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Ölpest in Dalian: Chinas verheimlichte Katastrophe

Aus Dalian berichtet

Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit kämpft China mit einer riesigen Ölpest. Behörden verschleiern das Ausmaß, der Ölkonzern feiert den Sieg über die Katastrophe - während Helfer in Dalian noch die klebrige Flut mit Strohballen abzuschöpfen versuchen.

China: Ölpest in der Bucht von Dalian Fotos
REUTERS

Immer wieder spülen die Wellen Ölschlick heran. Immer wieder werfen die Männer neue Strohmatten ins Meer, um die klebrige Masse zu binden. Sobald sich das Stroh mit Öl vollgesogen hat, zerren sie die pechschwarz verfärbten Bündel mit bloßen Händen ans Ufer - auf die Haufen, die sich dort stapeln und aussehen wie toter Seetang.

Am 16. Juli sind im Nordosten Chinas zwei Ölleitungen explodiert - und seither nimmt die Ölflut kein Ende.

Der Mann, der den Einsatz an der Bucht von Dalian überwacht, heißt Yu, doch alle nennen ihn nur Lao Da, großer Bruder. Der 50-jährige Fischer befehligt den Kampf gegen das Öl von seinem silbergrauen Isuzu-Geländewagen auf der Böschung aus. Der Übelkeit erregende Ölgestank lässt sich hier oben besser aushalten. Dennoch bekämpft Lao Da den Geruch mit einer Zigarette nach der anderen. Von der Obrigkeit im nordostchinesischen Dalian hat er den Auftrag erhalten, diesen Strandabschnitt von den Spuren des angeblich größten Öldesasters in Chinas Geschichte zu beseitigen.

Offiziell ist die Katastrophe kaum noch Thema. Dalians Bürgermeister Li Wancai hat längst den "entscheidenden Sieg" über die Katastrophe verkündet, die sich hier im Industriegebiet ereignet hat. Doch die Ölpest wütet in Wahrheit weiter.

Dann lief etwas schief

Die Unglücksstelle liegt auf einer Halbinsel, auf der sich zahllose Tanks für Öl und Gas so dicht aneinander reihen, als wolle man keinen Zentimeter verschenken. China dürstet nach Energie. In Dalian wurde im ersten Halbjahr 35,3 Prozent mehr Öl gelöscht als im selben Zeitraum des Vorjahrs. Aber dann lief etwas schief: Beim Entladen eines Öltankers explodierten am 16. Juli zwei Pipelines, die Rauchwolken konnten Lao Da und seine Mannen kilometerweit sehen. Noch immer riegeln Polizisten in schwarzen Uniformen den Unglücksort weiträumig ab, an einer Straßensperre weisen sie Neugierige misstrauisch ab.

Fragen nach Hergang und Folgen der Katastrophe sind nicht erwünscht; die Behörden bemühen sich, das Geschehen vergessen zu machen. Sie bezifferten die Menge auf nur 1500 Tonnen Öl, das sich auf einer Fläche von 183 Quadratkilometern ausgebreitet und 50 Quadratkilometer schwer verseucht habe. Dagegen stuft Greenpeace-Berater und Meeresbiologe Richard Steiner von der University of Alaska die Lage als ernster ein: Bis zu 90.000 Tonnen Öl könnten demnach kurz nach der Explosion ins Gelbe Meer geflossen sein. Das meiste wurde in Kleinarbeit wieder von der Wasseroberfläche geschöpft und zu Sammelstationen gebracht.

Wie lange und wie schwer Dalian tatsächlich unter den Folgen der Ölpest zu leiden haben wird, lässt sich an diesem schwarz verklebten Strand nur erahnen. Die Anwohner sprechen offen darüber, dass die Meeresverschmutzung noch dadurch verschlimmert wurde, dass die Verantwortlichen vorsätzlich große Mengen Öl ins Meer fließen ließen. Auf diese Weise wollten sie verhindern, dass das Feuer auf einen benachbarten Tank für Dimethylbenzol übergriff - eine giftige Chemikalie.

