Offshore-Energie Windpark-Boom bedroht Schweinswale

Deutschland feiert sich als grüne Republik, doch der Aufschwung bei erneuerbaren Energien fordert Opfer: Beim Bau von Offshore-Windparks ignorieren Firmen Grenzwerte für Lärm. Darunter leiden die ohnehin gefährdeten Schweinswale. Forscher fahnden nach einem wirksamen Krachschutz.

DPA

Von Hannes Koch


Es ist ein kurioser Kampf: Beim Ausbau der grünen Energieversorgung steht Ökologie gegen Ökologie. Es geht um den sauberen Strom, den die Bundesregierung mit etlichen Windkrafträdern auf der Nord- und Ostsee erzeugen lassen will. Doch im Meer leben auch Schweinswale, Robben und verschiedene Fischarten, die durch den Ausbau der Offshore-Windparks gefährdet sind.

Die geräuschempfindlichen Schweinswale, die einzige heimische Walart in deutschen Gewässern, können den Krach der Bauarbeiten nicht vertragen. Deshalb gibt es einen Grenzwert für Unterwasserlärm, den das Umweltbundesamt festgelegt hat. Aber den halten die Ingenieure zur Zeit nicht ein.

Am drängendsten ist das Problem beim Windpark "Bard Offshore 1", der 90 Kilometer nordwestlich der Nordseeinsel Borkum entsteht. 15 riesige Windräder auf jeweils drei Beinen stehen dort bereits im Meer. Projektmanagerin und Biologin Susanne Schorcht räumt ein: "Bei den Bauarbeiten haben wir Lärmwerte von 178 Dezibel (dB) SEL im Abstand von 750 Metern gemessen." Der Grenzwert des Umweltbundesamtes aber erlaubt nur 160 dB SEL, wobei SEL für "Schallexpositionspegel" steht. Dieser ermöglicht eine Aussage über die Wucht eines Schallereignisses, die das Tier erreicht. "Wir wollen das Problem lösen, die Brisanz ist uns klar," sagt Schorcht.

Rund 1800 Windturbinen sollen bis 2020 in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee gebaut werden. "Bard Offshore 1" ist einer der ersten Parks. Die Firma aus Emden ist Vorreiter - auch bei den Schwierigkeiten. Eigentlich sollen die insgesamt 80 Anlagen bis zum Sommer 2011 fertig sein, jede Verzögerung kostet viel Geld.

Ratlosigkeit herrscht

Nicht nur die Betreiberfirma steckt in einem Konflikt, sondern auch die Genehmigungsbehörde, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg (BSH). Einerseits ist da der Grenzwert für die Wale, den weder die Firma, noch das Amt ignorieren können. Andererseits sagt BSH-Jurist Christian Dahlke: "Einen Stand der Technik für effektive Maßnahmen zur Lärmminderung bei Offshore-Rammungen gibt es noch nicht."

Bisher ist die Forschung nicht so weit. Niemand weiß, wie man den Grenzwert einhalten soll, wenn die meterdicken Pfeiler für die Windräder von Schiffen aus mit irrwitziger Kraft in den Meeresboden gehämmert werden.

Was tun? Immer mal wieder versuchen die Offshore-Firmen, den Lärmwert für Wale in Zweifel zu ziehen. Dagegen wehrt sich Meeresbiologin Stefanie Werner, die im Umweltbundesamt (UBA) daran mitgewirkt hat, die Krachgrenze zu etablieren. "Das UBA hat den Grenzwert bei 160 Dezibel festgelegt, weil Schweinswale ab 164 Dezibel eine kurzfristige Schwerhörigkeit erleiden können", erklärt Werner. "Das haben wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Kiel ergeben. Noch höhere Lärmbelastungen bedrohen die Überlebensfähigkeit der Tiere, weil sie sich dann möglicherweise nicht mehr verständigen und orientieren können."

