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Reinigung nach Ölpest: Amnesty wirft Shell Lüge vor

Ölfelder in Awoba im Nigerdelta: "13 von 15 Gebieten sind noch immer verseucht" Zur Großansicht
AFP

Ölfelder in Awoba im Nigerdelta: "13 von 15 Gebieten sind noch immer verseucht"

Laut einem Bericht zweier Menschenrechtsorganisationen ist das Nigerdelta noch immer stark mit Öl verschmutzt. Der Mineralölkonzern Shell habe die Gebiete nicht ausreichend gesäubert - entgegen eigenen Angaben.

Der Mineralöl-Gigant Shell hat nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen die Öffentlichkeit vorsätzlich getäuscht und behauptet, vier stark verschmutzte Gebiete im nigerianischen Nigerdelta gesäubert zu haben. Wie Amnesty International und das Zentrum für Umwelt, Menschenrechte und Entwicklung (CEHRD) in einem Bericht mitteilten, ist die Kontaminierung im größten Ölfördergebiet Afrikas noch immer mit bloßem Auge sichtbar.

"Jeder, der die verschmutzten Standorte besucht, kann sehen und riechen, wie die Verseuchung sich ausgebreitet hat", sagt Amnesty-International-Forscher Mark Dummett. Zwischen Juli und September hätten Aktivisten festgestellt, dass 13 von 15 Gebieten noch immer verseucht seien - entgegen anderslautenden Angaben von Shell und der nigerianischen Regierung, schreiben die Menschenrechtsorganisationen. Tausende Menschen seien weiter der Gefährdung ausgesetzt.

Shell habe bereits vor Jahren angegeben, die Standorte gereinigt zu haben. Tatsächlich seien die meisten Vorgaben eines damals veröffentlichten Uno-Berichts jedoch nicht oder unzulänglich umgesetzt worden.

Korrupte Umweltbehörde

Die Menschenrechtsorganisationen machen in ihrem Bericht aber auch die nigerianische Regierung für die anhaltende Umweltverschmutzung zumindest mitverantwortlich. Die nationale Umweltschutzbehörde sei unterbesetzt und korrupt, hieß es.

Shell wies die Vorwürfe der Menschenrechtsorganisationen zurück. In einem Brief des Konzerns hieß es, Shell habe auf alle Empfehlungen der Vereinten Nationen hin reagiert und sein Vorgehen öffentlich dokumentiert.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen hatte die Gebiete 2011 als hoch vergiftet eingestuft. Die Behörde hatte in ihrem Bericht geschätzt, dass die Säuberung des Niger-Deltas die bislang weltgrößte Umweltreinigungsaktion werden und sich über einen Zeitraum von 25 bis 30 Jahren erstrecken könnte. Sie rief die Ölindustrie und Nigerias Regierung auf, sich mit zunächst einer Milliarde Dollar (circa 910 Millionen Euro) an der Aktion zu beteiligen.

"Ölunfälle haben eine verheerende Wirkung auf den Boden, auf Wälder und Fischgründe, auf die Tausende von Menschen im Nigerdelta für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind", so Dummett. Die Menschen seien dort von Erdöldämpfen, ölverkrustetem Boden und Ölteppichen umgeben.

Nigeria ist der sechstgrößte Ölproduzent der Welt. Shell betreibt ungefähr 50 Ölfelder und 5000 Kilometer Ölpipelines im Nigerdelta. Der Konzern habe sich zu fast 1700 Ölunfällen seit 2007 bekannt, doch die tatsächliche Zahl der Unfälle sei vermutlich höher, teilte Amnesty mit.

Im März 2015 hatte nach Shell auch der französische Total-Konzern angekündigt, sich aus dem Gebiet zurückziehen zu wollen. Die Ölförderung in Niger scheint sich für die Konzerne immer weniger zu lohnen. Amnesty International hatte Shell bereits im August 2014 vorgeworfen, zu wenig gegen die Umweltschäden im Nigerdelta zu tun. Nach einem außergerichtlichen Vergleich hatte Shell den Fischern und Farmern in der Region 55 Millionen Pfund (70 Millionen Euro) Entschädigung gezahlt.

