Online-Datenbank: Riesenansturm legt Enzyklopädie des Lebens lahm

Es ist das vielleicht ehrgeizigste Web-Projekt der Gegenwart: Die "Encyclopedia of Life" soll alle bekannten Lebensformen der Erde auflisten. Jetzt ist die Online-Datenbank mit den ersten 30.000 Spezies gestartet - und prompt unter dem Ansturm der Neugierigen kollabiert.

Die Datenbank allen Lebens ist online: Mit den ersten 30.000 Spezies wurde die "Encyclopedia of Life" eröffnet - und ging prompt wieder offline. Das Interesse war in den ersten Stunden so groß, dass die Server unter der Last der Anfragen zusammengebrochen sind. Inzwischen ist die Lebens-Datenbank wieder erreichbar - allerdings nur mit sechs Beispielseiten. Von 30.000 Spezies war am Mittwochmorgen deutscher Zeit keine Spur.

Beispielseite in der "Encyclopedia of Life": Riesen-Andrang bei der Lebens-Datenbank

Beispielseite in der "Encyclopedia of Life": Riesen-Andrang bei der Lebens-Datenbank

"Wir wurden vom Datenverkehr überwältigt", sagte Jesse Ausubel von der New Yorker Rockefeller University, der Vorsitzende des EOL-Projekts. "Das ist aufregend." In den ersten fünf Stunden sei die Website rund 11,5 Millionen Mal abgerufen worden - eine beeindruckende Zahl angesichts des noch sehr überschaubaren Angebots. Ausubel konnte anhand der Statistiken auch schon den ersten Publikumsliebling nennen: den giftigen Knollenblätterpilz. "Das könnte etwas über die mörderischen Absichten der Menschen aussagen", scherzte der Forscher.

Sollte die EOL-Seite tatsächlich einmal 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten beinhalten - so das erklärte Ziel des auf zehn Jahre angelegten 100-Millionen-Dollar-Projekts -, dann wird sich die Anzahl der Seitenabrufe vervielfachen. Die Organisatoren sehen sich dennoch auf einem guten Weg: Sie haben nach eigenen Angaben bereits eine Million Platzhalter-Seiten eingerichtet. Alle bisherigen Seiten seien von Wissenschaftlern erstellt worden, sagte Ausubel. In einigen Monaten werde die Lebens-Enzyklopädie auch Beiträge ihrer Leser akzeptieren - genauso wie die Wikipedia.

Hoffen auf den Wikipedia-Effekt

Dafür, dass die "Encyclopedia of Life" zur Erfolgsgeschichte werden könnte, spricht eine weitere Parallele zur Wikipedia: Die Menge an Wissen, das abgebildet werden könnte, ist grenzenlos. Niemand weiß auch nur halbwegs genau, wie viele Tier- und Pflanzenarten sich wirklich auf der Erde tummeln. Grobe Schätzungen belaufen sich auf 10 bis 100 Millionen. Die bisher bekannten 1,8 Millionen Spezies sind deshalb bestenfalls ein Anfang, zumal über viele dieser Arten nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie existieren.

Der jetzige Start der Online-Enzyklopädie ist nur ein kleiner erster Schritt, sagte James Edwards, geschäftsführender EOL-Direktor. "Hier ist unser erster Versuch, diese Enzyklopädie zusammenzustellen - bitte geben Sie uns Rückmeldung, Kritik und Kommentare." Das sei die momentan wichtigste Botschaft.

Edward Wilson, Biologe an der Harvard University und einer der geistigen Väter der Lebens-Enzyklopädie, äußerte sich dagegen geradezu euphorisch über die ersten Ergebnisse des im Mai 2007 begonnenen EOL-Projekts. "Dieses Ding hebt ab wie eine Rakete. Es befeuert die Forschung schon jetzt." Die Enzyklopädie ermögliche, die großen Muster zu erkennen, die von hoch spezialisierten Wissenschaftlern in ihren eng begrenzten Forschungsfeldern oft übersehen würden.

Blick auf große Zusammenhänge

Wer etwa den menschlichen Alterungsprozess erforsche, betrachte oft eine kleine Zahl von Lebewesen wie etwa Fruchtfliegen oder Würmer. "Wir wollen dagegen den Blick auf eine Gruppe von Organismen ermöglichen, um extreme Erscheinungen zu erkennen", sagte Edwards. Fliegen mit ungewöhnlich kurzer oder langer Lebensdauer könnten etwa mit klassischen Labor-Fruchtfliegen verglichen werden, um molekulare oder genetische Hinweise auf die Funktionsweise des Alterns zu finden. Solche vergleichenden Informationen über verschiedene Arten seien derzeit nur schwer erhältlich.

Vorstellbar seien auch praktische Anwendungen der Enzyklopädie. Komme es etwa in einem Entwicklungsland zum Ausbruch einer Seuche oder einer Plage, könne man die Datenbank über die beteiligten Insekten befragen und Gegenmaßnahmen entwickeln.

"Ich hoffe, dass innerhalb der nächsten zwölf Monate die ersten wissenschaftlichen Artikel geschrieben werden, die ohne die Encyclopedia of Life nicht möglich gewesen wären", sagte Ausubel. So könnten Wissenschaftler beispielsweise eines Tages Hunderttausende Spezies miteinander vergleichen und die sogenannte Cope-Regel überprüfen, laut der Lebewesen über geologische Zeitspannen immer größer werden. Die Vorfahren der Pferde etwa seien so groß gewesen wie die heutigen Hunde.

"Die Encyclopedia of Life gestattet die kostengünstige und effiziente Verbindung zahlreicher Datenbanken, die einzelne Forscher nie zusammenbringen könnten", sagte Ausubel. Das derzeitige Fehlen einer solchen Enzyklopädie sei so, als wolle man eine Sprache ohne ein Wörterbuch studieren. "Allein der Versuch, alle diese Spezies zusammenzuführen, ist eine Revolution."

mbe/Reuters/AP

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