Die Rücknahme des Grenzwertes scheidet für die Bundesämter aus. Sie bieten Bard aber einen Kompromiss an. Während des Baus der nächsten zehn Windräder soll das Unternehmen ein Verfahren gegen den Unterwasserlärm erforschen. "Ab der 25. Anlage muss Bard ein verbessertes Schallschutzkonzept inklusive der versuchsweisen Anwendung einer Lärmminderungstechnik nachweisen," sagt BSH-Jurist Dahlke. Ein Baustopp kommt für ihn nicht in Frage. Juristisch lässt sich dieser Kompromiss rechtfertigen, weil der heutige Grenzwert vor einigen Jahren, als Bard erstmals genehmigt wurde, noch den Charakter eines Richtwertes mit geringerer Verbindlichkeit hatte.

Blitzschnelle Forschung nötig

Jetzt heißt es "Forschen", und zwar schnell. Denn künftig müssen die Betreiber den Lärmschutz einhalten. Bisher sind folgende Verfahren bekannt:

  • Kleiner Blasenschleier: Auf den etwa 40 Metern zwischen Meeresboden und Wasseroberfläche werden um die Pfeiler herum in kurzen Abständen Druckluftschläuche angebracht, durch deren Löcher Luftblasen aufsteigen. Es entsteht ein blubbernder Vorhang aus Blasen, der die Schallwellen der Hammerschläge etwas dämpft. Dieses ist das bisher aussichtsreichste Verfahren. Beim Test-Windpark "Alpha Ventus" wurde damit eine Schall-Reduktion erreicht. Trotzdem sagt Bard-Biologin Schorcht: "Ob wir mit dem kleinen Blasenschleier den Grenzwert einhalten, weiß man heute noch nicht."
  • Großer Blasenschleier: Um die Rammstelle herum liegt auf dem Meeresboden ein einziger dicker Druckluftschlauch, der Luftblasen aufsteigen lässt. In Versuchen ist dabei das Problem aufgetreten, dass die Blasen auf ihrem vergleichsweise langen Weg zur Wasseroberfläche durch die Strömung weggespült werden. Das reduziert die Schalldämpfung.
  • Hydro Sound Damper (Wasserschalldämpfer): Darunter versteht man Netze mit Bällen aus Plastik oder anderen Materialien, die um den Pfeiler herum angebracht werden. Dieses Konzept existiert bisher aber nur in der Theorie, praktische Erfahrungen fehlen.

Weil keine der Methoden bisher marktreif ist, behilft sich Bard einstweilen damit, die Schweinswale von der Rammstelle zu verscheuchen. Auch dafür setzt man Unterwasserlärm ein. Zuerst werden rhythmische Signale ins Wasser gesendet, dann folgt Krach, der fast so laut ist wie der Grenzwert. Nach Angaben der Bard-Leute ist diese Taktik wirksam: Die Tiere schwimmen weg, bevor das Rammen beginnt, kommen aber auch zurück, wenn wieder Ruhe einkehrt.

Nicht anfreunden mit derartigen Kompromissen will sich Karsten Brensing. Der Meeresbiologe der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS sagt: "Man sollte nur weiterbauen, wenn die Betreiber einen wirklichen Beitrag zur Schallminderung leisten." Brensing betont, dass selbst der Grenzwert des UBA keinen ausreichenden Schutz gewährleiste, weil er nur "für einen einzigen Rammschlag berechnet" sei. Beim Bau eines Windrades seien aber mindestens hunderte oder gar tausende Rammschläge notwendig, wodurch die schädliche Schallwirkung zunehme.

Brensing fordert die Offshore-Firmen auf, alternative Bauverfahren zu erwägen. Beispielsweise könne man die Windräder auf schwimmenden Konstruktionen errichten, wie sie die Ölindustrie benutze. Überlegenswert seien auch Bohrtechniken, die das Rammen mit Hammerschlägen überflüssig mache. Firmen wie etwa das Unternehmen Herrenknecht, das an der Bohrung des Gotthardtunnels beteiligt war, spezialisieren sich mitunter auch auf Bohrungen in der Vertikale.

"Es ist im Sinne der Windkraft den Schall zu reduzieren", so Brensing, "welcher grüne Stromkunde würde wohl akzeptieren, dass massenhaft toter Schweinswale an den Strand von Sylt gespült werden?"

