Olympia-Umweltschutz: Pekings Luftwäsche-Experiment fasziniert Smogforscher

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Olympioniken mit Atemmasken, Dreckwolken über Peking - um in letzter Minute bei den Spielen doch noch saubere Atemluft zu bekommen, haben Chinas Behörden das größte Luftwäsche-Experiment der Geschichte gestartet. Forscher sind fasziniert: Sie hoffen auf neue Erkenntnisse im Kampf gegen Smog.

Es waren im Grunde nur vier kleine Stücke Stoff - aber in der derzeitigen Atmosphäre Pekings bekamen sie Symbolcharakter. Als vier US-Radsportler vor wenigen Stunden in Chinas Hauptstadt dem Flieger entstiegen, trugen sie schwarze Atemmasken. Zum Schutz gegen Pekings berüchtigte Dreckluft.

Was an anderen Orten als schrullige Petitesse durchgegangen wäre, machte weltweit Schlagzeilen. Die "New York Times" betitelte ihre Web-Site mit dem Foto einer der Radlerinnen - inzwischen entschuldigten sich die Sportler für ihre Aktion.

Die Verunsicherung über die dicke Luft in Peking ist selbst beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) groß. Am Dienstag meldete die Nachrichtenagentur AP: "Luftverschmutzung in Peking laut IOC kein großes Problem". 20 Stunden zuvor hatte die Deutsche Presseagentur geschrieben: "Dunstglocke über Peking - IOC beobachtet Luftverhältnisse mit Sorge".

Banger Blick auf den Luftverschmutzungsindex

Wer nicht glauben mag, dass Chinas Regierung die Luftverschmutzung binnen jener 20 Stunden in den Griff bekommen hat, darf getrost eine gewisse Diskrepanz zwischen Wahrheit und offizieller Darstellung vermuten.

Die Dissonanzen sind offensichtlich: IOC-Medizinexperte Arne Ljungqvist sagte, die Luftverschmutzung in Peking stelle kein großes Risiko für Sportler und Besucher dar; bei vielen Werten erfülle die Luft in Peking die strengen Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation. Er sei zuversichtlich, dass es keine größeren Probleme geben werde. Ganz anders klang dagegen IOC-Marketingchef Gerhard Heiberg. "Wir machen uns am meisten Sorgen um die Athleten", sagte er.

Auch die Worte von IOC-Präsident Jacques Rogge klangen nicht gerade nach Entwarnung, als er am Montag auf die diesige Luft angesprochen wurde. "Ich bin kein Experte", sagte er. "Ich will die Zahlen sehen. Wir schauen uns die Zahlen jeden Tag an." Rogge war offenbar kaum beeindruckt von der Erfolgsmeldung der chinesischen Behörden, an drei aufeinanderfolgenden Tagen kaum Dreck in Pekings Luft gemessen zu haben - was Umweltamtvizedirektor Du Shaozhong prompt als "beispiellosen Fall in den vergangenen Jahren" bejubelt hatte.

Der Pekinger Luftverschmutzung-Index (API) zeigte am Dienstag einen Wert zwischen 90 und 110. Auch am Mittwoch hing wieder dichter Dunst über der chinesischen Hauptstadt. Wie gut ein API-Wert um 100 ist, ist Ansichtssache. Den chinesischen Behörden gilt diese Zahl als Indikator für "blauen Himmel" - im Unterschied zu der graubraunen Melange aus Autoabgasen, Industriechemikalien und Wüstenstaub, die sonst regelmäßig durch Pekings Straßen wabert. Der US-Experte Steven Andrews wirft den chinesischen Behörden jedoch vor, die Messwerte schönzurechnen.

Für den täglichen API-Wert werden die Konzentrationen von Feinstaub, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid gemessen. Doch nur der Schadstoff, dessen Konzentration am höchsten ist, macht am Ende den API-Wert aus. Und schon ein Feinstaubwert von 200 entspricht dem Vierfachen dessen, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch als gesund erachtet. Nach oben offen ist die Dreck-Skala keinesfalls, sie endet bei 500. "Schlechte Tage können diesen Wert bei weitem überschreiten, was sich nirgends ausdrückt", kritisiert die Umweltorganisation WWF.

Wichtig für Ausdauersportler sind dagegen vor allem die Ozonwerte - und die werden erst gar nicht gemessen. Peking hat zwar versprochen, diese Praxis zu ändern, allerdings erst nach dem Ende der Olympischen Spiele. Das Vertrauen der Sportler in die Qualität der Atemluft dürfte das nicht steigern.

Beispielloser Feldversuch

Chinas Behörden wissen, dass sich jetzt die ganze Welt für die Luftqualität in der Stadt interessiert - deshalb haben sie in den vergangenen Wochen ein beispielloses Experiment gestartet, um die Verschmutzung in letzter Minute zu reduzieren.

