Olymp der Evolution Wenn Wölfe über die Affen gesiegt hätten

Der Mensch beherrscht die Welt. Aber warum eigentlich? Könnten nicht auch Wölfe, Papageien oder Delfine die intelligenteste Lebensform der Erde bilden? Im Prinzip ja, sagen Biologen, denn die Evolution kennt kein Ziel.

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Es ist eine Welt, die aussieht wie unsere Erde heute. In den Tropen dominiert kräftiges Grün, der Norden Afrikas ist von ausgedehnten Wüsten bedeckt. In Europa und Nordamerika erstrecken sich ausgedehnte Wälder, im Eis der Arktis tummeln sich Eisbären.

Wenn man genauer hinschaut, fällt allerdings auf, dass einiges anders ist als auf der Erde, wie wir Menschen sie kennen. Es gibt zwar Straßen und Städten ähnelnde Siedlungen. Doch dort leben nicht Menschen, sondern behaarte Vierbeiner. Nicht Abkömmlinge der Affen, sondern Wölfe bilden in dieser fiktiven Welt die Krone der Schöpfung. Ihre außergewöhnliche Intelligenz hat sie zum Herrscher über alle anderen Tiere werden lassen.

Die Affen, einst gefährlichste Konkurrenz der Wölfe in Sachen Intelligenz, werden in einigen Gegenden der Welt als handwerklich geschickte Haustiere gehalten - und als Sklaven in der industriellen Produktion. Affen sind ideale Arbeitstiere: Sie sind kräftig, besitzen eine gute Feinmotorik und begehren nicht auf.

Die Fiktion einer von Wölfen beherrschten Welt mag zunächst absurd erscheinen. Aber das Tierreich hätte sich durchaus anders entwickeln können, als in den vergangenen Millionen Jahren geschehen. "In der Evolution ist sehr vieles möglich", sagt Klaus Reinhold von der Universität Bielefeld. Man könne kaum etwas ausschließen, erklärt der Evolutionsbiologe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Primaten, also Affen, sind in der Tat nicht die einzigen sozialen Tiere, und sie sind nicht die einzigen intelligenten Tiere", ergänzt Thomas Junker von der Universität Tübingen. Wölfe, Delfine oder Elefanten zeigten ebenfalls beachtliche geistige Fähigkeiten und verfügten über die Voraussetzungen, höhere Intelligenz zu entwickeln.

Kleinigkeit mit weitrechenden Folgen

An Spekulationen über Alternativen zum Menschen als intelligentester Lebensform auf der Erde wollen sich zwar weder Junker noch Reinhold beteiligen. Unbestritten ist allerdings, dass Intelligenz im Laufe der Evolution in verschiedenen Tiergruppen positiv selektiert wurde.

Warum aber hat ausgerechnet der Mensch eine weit überlegene Intelligenz entwickelt? "Das ist eine philosophische Frage, die man aus der Naturwissenschaft heraus kaum beantworten kann", sagt Rudolf Loesel, Biologe an der RWTH Aachen. Als Evolutionsforscher beschäftige man sich in erster Linie mit der Analyse des Geschehenen und weniger mit Spekulationen über alternative Entwicklungsrichtungen.

Der Mensch ist das Ergebnis eines Jahrmillionen dauernden Selektionsprozesses. Dass die Evolution unter identischen Startbedingungen immer wieder zum gleichen Ergebnis führt, ist wenig wahrscheinlich, allein schon wegen der großen Rolle des Zufalls. Tritt eine bestimmte Mutation jetzt oder erst in 10.000 Jahren auf? Trifft ein Asteroid die Erde und verändert radikal die Umweltbedingungen, so dass Tausende Arten aussterben - mit ihnen vielleicht auch die Primaten?

Evolution ähnelt eher einem ausgedehnten Hindernislauf mit ungewissem Ausgang als einem Masterplan der Natur mit fixem Endziel. In der Evolution gehe es ähnlich zu wie beim Wetter und dem berühmten Schmetterlingseffekt, sagt Reinhold. "Eine Kleinigkeit kann weitreichende Folgen haben."

