Hommage an die LSU-Tigers, das Football-Team der Louisiana State University. Der braungebrannte Geschäftsmann mit strammem Kurzhaarschnitt ist keiner, der Gefühle zeigt. Doch jetzt sitzt er hier im Kunstledersessel seines Büros und führt dieses Video vor. Es zeigt ihn, wie er vor ein paar Tagen ein Fernsehinterview gibt; wie er seine Heimat beschreibt, die im Öl versinkt; wie ihm dann die Tränen kommen.
Was wird aus Fischern wie Floyd Lasseigne?
"Ich musste schon 65 Arbeiter nach Hause schicken", sagt Blanchard. Auch die übrigen 20 müssten vermutlich in den nächsten Tagen gehen. Dabei hatte sich gerade eine der besten Saisons seit Jahren angekündigt; der Winter war kalt, die Bedingungen günstig. Sein Blick geht hinaus auf den Bayou direkt vor seinem Bürofenster. Ich weiß, was bald geschehen wird, sagt dieser Blick; aber er sagt auch: Begriffen habe ich es noch lange nicht. "In einer Woche ist hier alles braunrot vom Öl." Und dann? Blanchard zögert. Er sagt: "Ich glaube nicht, dass ich lange genug leben werde, um noch zu sehen, wie das hier wieder zu dem wird, was es einmal war."
Blanchard wird es nicht schlechtgehen. Er verliert zwar, was nicht bezahlbar ist. Er wird aber auch einen Millionendeal mit BP aushandeln, der ihm einen Neuanfang ermöglicht. Doch was wird aus Fischern wie Floyd Lasseigne?
Für drei bis vier Monate sei noch Geld da, berichtet der Fischer auf dem Rückweg von seinen Austerbänken. Das hier ist Lasseignes kleine Welt. Mehr kennt er nicht. "Ich muss zuversichtlich sein", sagt er, "was soll ich sonst machen? Mich erschießen?" Dann steuert er sein Boot routiniert zurück in den Hafen. Die Sonne steht tief und taucht die Landschaft in goldenes, sanftes Licht. Im Wasser vor dem Pier baden Kinder. Für einen Moment könnte man meinen, es würde die Ölpest gar nicht geben.
Als der Fischer anlegt, kommt seine Frau hinzu. Werden sie BP verklagen? "Wir glauben nicht an Anwälte", sagt Julie Lasseigne, Fischerin von Grand Isle, Louisiana, und nun im Clinch mit dem Ölriesen BP: "Wir sind gläubige Katholiken; Gott wird uns den Weg weisen."
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