Hausfrauen im Ölschlamm

Der Unfall traf den verantwortlichen staatlichen Energiekonzern China National Patroleum Corporation (CNPC) und die Behörden unvorbereitet. Aus Mangel an professionellen Katastrophenbekämpfern mobilisierten sie lokale Fischer, Rentner, Studenten und Hausfrauen. Mit Eimern und Essstäbchen, meist ohne Atemmasken und Schutzkleidung schöpften sie den giftigen Ölschlamm aus dem Meer. Ein Feuerwehrmann ertrank in der zähen Masse.

Jetzt dümpeln die schwarz verklebten Fischerboote unbrauchbar vor dem Strand. Das stört die Fischer hier allerdings nicht, im Gegenteil, denn die Obrigkeit hat ihnen bereits nagelneuen Ersatz versprochen. An der Ölpest verdienen sie jetzt teilweise mehr als zuvor mit Fischfang.

Ab und zu steigt Lao Da aus seinem Geländewagen und ruft den Männern etwas zu. Dann schneiden sie mit Taschenmessern jene Teile vom Stroh ab, die noch nicht völlig vom Öl getränkt sind, und werfen sie zurück ins Meer - auch Stroh kostet Geld.

Seit ihrer Kindheit fischten sie hier Muscheln. Doch die Gegend war ohnehin dem Untergang durch "fazhan" - die "Entwicklung" - geweiht. An dem Küstenabschnitt fanden sie immer weniger Muscheln. Nebenan wachsen weitere riesige Tanks für Flüssiggas in die Höhe, an denen auch jetzt weitergebaut wird, ungeachtet der Ölpest. Bald soll das felsige Ufer auch hier mit hohen Molen einbetoniert werden - zum Schutz für noch mehr Tankanlagen.

Der Ölkonzern feiert

Der Energieriese CNPC ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Dalian, nur aus dem fernen Peking tönt leise Kritik an seinem miserablen Krisenmanagement. Die Wirtschaftszeitung "Zhonghua Gongshang Shibao" fand es zum Beispiel "unglaublich", dass CNPC seine für die Sicherheit verantwortlichen Mitarbeiter in einer Feier schon für ihren heroischen Einsatz bei der Explosion auszeichnete. Die Manager und ihre Abteilungen dürfen sich jetzt mit Titeln schmücken wie "Pionierindividuum" und "Pioniertruppe". Dabei hatte die Zentralregierung die Verantwortlichen ausdrücklich gerügt: In der Anlage hätten sich viel zu viele Öltanks befunden.

Doch die Funktionäre von Dalian verordnen ihrer Stadt den Blick nach vorn. Die landschaftlich reizvoll gelegene Sechs-Millionen-Einwohner-Metropole - 2006 wurde sie zur lebenswertesten Stadt der Volksrepublik gekürt - möchte vor allem ihre Sommergäste nicht zusätzlich verschrecken. Seit der Ölpest kommen spürbar weniger Touristen. Zwar ist an den beliebtesten Badestränden kaum noch etwas vom Öl zu sehen. Das liegt auch an günstigen Wind- und Strömungsverhältnissen. Doch wer möchte schon innerhalb der eilig ausgelegten Sperre schwimmen?

Das örtliche Propagandaorgan "Dalian Ribao" jubelt gegen Zweifel an. Als Titelgeschichte bilanzierte es in der vergangenen Woche das gerade beendete Bierfest: An 1,45 Millionen Besucher habe man 1350 Tonnen Bier von 400 verschiedenen Sorten ausgeschenkt.

Die Wirtschaft muss weiter wachsen, vor allem die Schwer- und Chemieindustrie, die Dalian seit 2004 neu belebt hat. Erst im Mai empfingen die Bosse der Kommunistischen Partei den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il in ihrer Stadt; er war im gepanzertem Sonderzug angereist. Stolz empfahlen sie dem verbündeten Nachbarn Dalian als nachahmenswertes Modell des Fortschritts.

Ständig neue Rekorde

Es ist ein Modell, das ständig Rekorde produzieren muss, um nicht abrupt abzustürzen und die Herrschaft der Partei zu bedrohen. Rasend schnell muss die industrielle Aufholjagd gehen, ohne viel Rücksicht auf die Umwelt. Und daher gehören Katastrophen für China zum Alltag, zum Beispiel in Nanjing - dort kamen ebenfalls im Juli 13 Menschen um, Dutzende wurden verletzt, als eine frühere Plastikfabrik mitten in einem Wohn- und Geschäftsviertel explodierte.

