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Ölpest im Golf von Mexiko: Berauscht vom Bohr-Boom

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Golf von Mexiko: Der verzweifelte Kampf gegen das Öl Fotos
AP

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entlarvt die Schwachstellen der Tiefseebohrung: Die Förderfirmen bauen immer größere Anlagen, doch auch die Risiken steigen. Auf der Plattform "Deepwater Horizon" wurde auf ein spezielles Sicherheitssystem verzichtet - möglicherweise aus Kostengründen.

Hamburg - Es wird lange dauern, den Fluss der braunen Brühe am Grund des Golfs von Mexiko zu stoppen - so viel ist längst klar. Doch nur langsam lässt sich ermessen, wie kompliziert die Arbeiten an dem betroffenen Ölfeld im Mississippi Canyon Block 252 tatsächlich werden. Das wohl größte Umweltdesaster der USA seit dem Untergang der "Exxon Valdez" im Jahr 1989 wird sich in die Länge ziehen, weil die derzeit verfolgten Lösungsansätze viel Zeit brauchen - und auch nicht mit letzter Sicherheit Erfolg versprechen. Zum einen sollen riesige Stahlbehälter von oben auf die Lecks in 1500 Metern Tiefe gestülpt werden, zum anderen wollen der Plattformbetreiber Transocean und der Ölkonzern BP das Bohrloch verschließen.

Das Einsammeln des Öls direkt an der Quelle erscheint plausibel, ist aber extrem kompliziert. Erst eine der drei nötigen Kuppeln ist nach Auskunft von BP fertiggestellt, zwei weitere werden derzeit gebaut. Arbeiten dazu laufen auf dem Gelände des Unternehmens Wild Well Control in Port Fourchon im US-Bundesstaat Louisiana. Der Transport der riesigen Konstruktionen zur Unglücksstelle, gut 64 Kilometer vor der Küste, braucht zusätzlich Zeit. "Innerhalb der nächsten paar Wochen werden die Kuppeln an ihrem Platz sein", sagt BP-Sprecherin Sheila Williams im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Abgepumpt werden soll das eingesammelte Öl vom Spezialschiff "Discoverer Enterprise". Es kann bis zu 3,2 Millionen Liter Öl pro Tag aufnehmen und maximal knapp 20 Millionen Liter lagern. Anschließend soll der 48 Millionen Liter fassende Tanker "Overseas Cascade" die Ladung übernehmen und an Land bringen. Nach Schätzung der US-Küstenwache strömen durch drei Lecks an der Unglücksstelle derzeit 800.000 Liter Öl am Tag aus. Theoretisch müsste die Kapazität also ausreichen.

Doch das Ölsammelsystem ist bisher nur in flachem Wasser getestet worden - niemand weiß, ob es auch bei dem hohen Druck am Grund des Golfs von Mexiko funktioniert. Derzeit bauen Spezialisten die Anschlüsse von der Sammelkuppel zur "Discoverer Enterprise". Auf einen schnellen Stopp des Ölflusses zu hoffen wäre also falsch.

Öl wird noch wochenlang sprudeln

Außerdem arbeiten Fachleute von BP und Transocean daran, das Bohrloch zu verschließen. Doch selbst wenn der Versuch Erfolg haben wird, wird das Öl vorher wohl zwei bis drei Monate sprudeln. Nötig ist nämlich eine komplett neue Bohrung. "Die Plattform ist vor Ort", sagt Sheila Williams von BP. Innerhalb von 48 Stunden würden die Arbeiten an Bord der "Development Driller III" starten, alle Genehmigungen seien mittlerweile erteilt.

Doch die Arbeiten sind extrem langwierig und kompliziert. Das Reservoir tief unter dem Golf von Mexiko muss nämlich von der Seite angebohrt werden. Nach mehreren hundert Metern Weg unter dem Meeresgrund gilt es anschließend, genau die Leitung der havarierten "Deppwarter Horizon" kurz vor ihrem unteren Ende treffen - um sie anschließend mit einer Spezialflüssigkeit und Beton zu verschließen. Doch ob das klappt, ist alles andere als sicher. Deswegen bereitet man sich bei BP auch darauf vor, einen zweiten Bohrversuch zu starten. Die Firma geht nach eigenen Angaben davon aus, dass die Bohrarbeiten rund hundert Millionen Dollar kosten werden. Aufräumkosten für BP liegen derzeit bei sechs Millionen Euro pro Tag.

Vergleichsweise billig wäre hingegen ein Bauteil gewesen, über das derzeit diskutiert wird: ein Notschalter für den sogenannten Blow-out Preventer der gesunkenen Plattform. Der tonnenschwere Stapel von Ventilen gilt als Schlüssel zur Aufklärung des Unglücks. Eigentlich soll das System die Leitungen mit brutaler Gewalt verschließen, wenn Öl und Gas unkontrolliert aus dem Bohrloch austreten und nach oben zur Förderplattform schießen.

Rätselhaftes Versagen der Ventile

Doch auf der gesunkenen "Deepwater Horizon" versagte der Blow-out Preventer am vergangenen Dienstag offenbar. Der Branchendienst "Upstream online" berichtet, Mitarbeiter der Plattform hätten ausgesagt, dass sie den Schalter erfolglos betätigt hätten. Fakt ist: Auch nach dem Unfall ließen sich die Ventile nicht bewegen, trotz langwieriger Versuche mit ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen. Mittlerweile hat BP sogar bei der US-Armee um spezielle Tauchtechnik nachgesucht, um die Bemühungen fortzusetzen.

Das Bohrloch-Sicherheitssystem der US-Firma Cameron wurde im Jahr 2001 gebaut und verfügt nach Auskunft von BP über zwei verschiedene Schalter zur Aktivierung im Unglücksfall. Das "Wall Street Magazine" berichtet, dass die Plattformbetreiber aber auf ein drittes Schaltsystem bewusst verzichtet hätten - möglicherweise aus Kostengründen. Das Gerät, das den Blow-out Preventer über Schallwellen aktivieren soll, würde laut dem Bericht lediglich 500.000 Dollar kosten - was in etwa einer Tagesmiete für die Bohrplattform entspricht.

In Brasilien sind die Fernbedienungen vorgesehen, in Norwegen ebenfalls: "Wir schreiben ein alternatives Schaltsystem vor - und die meisten Firmen haben sich für einen akustisches System entschieden", sagt Inger Anda von der norwegischen Behörde für die Sicherheit von Ölanlagen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch in den USA waren sie kein Muss. Das könnte sich ändern, wenn die aktuelle Krise eines Tages auch juristisch aufgearbeitet wird.

Bei BP stellt man indes wieder und wieder klar, dass die Verantwortung für die Sicherheitstechnik beim Plattformbetreiber Transocean lag. Doch der Imageschaden für beide Firmen ist längst enorm: Zu aktuellen Kursen hat BP seit dem Sinken der "Deepwater Horizon" rund 26 Milliarden Dollar an Börsenwert eingebüßt. Bei Transocean summieren sich die Buch-Verluste auf mehr als 4,27 Milliarden Dollar.

Mit Material von AP

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