Für Susanne Schorcht vom Unternehmen Bard allerdings kommt ein grundsätzlicher Richtungswechsel nicht in Frage: "Wenn wir jetzt auf schwimmende Fundamente oder andere Verfahren wechseln würden, könnten wir vorerst nicht weiterbauen. Weil es sich bei unserem Vorhaben um ein Pilotprojekt handelt, bitten wir die Politik um Nachsicht und Unterstützung."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 89 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sitiwati 23.01.2011
1. es ist
doch egal, die paar Fischchen, Hauptsache: der Mensch mache sich die Welt zu nutze !
imagine, 23.01.2011
2. Die Lösung?
Das Militär beendet seine Wale mordenden Experimente, und Windpark-Konstrukteure bemühen sich um schonendstes Installieren der benötigten Infrastruktur.
jj2005 23.01.2011
3. Alternative Energie ist halt teuer...
"Die Tiere schwimmen weg, bevor das Rammen beginnt, kommen aber auch zurück, wenn wieder Ruhe einkehrt." Da wuerde man sich doch wuenschen, dass man fuer die kleinen Problemchen der Kernkraft aehnlich elegante Loesungen finden, wie z.B. "die Menschen bleiben weg, bis die Strahlung abgeklungen ist, kommen aber auch zurück, wenn .." oder so aehnlich ;-)
weltoffener_realist 23.01.2011
4. Wo gehobelt wird...
Zitat von sysopDeutschland feiert sich als grüne Republik, doch der Aufschwung bei erneuerbaren Energien fordert Opfer: Beim Bau von Offshore-Windparks ignorieren Firmen Grenzwerte für Lärm. Darunter leiden die ohnehin gefährdeten Schweinswale. Forscher fahnden nach einem wirksamen Krachschutz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,740606,00.html
Es ist doch keineswegs überraschend, dass die enormen Umwelteingriffe imn Rahmen der aktuellen Energierevolution auch ganz klar benennbare Nachteile bringen. Bisher wird gern der Eindruck erweckt, es gebe ausschließlich Vorteile - doch warten wir mal ab, wenn in den Küstengewässern und in ganz Deutschland Windenergieanlagen stehen, soweit das Auge reicht. Dazu noch Maisfeld-Monokulturen und eine spiegelnde Landschaft mitteleuropäischer Solaranlagen. Man kann das alles wollen, nur muss man die damit verbundenen Nachteile auch in Kauf nehmen. Mein Söhnchen wird jedenfalls weit fahren müssen, um eine Landschaft ohne Windenergieanlagen sehen zu können - für mich bis vor einigen Jahren ein selbstverständlicher Anblick.
kohlibri 23.01.2011
5. S21 wiederholt sich (Satire)
Wann lernen unsere Politiker das sie keine Politik gegen den Willen des Volkes machen dürfen. Deshalb fodere ich: 1. Sofortiger Baustopp für alle Offshore Windparks 2. keine weiteren Subventionen für Windenergie um arme kleine Schweinswale zu töten. Es kann nicht sein, das Ökowirtschaft auf dem Rücken von Walen ausgetragen wird. 3. 100% Rückhalt durch Umweltverbände, Tierrechtsorganisatioen und der der Partei die Grünen, um einen sofortigen Baustopp dieser Offshoreparks durchzusetzen. 4. die unverzügliche Einsetzung des Schlichters Jupp Fischer, mit der Zielsetzung für eine Volksbefragung, zwecks der Verlegung des Windparks 'unter Wasser'! Schließlich wurde niemand von uns gefragt ob wir Offshoreparks wollen, auch wenn die Planung erst seit einigen Jahren läuft (uups, wie schnell ging das denn!). Eine Verweigerung der oben genannten Foderungen, könnte zu massiven Strassenprotesten von Klein- und Schulkinder führen, weshalb cih darauf dringe auf den Einsatz von etwas anderem als Gartenschläuchen abzusehen. Ich weiss das eine schweigende Mehrheit meinen Foderungen zustimmt (woher ich das weiß, det liegt mir im Urin). DESHALB KEINE POLITIK MEHR GEEGN DIE SCHWEIGENDE MEHRHEIT DER BEVÖLKERUNG! P.S.:Soviel Unsinn wollte ich schon immer mal loswerden. ^^
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.