Der aktuelle Bericht der Menschenrechtsorganisationen erscheint eine Woche vor dem 20. Jahrestag der Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa. Er wurde 1995 nach einem geheimen Prozess von Nigerias damaliger Militärregierung wegen Mordes verurteilt und hingerichtet. Zuvor hatte er maßgeblich Anteil daran, dass die durch Ölförderung verursachten Umweltschäden im Niger-Delta ins Interesse der Weltöffentlichkeit rückten.

jme/dpa/AFP

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
mermes 03.11.2015
seit den 70er jahren brennen dorz die fackeln , wo das erdgas verbrannt wird, nur weil es bequemer ist so oel zu foerdern. das ganze gebiet ist verseucht & die bevoelkerung hat das nachsehen. vor winigen jahren sagte der shellmanager vorm europäischen gerichtshof !!!grinsent!!!! das er damit nichts zutun habe, mit dem wissen.. das die eu keine macht in diesem Teil der Welt hat. dankeschoen.
2. Tanke nie bei Shell
Mertrager 03.11.2015
Es gibt da noch mehr. ZB Ken Saro-Wiwa. Und da gibt es wirklich Leute, die mich fragen, warum nie zu Shell. Und dann sagt man schlau, na denkst Du, dasz die Anderen besser sind ? Deshalb am besten ein Ranking einführen ;-(
3. Ken Saro-Wiwa
sumoh 03.11.2015
Am 10. November ist der 20. Jahrestag des Todes von Ken Saro-Wiwa. Er wurde mit acht Mitstreitern gegen Shells Umweltzerstoerung von der nigerianischen Regierung exekutiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Saro-Wiwa
4. Sauber und Sauber
michel-watcher 03.11.2015
Tja, Ölfirmen fördern Öl und dass sie dabei Umweltauflagen beachten müssen, entspringt nicht einer ökologischen Überzeugung, sondern ist für die Mineralölforderer eine lästige Aufgabe, zu der sie gezwungen werden müssen. Denn es ist klar: Jede Reinigungsaktion, jede Vorsichtsmaßnahme kostet die Konzerne viel Geld, das von den Gewinnen abgeht. Wäre da nicht die Sache mit dem Image, käme es wohl noch weitaus öfters zu Gerichtsverfahren, da Strafzahlungen oftmals billiger kommen. So wie auch in dem berichteten Vergleich in Nigeria. Und auch Bestechung lohnt sich aus ökonomischen Gesichtspunkten: So erhält man einen Blanko- Scheck für wenig Geld und der Ärger bleibt vorerst aus. Außerdem sind die Konzerne sehr geschickt darin, andere Ursachen zu finden, umso einfacher, wenn man vor Ort unverdächtige 'Partner' hat. So unterstützte Shell jahrelang das Apartheits- System in Süd- Afrika aus reinem Eigeninteresse (90er: Shell betankt Apartheid) und so läuft es noch heute in weiten Teilen der Erde. Dass aber sogar Umweltorganisationen, deren originäre Aufgabe der Schutz dieser ist, nun noch bei diesem dreckigen Spiel mitmachen, ist eine andere Qualität.Doch unabhängig davon machen sich die Ölkonzerne zunutze, dass es keinen ultimativen Maßstab für 'sauber' gibt. Da wird dann jahrelang gestritten, wobei ein Teil der Kontamination 'verschwindet' und am Ende ist der 'Schaden' für den Konzern geschrumpft. Doch das Verbrechen an der Natur ist damit natürlich größer. Solange stark umweltsensible Bereiche dem reinen Marktkapitalismus unterworfen werden, wird sich hier nichts ändern. Dies könnte man nur, wenn man sich von Staats wegen um diese Sache kümmern würde. Doch dies würde voraussetzen, dass die Staaten nicht korrupt sind. Im Falle Nigerias (und zahlreichen anderen) aber ist dies nicht gegeben. Und so wird das wohl weitergehen, die Fördergebiete werden als kontaminierte Müllhalde zurückgelassen und man zieht weiter zur nächsten schwarzen Goldgrube. Und da sich die Fördertechniken immer weiter verfeinern, wird das wohl noch einige Jahrzehnte so weitergehen, auch, weil die wohlhabenden Länder immer mehr Spritfresser produzieren und kaufen und das aktuelle Überangebot den Run auf SUVs und PS-starke Modelle weiter anfacht und alternative Antriebe so kaum eine Chance haben. Dabei gibt es Elektro- Erfolge aus Skandinavien, weil dort echtes Interesse herrscht. Im Autoland D. ist dies leider nicht so...
5. @ Mertrager & sumoh
LaínEntralgo 03.11.2015
Vielen Dank für die Info und den Link! Zwei Dinge erstaunen mich immer wieder: wieviel man trotz Interesse und ständiger Recherche dann doch nicht mitbekommt und die anscheinend grenzenlose Skrupellosigkeit vieler Großkonzerne. Was sind diese für Werksdirektoren/Abteilungsleiter/Aufsichtsrazsvorsitzenden nur für Menschen, daß sie bei einer solchen direkten Schuld noch ruhig schlafen können?
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