Trotzdem glauben Evolutionsforscher zu wissen, warum der Mensch es unter den auf der Erde herrschenden Bedingungen so weit gebracht hat. Die entscheidende Rolle dürfte, da sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig, das Gehirn gespielt haben. "Affen haben ein gutes dreidimensionales Sehen, um sich im komplizierten Geäst der Bäume sicher bewegen zu können", sagt der Aachener Biologe Loesel. Dafür bräuchten sie ein großes Gehirn.

Mit dem dreidimensionalen Denken haben andere, ebenfalls hochintelligente Tiere große Schwierigkeiten. Steht beispielsweise ein Hund in einer aus zwei Zäunen gebildeten Ecke und blickt auf Futter hinter dem Zaun, dann weiß er nicht so recht weiter. Der Zaunwinkel ist nach hinten offen, aber der Hund kommt nicht darauf, einfach ein paar Meter zurück zu laufen, um ans Futter zu gelangen. Affen stellen sich da geschickter an. "Tiere, die in Bäumen aufgewachsen sind, wissen, dass es ab und zu Umwege gibt", erklärt der Bielefelder Forscher Reinhold.

Vom Gejagten zum Jäger

Ein weiterer Pluspunkt für den Menschen war und ist seine flexible Ernährung. Ein großes Gehirn braucht viel Energie. Die Vorfahren des Menschen waren schlau genug, Tiere aus Meeren und Seen zu fangen, die einen besonders hohen Anteil jener Fettsäuren besitzen, die man für den Aufbau des Gehirns braucht.

Und als das Klima vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika trockener wurde, wussten die Primaten sich zu helfen. Bäume wurden seltener, in der Folge gab es weniger Früchte und Fluchtmöglichkeiten. Unseren Vorfahren gelang es in dieser Zeit, von "Gejagten zu Jägern zu werden und erfolgreich mit anderen Raubtieren wie Löwen oder Leoparden zu konkurrieren", sagt Junker. "Dadurch hatten sie auch Zugang zu energetisch hochwertiger Fleischnahrung, eine unerlässliche Voraussetzung für das Gehirnwachstum."

Dieses evolutionäre Gehirnwachstum und die Zunahme der Intelligenz waren wichtige Voraussetzungen für den Prozess der Menschwerdung, der wohl auch das Ergebnis des Zusammenlebens in größeren Gruppen ist. Den Urmenschen gelang es nicht nur, trotz Konkurrenz um Nahrung und Sexualpartner den Zusammenhalt der Gruppe und damit das Überleben zu sichern. Sie fingen auch an, Gedanken untereinander auszutauschen.

An die Stelle des einzelnen Denkers trat der Intellekt des Kollektivs. "Ohne die Vernetzung der Gehirne wäre keine der großen menschlichen Leistungen möglich gewesen", sagte Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Leipzig im Gespräch mit dem SPIEGEL (aktuelle Ausgabe 5/2009).

Soziales Lernen gebe es zwar auch bei vielen Säugetieren und Vögeln, betont Junker. Meist handle es sich aber um eine "recht begrenzte Zahl von Verhaltensweisen". Bei Schimpansen habe man etwa 40 solcher erlernten Verhaltensweisen beobachtet. Verglichen mit der Unmenge an kulturellen Informationen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens lerne, sei dies "aber doch eher bescheiden", meint der Evolutionsforscher.

Die systematische Wissensweitergabe von Generation zu Generation könne wahrscheinlich auch erklären, warum Menschen so alt würden, obwohl sie sich im Seniorenalter kaum noch fortpflanzen könnten. "Da die Erfahrungen älterer Menschen in schriftlosen Kulturen oft überlebenswichtig für die Gruppen waren, kam es zur Selektion auf Langlebigkeit", erklärt Junker.

Dass es dann schließlich nur die Affen waren, aus denen ein echtes Kulturwesen entstand, erklärt der Forscher auch mit den "einzigartigen körperlichen Merkmalen" wie dem aufrechten Gang und der Greifhand - vor allem aber mit dem Schicksal: Man solle nicht vergessen, dass noch bestimmte Umweltkonstellationen hinzukommen mussten, sagt Junker, und "nicht zuletzt eine Menge glücklicher Zufälle".



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