Meeresbiologie Forscher finden Oktopus-Siedlung

Von wegen Einzelgänger: In Australien haben Forscher im Meer eine Oktopus-Siedlung entdeckt. Das Verhalten in "Octlantis" erinnert an Großstädte - inklusive Müllproblem.

Peter Godfrey-Smith

Genau wie einige andere Vertreter seiner Art auch schätzt der Gemeine Sydney-Oktopus die Einsamkeit. Mit seiner Spannweite von bis zu zwei Metern bewegt sich das Tier durch die Gewässer im Osten von Australien. Und am liebsten tut es das alleine. Höchstens zum Paaren braucht es kurzweilige Gesellschaft von Artgenossen - dann geht jeder wieder seine eigenen Wege. Das dachten Forscher zumindest bisher.

Umso überraschender war die Entdeckung, die Forscher nun in der Jervis Bay im Südosten Australiens machten. In dem riesigen, etwa hundert Quadratkilometer großen Gewässer knapp 200 Kilometer südlich von Sydney lebte eine Gruppe dieser Oktopusse (Octopus tetricus) in nahezu urbaner Siedlung zusammen. Deshalb gaben die Wissenschaftler ihrer Unterwasserstadt auch einen Namen: "Octlantis".

Das Team um David Scheel von der Alaska Pacific University in Anchorage fand bis zu 15 Tiere, die auf einer Fläche von 18 mal vier Metern lebten - mehr als zehn Meter unter der Wasseroberfläche. Dort hatten sich die Weichtiere sogar Behausungen aus Muscheln und Sand gebaut, berichten die Forscher im Fachmagazin "Marine and Freshwater Behaviour and Physiology." Insgesamt wurden 13 bewohnte Höhlen lokalisiert, zehn standen leer.

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Meeresforschung: Kommt ein Oktopus in die Großstadt

Laut der Studie geht es in "Octlantis" nicht so viel anderes zu als in einer modernen Großstadt für Menschen. Man trifft sich, man lädt sich gegenseitig ein, die Männchen baggern die Weibchen an - man gerät aber auch in Streit, vertreibt ungebetene Besucher oder schmeißt einen Artgenossen aus der Höhle. Möglicherweise könnte das territoriales Verhalten sein, glauben die Forscher.

Und sogar ein Müllproblem konnten die Forscher ausmachen: Um die Siedlung lagen Reste von Muscheln, von denen sich die Oktopusse ernähren. Doch zumindest teilweise gingen die Tiere mit ihrem Müll nachhaltig um: Die Schalenhaufen wurden als Baumaterial recycelt.

Zudem ist auch in "Octlantis" der Wohnraum nicht so üppig vorhanden wie auf dem Lande. "Die Tiere lebten auf engem Raum miteinander, meist Arm an Arm", schreibt Co-Autorin Stephanie Chancellor. Die Forscher nutzten Videokameras, um das Verhalten der Tiere zu beobachten und analysierten sie so.

Bereits 2009 hatte ein Forschungstaucher nur wenige Meter entfernt eine ähnliche Oktopus-Siedlung gefunden. Auf dem Gebiet lebten etwa 16 Tiere zusammen - sie hatten ähnliche Behausungen gebaut. Auch damals beschrieb er das ausgeprägte Sozialverhalten im Zusammenleben der eigentlich als Einzelgänger bekannten Tiere. Der Fund wurde aber als Einzelfall interpretiert, da sich die Tiere um ein nicht identifiziertes künstliches Objekt geschart hatten, das Menschen ins Meer geworfen hatten. Die Siedlung sei also ein Zufall gewesen. Nur deshalb hätte diese Oktopusgruppe ein außergewöhnlich ausgeprägtes Sozialverhalten erlernen können.

MUCRU/Kate Sprogis

Nach einem Zufall sieht es nun nicht mehr aus. Möglicherweise lebe Octopus tetricus sogar häufiger in solchen Siedlungen, vermuten die Forscher. Nur sei das bisher verborgen geblieben und könne inzwischen auch dank verbesserter Technik entdeckt und dokumentiert werden.

Es könnte aber Zufall sein, dass sich hier die Tiere gerade an diesen beiden Plätzen gesellig angesiedelt haben, da die Umweltbedingungen günstig seien: Es gebe jeweils Felsformationen auf einem ansonsten eher flachen Meeresgrund. Das biete Schutz vor Fressfeinden.

Nach wie vor weiß die Forschung noch wenig über Oktopusse, gibt das Team von David Scheel zu bedenken. Dass die Tiere recht intelligent und sehr lernfähig sind, ist dagegen schon länger bekannt. 2009 hatte eine Forschergruppe beschrieben, wie sich Adler-Oktopusse (Amphioctopus marginatus) aus Kokosnussschalen Verstecke bauen. Dabei sammeln sie die Schalen zunächst für die spätere Nutzung und stapeln sie sogar wie Schüsseln. Später bauen sie sich dann eine Behausung daraus. Das zeige, dass sie vorausschauend handeln könnten. So ein Verhalten war eher Säugetieren und Vögeln zugeschrieben worden - nicht aber wirbellosen Tieren.

joe



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