Ölpest Umweltkatastrophe an Libanons Küste

An der libanesischen Küste droht eine Umweltkatastrophe riesigen Ausmaßes. Bis zu 35.000 Tonnen Öl sind nach israelischen Bombardements ins Mittelmeer geflossen - fast so viel wie beim Untergang des Tankers "Exxon Valdez" vor Alaska.


Die libanesische Regierung spricht von der größten ökologischen Katastrophe in der Geschichte des Landes: Ersten Berichten zufolge sind 10.000 bis 35.000 Tonnen Schweröl ins Mittelmeer geflossen, nachdem die israelische Luftwaffe am 13. und 15. Juli ein Kraftwerk südlich von Beirut bombardiert hatte. Inzwischen ist die 225 Kilometer lange libanesische Küste auf 80 Kilometern mit einer klebrigen schwarzen Schicht überzogen.

Die Vereinten Nationen warnen vor langfristigen Schäden, sollte das Öl nicht schnellstens beseitigt werden. Das aber ist derzeit wegen der anhaltenden Kampfhandlungen zwischen der israelischen Armee und der radikalislamischen Hisbollah kaum möglich. "Mit jedem Tag steigt der potentielle Schaden dieses tragischen Vorfalls", sagte Achim Steiner, Direktor des Uno-Umweltprogramms Unep.

Nach Angaben des Umweltministeriums in Beirut könnte es noch schlimmer kommen: Ein weiterer Tank mit rund 25.000 Tonnen Treibstoff brenne noch immer. Es bestehe die Gefahr, dass sein Inhalt austrete und eine Explosion verursache. Beirut hat inzwischen Syrien und Jordanien um Hilfe bei den Reinigungsarbeiten gebeten. Die Gesamtkosten bezifferten die libanesischen Behörden auf 50 Millionen US-Dollar.

Angst vor Ausweitung auf Türkei und Zypern

Die bisher ausgelaufene Menge an Öl kann bereits schwere Schäden verursachen. Als der Tanker "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska auf ein Riff auflief, flossen 40.000 Tonnen Öl ins Meer. Die Folge war eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Seefahrt: Hunderttausende Tiere starben; die Ölreste sind bis heute nicht vollständig abgebaut und bergen die Gefahr, die Tierwelt langfristig zu vergiften.

"Was hier passiert ist, gleicht dem Untergang eines Tankers", sagte Berj Hatjian vom libanesischen Umweltministerium der britischen BBC. "20.000 bis 30.000 Tonnen Öl erreichen die Küste." Das Regional Marine Pollution Emergency Response Centre (Rempec) auf Malta hat bereits erste Ölspuren an der weiter nördlich gelegenen syrischen Küste gemeldet.

Das bestätigte die Hafenverwaltung in der syrischen Küstenstadt Tartus. In den Gewässern an der Grenze zwischen Syrien und dem Libanon sei eine sieben Kilometer lange Ölverschmutzung beobachtet worden. Experten in Beirut sagten, dass es sich um denselben Ölteppich handle, der vor zwei Wochen entstanden war. "Es ist zu befürchten, dass sich die Verschmutzung auch auf die Küsten der Türkei oder Zyperns ausbreitet", erklärte der libanesische Umweltberater Wael Hmaidan.

Schwerstes Öl-Unglück im Mittelmeer seit 1991

Die Umweltorganisation WWF Deutschland spricht von der schwersten Ölkatastrophe im Mittelmeer seit 1991, als der Öltanker "Haven" im Golf von Genua in Brand geriet und große Teile der italienischen und französischen Riviera verschmutzte. Damals sei aber ein beträchtlicher Teil des Öls verbrannt und gar nicht erst ins Meer gelangt, sagt WWF-Experte Stephan Lutter in Hamburg.

Von der ausgetretenen Ölmenge her sei die libanesische Ölpest eher vergleichbar mit der Havarie der "Erika" 1999 vor der Bretagne. Damals wurden mehr als 400 Kilometer Strand am Atlantik verschmutzt und 150.000 Seevögel getötet.

Laut Rempec handelt es sich bei dem Öl um eine mittelschwere Sorte. Das Dokumentations- und Forschungszentrum für Wasserverschmutzung durch Unfälle (Cedre) im französischen Brest verweist darauf, dass das Öl damit weniger dickflüssig ist als das der "Erika". Aber mit der Zeit werde auch diese Sorte durch den Kontakt mit Wasser stärker verkleben und schwieriger von Stränden und Felsen zu entfernen sein.

Ökosystem in Gefahr

Unep-Chef Steiner sagte, er versuche derzeit unter höchster Dringlichkeit, in Zusammenarbeit mit EU-Staaten Satellitenbilder und andere Daten über das genaue Ausmaß der Katastrophe an der Küste Libanons zu erhalten. "Mit Sicherheit wird jeder Ölteppich von diesen Ausmaßen ernste Folgen für die Umwelt und das Leben im Meer haben."

Derzeit unternehme man alles, um die Lage in den Griff zu bekommen. Mehrere Mittelmeerländer haben laut Steiner bereits Ausrüstung und Personal bereitgestellt. Doch nach Angaben der Regierung in Beirut sind derzeit nur "minimale Mengen" an Reinigungs- und Absorptionsmitteln, Sperren und Abschöpf-Vorrichtungen vorhanden.

Inzwischen ist zwar spezielles Gerät aus Kuweit eingetroffen, mit dessen Hilfe die zuständigen Behörden mit den Beseitigungsarbeiten beginnen könnten. Doch Israel will seine Luftangriffe fortsetzen. Bleibe der Ölteppich sich selbst überlassen, würden bald unumkehrbare Schäden an den komplexen Ökosystemen entlang der Mittelmeerküste eintreten, erklärte Umweltexperte Hmaidan.

Schon jetzt seien zahlreiche Fische und Krebse verendet. Auch Meeresschildkröten, deren Eier im Sand vergraben sind, seien bedroht, weil die frisch geschlüpften Jungtiere wegen der ölgeschädigten Strände das Meer nicht erreichen könnten.

mbe/rtr/dpa/AFP



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