Oder in der Provinz Fujian - dort verendeten fast 2000 Tonnen Fisch, als giftiges Wasser aus einer Kupfermine in eine Fluss strömte. Oder in Jilin - dort wurden aus einer Fabrik rund 1000 Fässer in den Fluss Songhua gespült. Sie enthielten 160.000 Kilogramm Trimethylchlorsilan, eine brennbare, stinkende Flüssigkeit. Die Stadtväter von Jilin stoppten zeitweise die Entnahme von Trinkwasser aus dem Fluss.

Naturkatastrophen wie kürzlich die verheerenden Erdrutsche im Nordwesten des Landes erhöhen die Risiken, welche die Industrieplaner mit dem Raubbau an der Umwelt eingehen.

In Dalian stellen sich Lao Da und seine derzeit arbeitslosen Fischer noch auf Monate der Aufräumarbeiten ein. Etwas weiter abseits hat der Chef schon Kanister mit Lösungsmitteln anfahren lassen; damit will er später die vorgelagerten Felsbrocken, die meterhoch mit Öl verschmiert sind, reinigen lassen.

Eremit in der Betonröhre

Die Chemikalien lässt Lao Da von einem Fischer bewachen - für umgerechnet 30 Euro am Tag. Der Aufpasser hießt Zhang, er hat sich wie ein Eremit mit seiner Steppdecke in einer Betonröhre verkrochen. Er hat den bequemsten Job hier am Strand, aber irgendwann hofft er, wieder Fische zu fangen, vielleicht irgendwo anders an der Küste von Dalian.

Natürlich seien die Fische auch künftig verzehrbar, sagt Zhang und lacht optimistisch. Diese Zuversicht vernimmt man allenthalben in Dalian, auch auf dem Fischmarkt, der um drei Uhr morgens beginnt. Auf ihren Lastenfahrrädern karren Arbeiter mit nummerierten blauen Westen die Fischkisten heran.

Zurzeit herrscht hier weniger Betrieb als sonst. Das liege daran, dass die Fangmengen saisonal begrenzt seien, berichten Fischhändler, die sich ihre Zeit mit Kartenspiel vertreiben. Und die Ölpest? Die habe höchstens Muschelbestände verseucht, aber nicht die Fische, sagt einer. "Die Fische sind sauber." Denn das Öl schwimme ja an der Wasseroberfläche, die Fische aber in der Tiefe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ?
Kosmopolit08 17.08.2010
Und in einem anderen Forum lassen sich die Leser drüber aus, wie gut es doch wäre wenn China die USA als Weltmacht ablösen würde...
2. ...
snickerman 17.08.2010
Dass das Öl, wie man gerade am Golf von Mexiko sehen konnte, leider nicht oben bleibt, sondern auch durchs Wasser zieht und sich in Klumpen absetzt, kann dieser chinesische Fischer natürlich nicht wissen- und die Verantwortlichen werden ihm das auch bestimmt nicht erzählen... Könnte also durchaus passieren, dass koreanische oder japanische Fischer demnächst ölverschmierte Meerestiere in den Netzen haben...
3. Über 25 Tage
johndoe2 17.08.2010
Kann mir einer erklären wieso es über 25 Tage gedauert hat bis diese Nachricht veröffentlicht wird? Am 21. Juli auf Boston.com: http://www.boston.com/bigpicture/2010/07/oil_spill_in_dalian_china.html
4. Zahlen...
andara84 17.08.2010
Also dass offiziell nur 1500 LITER ausgelaufen sein sollen, kann ich mir nur schwer vorstellen. Das sind weniger als 1,5 Tonnen, genau 1,5 Kubikmeter. Sollten es nicht eher 1500 TONNEN sein?
5. China
Masterskipper 17.08.2010
Zitat von Kosmopolit08Und in einem anderen Forum lassen sich die Leser drüber aus, wie gut es doch wäre wenn China die USA als Weltmacht ablösen würde...
Das ist wohl ein schlechter Witz.An diesen ungeheuerlichen Vorfällen ist doch glasklar zu erkennen,wer einer der größten Umweltverschmutzer und Hauptgegner der westlichen Welt ist.
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