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Olympia-Wetter: China schießt auf Regenwolken

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China will die Olympischen Spiele zur perfekten Inszenierung machen - und dabei ist Regen unerwünscht. Rund um Peking steht eine Armee von Bauern bereit, die mit Silberjodid auf Wolken feuern soll - damit bloß kein Tropfen die Sportstätten erreicht.

Das Vogelnest ist 330 Meter lang, 220 Meter breit und wiegt 40.000 Tonnen. Fünf Jahre lang ließ die chinesische Regierung an dem Olympiastadion in der Hauptstadt Peking bauen. Das Vogelnest nennen es die Chinesen aufgrund seiner außergewöhnlichen Architektur. Hier sollen vom 8. bis zum 24. August die Leichtathletik-Wettkämpfe der Olympischen Sommerspiele stattfinden.

Mit dem 315-Millionen-Euro-Stadion wollen Chinas Machthaber zeigen, dass sie keine Kosten und Mühen scheuen, diese Olympischen Spiele zu einer perfekten Inszenierung zu machen. Dabei sollen weder protestierende Tibeter noch kritische Journalisten stören - und auch der Regen nicht. Daher arbeitet Chinas Regierung daran, das Wetter zu kontrollieren. Zur Not mit Waffengewalt.

China hat eine Bauernarmee gegen den Regen rekrutiert: Hundert Dorfbewohner rund um Peking sind bereit, den Himmel gegen heranziehende Wolken zu verteidigen, berichtet die britische Zeitung "The Times". 26 Stützpunkte um die Hauptstadt stehen laut offiziellen Informationen der Olympia-Website als Ausgangsbasen für den Wolkenbeschuss zur Verfügung. Jede ausgestattet mit bis zu vier Flaks, mit denen man auf Wolken schießen und sie zum Abregnen bringen will, bevor sie Peking erreichen.

Geschossen wird mit Silberjodid. Diese Technik des "Wolkenimpfens" ist jahrzehntealt. Auch Trockeneis oder flüssiger Stickstoff eignen sich dafür. Eingebracht in die Wolken - entweder von Flugzeugen oder vom Boden abgeschossen - bewirkt es, dass sich das Wolkenwasser um die feinen Silberjodid-Tröpfchen legt. Es entstehen Tropfen, die Wolke regnet ab.

Die Chinesen sind nicht die ersten, die künstlich Sonnenschein für ein Großereignis erzeugen wollen: Auch Russland will zum Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland keine Regentropfen und schickt jedes Mal rechtzeitig Flugzeuge gegen die Wolken in die Luft.

Silberjodid zum Wolkenimpfen wurde erstmals in den USA in den vierziger Jahren eingesetzt. Das Militär hatte großes Interesse an der Technik: Im Vietnam-Krieg impfte es Wolken über dem Ho-Chi-Minh-Pfad, um so die Unterstützung feindlicher Truppen in Südvietnam zu verhindern. 1978 dann wurde sogar eine Uno-Konvention erlassen, die den Einsatz von wettermodifizierenden Maßnahmen verbot.

Stündliche Wettervorhersagen mit IBM-Supercomputer

Die Sorgen um eine verregnete Eröffnungsfeier und Spiele sind berechtigt - der August ist einer der regenreichsten Monate in der Region Peking. Die Chancen für einen trockenen Eröffnungstag der Olympischen Spiele schätzen Guo Wenli, Direktor des Beijing Climate Center und Wang Yubin, stellvertretender leitender Ingenieur des Beijing Meteorological Bureau, auf 50 Prozent. Und für die Dauer der rund zwei Wochen dauernden Spiele rechnen die Wissenschaftler im Schnitt alle drei Tage mit Regen.

Um solch langfristige Vorhersagen machen zu können, haben die Forscher erst im vergangenen Jahr einen neuen Supercomputer von IBM angeschafft. Mit ihm wollen sie das Wetter in einer Region von 44.000 Quadratkilometern genau überwachen und stündlich Wettervorhersagen liefern - und zwar für jeden einzelnen Quadratkilometer.

Dabei könnte Regenschutz so einfach sein: Um die 91.000 Zuschauer im Olympiastadion trocken zu halten, müsste man nur im Falle von Regen ein Schiebedach über das Vogelnest fahren - wie es bei anderen Stadien Gang und Gäbe ist. Im Entwurf der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron war es vorgesehen. Dann wurde es gestrichen. Zu teuer, sagten die Chinesen.

Das Geld geben sie lieber für die kostspieligen Wettermodifizierungsmaßnahmen aus. Landesweit soll China 50.000 Wolkenkrieger im Einsatz haben. In der Regel will man mit der Wolkenimpferei Regen in Gegenden erzeugen, wo Wasser dringend benötigt wird. Diesen himmlischen Krieg - das "nationale Wetterbeeinflussungsprogramm" - lässt sich die Regierung einiges kosten. Wie die "Times" berichtet, hat das Land in den letzten fünf Jahren mehr als 500 Millionen US-Dollar in die Wetterbeeinflussung investiert.

Nach Angaben der China Meteorological Administration besitzt die Volksrepublik 6781 Artilleriekanonen und 4110 Raketenwerfer für die Regenerzeugung. Zwischen 1995 und 2003 seien 4231 Flüge unternommen worden, um Wolken zu impfen. Besonders gut, schwärmen chinesische Meteorologen, funktioniere diese Technik bei kleineren Wolken. Auch die Bildung gefährlicher großer Hagelkörner könne damit unterbunden werden.

"Eine Wolke, die nicht regnen will, regnet nicht"

Ob die Wolkenschießerei etwas bringt, ist fraglich. "Die vielen Studien, die zur Wolkenbeeinflussung gemacht wurden, zeigen keinen signifikanten Effekt", sagte Stephan Borrmann vom Institut für Physik der Atmosphäre an der Universität Mainz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eine Wolke, die nicht regnen will, regnet nicht." Dennoch gibt es in vielen Ländern Wetterkontrollprogramme - laut eines Berichts der Klimaforscher vom US-amerikanischen Board on Atmospheric Sciences and Climate (BASC) aus dem Jahr 2003 in insgesamt 24 Ländern.

Möglicherweise werden die Spiele aber ohnehin trocken verlaufen - und das ganz ohne Kanonen. "Smog und Aerosole in der Luft unterdrücken Regen", sagt Borrmann. So gesehen wäre Peking eigentlich schon bestens gegen Regen gerüstet - die Stadt erstickt im Smog. Allerdings arbeiten die Chinesen auch daran, die miserable Luftqualität zu verbessern . Um dieses Ziel zu erreichen, wäre es aber gut, wenn es regnete. "Denn Regen", so Borrmann, "ist die beste Luftreinhaltungsmaßnahme".

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