Sie haben nichts weniger als den größten Luftreinigungsfeldversuch der Geschichte gestartet. Der Maßnahmenkatalog, der wohl nur in einem autoritären Regime durchzusetzen ist, beinhaltete unter anderem die Stilllegung Dutzender Fabriken und drastische Fahrverbote, die mehr als die Hälfte der rund 3,3 Millionen Autos von Pekings Straßen verbannten. "So etwas wurde noch nie zuvor gemacht", sagte Veerabhadran Ramanathan, Atmosphärenforscher an der University of California in San Diego. "Und ich bezweifle, dass es jemals wiederholt wird."

Veerabhadran ist Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts, das die Ergebnisse der chinesischen Ökoinitiative verfolgt. Unbemannte Flugzeuge, Satelliten und Messstationen am Boden messen die Luftqualität während und nach den Olympischen Spielen. Forscher spüren der Verteilung von Dreckstoffen über große Gebiete nach und prüfen die Folgen von schmutziger Luft für das Herz-Kreislauf-System.

"Das ist eine Riesenchance, unsere Forschung im Schnelldurchgang voranzutreiben", sagt Ramanathan, der sich auf die riesigen braunen Schmutzwolken spezialisiert hat, die zeitweise große Teile Asiens bedecken. Als er durch einen Zeitungsartikel von den Plänen der chinesischen Regierung erfahren habe, sei er "vom Stuhl gesprungen": "Das war es, worauf ich gewartet habe. Ich dachte: 'Gott sei Dank, gibt es Olympia'. Für mich ist das zehnmal besser als ein Lotteriegewinn."

Am Ende entscheidet vor allem das Wetter

Auch Staci Simonich, Professorin für Chemie und Toxikologie an der Oregon State University, sprach von einem "gigantischen Experiment". "So weit ich weiß, hat noch nie eine Stadt so umfassende Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ergriffen. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das aufregend."

Selbst die Nachrichtenagenturen beteiligen sich an der Messorgie. Journalisten ziehen inzwischen nicht nur mit Mikrofon, Block und Kugelschreiber, sondern auch mit Luftpartikelmessgeräten los. AP etwa gibt an, seit Mitte Juli die Feinstaubkonzentration in Pekings Luft verfolgt zu haben.

Wie erfolgreich die Ökokampagne ist, muss sich aber erst noch zeigen. Seit die Fahrverbote und Fabrikschließungen am 20. Juli in Kraft traten, ist die Luftverschmutzung mal gesunken und mal gestiegen.

Zwar gibt es insgesamt einen Abwärtstrend - doch gezeigt hat sich bisher vor allem eines: Über Wohl und Wehe der Athletenlungen entscheidet hauptsächlich das Wetter. Und das haben die Organisatoren kaum im Griff. Auch wenn sie inzwischen bereits Kanonen in Stellung gebracht haben, um es regnen zu lassen.

"Wenn Mutter Natur mitspielt, erwarte ich eine Wirkung", sagte Ramanathan. "Aber es hängt alles von der Windrichtung ab." So entsprach die Luftqualität an vier Tagen der vergangenen zwei Wochen nicht dem nationalen Standard. Peking stöhnte unter drückender Hitze; im grauen Nebel waren die Wolkenkratzer nur noch als dunkle Schemen zu erkennen. Die Behörden gaben eine Warnung für empfindliche Menschen heraus.

Plötzlicher Sonnenschein - dem Wetter sei Dank

Ende vergangener Woche wandelte sich dann das Bild: Der Dreck verschwand aus der Luft, selbst nach den Standards der WHO bestand keine Gesundheitsgefahr mehr. AP-Reporter maßen in Peking geringere Feinstaubkonzentrationen als in New York. Das aber hatte nur am Rande mit den Bemühungen der chinesischen Behörden zu tun - Niederschläge und kräftige Winde hatten die Luft gesäubert.

Schon am Montag gab es jedoch wieder den gewohnten Anblick. Peking lag unter einer graubraunen Dunstglocke.

Nun erwägen die Behörden, noch schärfere Maßnahmen als bisher zu ergreifen. Umweltamtvizechef Du Shaozhong gab sich zwar überzeugt, dass bei einer "stabilen Situation" die Luftqualität gesichert sei. Doch er schloss nicht aus, noch härter gegen Umweltsünder durchzugreifen und noch mehr Autos von den Straßen zu nehmen.

Wissenschaftler hoffen, dass die Ökokampagne der Regierung Erfolg hat. Dann könnten andere Länder über ähnliche Maßnahmen nachdenken, glaubt US-Forscherin Simonich: "Hier geht es nicht nur um China, sondern um Megastädte in aller Welt."

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